Jayson Leutwiler: Der Traum des unbekannten Legionärs
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Jayson LeutwilerDer Traum des unbekannten Legionärs

Shrewsbury, Touristenstadt in den West Midlands. Geburtsort von Charles Darwin. Hier fand ein Schweizer Fussballer sein Glück. Gestatten, Jayson Leutwiler.

von
Sandro Compagno

Kein Goalie in einer europäischen Profi-Liga spielte 2014/15 öfter «zu Null» wie Jayson Leutwiler. (Quelle: YouTube)

Nein, heute muss der Torhüter des englischen Drittligisten Shrewsbury Town seinen Freunden in der Schweiz nicht mehr erklären, dass er vom Fussball lebt. «Früher wurde ich oft gefragt, was ich denn neben dem Fussball noch so arbeite», erzählt der 26-Jährige mit einem Schmunzeln. In einem Land wie der Schweiz, in dem schon in der zweiten Liga viele Halb-Profis am Werk sind, ist es manchmal schwer zu vermitteln, dass England vier Profi-Ligen mit insgesamt 92 Profi-Mannschaften unterhält.

Jayson Leutwiler verdient sein Geld in der League One, so heisst Englands dritte Liga: «Millionär werde ich nicht, aber ich lebe hier sehr gut.» Und vor allem lebt Leutwiler in England seinen Traum.

Highlight gegen Manchester United

5000 Zuschauer passieren im Durchschnitt die Drehkreuze des «New Meadow»-Stadions. Am vergangenen Montag waren es doppelt so viele. «The Shrews» empfingen Manchester United im FA Cup. Die Erwartungen waren hoch, der «Telegraph» widmete dem Spiel zwischen dem Drittligisten und dem kriselnden Rekordmeister eine längere Vorschau – in deren Zentrum Jayson Leutwiler stand. Dieser machte seine Sache 90 Minuten lang sehr gut, doch am Ende stand es 0:3, auch in der Formkrise war Manchester United eine Nummer zu gross.

Nach Shrewsbury fand der 1,95 Meter grosse Neuenburger eher zufällig. Mit 16 Jahren war der damalige Junioren-Internationale von Xamax zum FC Basel gestossen. Später spielte er leihweise in Yverdon, Wohlen und Schaffhausen. An einem Spiel der Basler Reserven gegen Dornach fiel er einem Scout von Middlesbrough auf, damals wie heute in der zweiten englischen Division (Championship). Er wechselte auf die Insel, konnte sich aber nicht durchsetzen. Fünfmal stand er in zwei Jahren bei «Boro» im Tor: «Es war eine gute Zeit, aber die Konkurrenz war zu gross.» Er ging nach Shrewsbury und stieg gleich im ersten Jahr auf.

Teamkollege von Yann Sommer

Einst war Jayson Leutwiler beim FC Basel der dritte Goalie, als ein gewisser Yann Sommer das Shirt mit der Nummer 1 trug. Sommer, knapp ein halbes Jahr älter, stand dieses Jahr in der Champions League gegen Juventus Turin im Tor, Leutwiler spielt gegen Teams wie Barnsley, Scunthorpe United oder Crewe Alexandra. «Ich freue mich, dass Yann Sommer diesen Weg gegangen ist. Mein Weg war ein anderer. Ich bin glücklich, wo ich bin», sagt er neidlos. Im Sommer läuft sein Vertrag in Shrewsbury aus. Der Club möchte ihn behalten, er möchte bleiben und wartet auf eine Offerte. Seine Leistung gegen Manchester United ist ein gutes Argument.

Doch das wichtigere Spiel für Jayson Leutwiler und Shewsbury Town steht am Samstag auf dem Spielplan. Der Aufsteiger ist während einer Verletzungspause des Schweizer Schlussmanns auf einen Abstiegsplatz abgerutscht. «Ein fitter Jayson Leutwiler bringt uns 20 Punkte pro Saison», sagt Routinier Zak Whitbread. Am Samstag geht es 300 km nach Südwesten zum Tabellenletzten Colchester. Leutwiler ist fit. Drei Punkte sind Pflicht. Auch in der dritten Liga überleben nur die Besten. Charles Darwin könnte das

bestätigen.

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