US-Wahlkampf: Der Twitter-Krieg zwischen Trump und Clinton
Aktualisiert

US-WahlkampfDer Twitter-Krieg zwischen Trump und Clinton

Angriffe, Spott und Beleidigungen: Erstmals wird ein Grossteil des US-Wahlkampfs auf Twitter ausgetragen.

von
Barbara Ortutay
AP
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Donald Trump hat rund 13 Millionen Follower auf Twitter, Hillary Clinton rund 10 Millionen.

Donald Trump hat rund 13 Millionen Follower auf Twitter, Hillary Clinton rund 10 Millionen.

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Erstmals wird ein Grossteil des US-Wahlkampfs auf Twitter ausgetragen.

Erstmals wird ein Grossteil des US-Wahlkampfs auf Twitter ausgetragen.

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Beunruhigende Entwicklung: Jeder dritte Amerikaner befürchtet gefälschte Präsidentschaftswahlen. (9. Oktober 2016)

Beunruhigende Entwicklung: Jeder dritte Amerikaner befürchtet gefälschte Präsidentschaftswahlen. (9. Oktober 2016)

Keystone/John Locher

Für die Kandidaten des US-Präsidentschaftswahlkampfs werden soziale Medien immer wichtiger. Dabei verfolgen Donald Trump und Hillary Clinton völlig unterschiedliche Strategien.

Der Kampf war spätestens dann eröffnet, als Donald Trump im Juni auf Twitter über Barack Obamas Unterstützung für Hillary Clinton wetterte. Das Wahlkampfteam der Demokratin reagierte prompt mit einer eisigen Antwort: «Löschen Sie Ihr Nutzerkonto.» Die Aussage – auf Englisch «Delete your account» – ist eine typische Reaktion in sozialen Medien, wenn jemand einen Witz ordentlich versemmelt hat.

Vor vier Jahren machten Obama und Romney erste Gehversuche

Der vielsagende Schlagabtausch stellte die Weichen für den ersten US-Präsidentschaftswahlkampf, der massgeblich auf Twitter ausgetragen wird. Zugleich zeigte er, wie die beiden Kandidaten den Kurznachrichtendienst einsetzen, um ihre Botschaften zu vermitteln, den Gegner zu attackieren und mit Wählern direkt in Kontakt zu treten. Dabei umgehen Trump und Clinton weitgehend die traditionellen Medien. Sie setzen aber weiterhin auf Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen als Verstärker für ihre Konter in den sozialen Medien.

Twitter ist im Wahlkampf 2016 so allgegenwärtig, dass leicht in Vergessenheit gerät, wie jung das Phänomen in diesem Kontext ist. Noch vor vier Jahren machten Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney gerade ihre ersten Gehversuche in den sozialen Netzwerken. In diesem Jahr dagegen sind diese für viele Amerikaner zu einer wichtigen Informationsquelle geworden.

«Bitte lassen Sie Herrn Trump ausreden»

Hillary Clinton und Donald Trump fielen sich immer wieder ins Wort.

Ein Team verfasst Clintons Nachrichten

In einer Umfrage des Pew Research Center vom Januar erklärten 44 Prozent der Erwachsenen, sie hätten in der zurückliegenden Woche über die Wahl mehr aus sozialen Medien als aus der Presse erfahren. «Die Leute nutzen Twitter, um mit Live-Ereignissen, Momenten und den Kandidaten dieser Kampagne direkter verbunden zu sein, als es Wählern in der Vergangenheit je möglich war», sagt der Twitter-Chef für Nachrichten, Regierungen und Wahlen, Adam Sharp.

Die Kandidaten nutzen das nach Kräften aus, nur ganz unterschiedlich. Während Trump nach eigenen Angaben viele seiner Tweets selbst schreibt, stammt der Grossteil von Clintons Kurznachrichten von ihrem Team, wie sie zugibt. Die wenigen Botschaften, die sie selbst verfasst, sind mit einem «-H.» am Ende gekennzeichnet. In Sachen Reichweite liegt der Republikaner klar vorn: Er hat 12,7 Millionen Follower und damit deutlich mehr als die Demokratin, die auf rund zehn Millionen kommt.

«Delete your account»

Der ehemalige Reality-TV-Star zieht mit seinen Tweets und Retweets fast täglich grosse Aufmerksamkeit auf sich, zuletzt mit seinen Angriffen auf republikanische Parteikollegen und der nicht belegten Behauptung, die Wahl vom 8. November werde manipuliert sein. Im Vorwahlkampf hatte es Trump regelmässig mit harschen Beleidigungen und oft haltlosen Vorwürfen gegen seine innerparteilichen Konkurrenten in die Nachrichten geschafft.

Seit Beginn des Wahlkampfs gegen Clinton hat sich die Taktik des Republikaners kaum geändert, allenfalls der Fokus seiner Angriffe wechselt. Seine Gegnerin bezeichnet er ständig als «betrügerische Hillary», und immer wieder prangert er Medien dafür an, dass sie über seine Verluste in Umfragen berichten. Zugleich lässt er immer wieder lange, manchmal nächtliche Twitter-Breitseiten vom Stapel, unter anderen gegen eine Schönheitskönigin, die muslimische Familie eines getöteten US-Soldaten und einen Bundesrichter.

Wenn dagegen das Clinton-Lager zum Angriff bläst, setzt es Twitter eher als Stilett denn als Knüppel ein. Die Clinton-Antwort «Delete your account» wurde binnen kürzester Zeit mehr als eine halbe Million Mal retweetet und beherrschte tagelang Blogs und Nachrichtenseiten.

Clintons Social-Media-Team reagiert schnell

Trump sei «eine grobe Person, die alles ausspricht», erklärt der Kommunikationsprofessor Ian Bogost über den Twitter-Stil des 70-Jährigen. Dessen Anhänger fänden das «sehr erfrischend». Für Clinton stehe es hingegen im Vordergrund, mit ihren Tweets zu zeigen, dass sie mit dem Internet sehr vertraut sei, schreibt der Wissenschaftler von der Georgia-Tech-Universität im Magazin «The Atlantic».

Das demonstrierte die Demokratin auch unmittelbar nach ihrer ersten TV-Debatte mit Trump am 26. September. Dabei bestritt der Republikaner, den Klimawandel als Schwindel bezeichnet zu haben, den sich die Chinesen ausgedacht hätten. Clintons Social-Media-Team reagierte prompt und leitete einen Tweet von Trump aus dem Jahr 2013 weiter, in dem er genau das erklärt hatte.

Beide Kandidaten verfolgen unterschiedliche Ziele

Der Milliardär versuchte sich an einer Retourkutsche. Nachdem Clinton einen Grossteil von Trumps Anhängern als «bedauernswert» bezeichnet hatte, schickte Trump den Retweet einer vier Jahre alten Nachricht von Obama mit dem Wortlaut, die USA brauchten keinen Präsidenten, «der fast die Hälfte des Landes abschreibt». Doch er geriet auch in die Kritik, weil er wiederholt Nachrichten weisser Nationalisten und mindestens ein als antisemitisch kritisiertes Bild weiterleitete.

Dass beide Kandidaten völlig unterschiedliche Ziele in den sozialen Medien verfolgen, überrascht wenig. Trump setzt das Medium schon seit 2009 als direkten Kanal zur Öffentlichkeit ein. Heute wirbt er dort entweder für sich oder zündet Nebelkerzen, wie etwa mit seiner Falschaussage, Obama sei kein gebürtiger Amerikaner.

«...und es geht total in die Hose»

Experten haben dabei bemerkt, dass die meisten der radikaleren Tweets vom selben mobilen Endgerät stammen. Die Twitter-Gemeinde quittierte das mit Spott - nach dem Motto, Trumps Beratern gelinge es offenbar nicht, dem Kandidaten bei seinen Tiraden das Handy wegzunehmen.

Auch Clinton hatte nicht von Anfang an Erfolg in ihrem Bemühen, sich als geübte Social-Media-Nutzerin zu präsentieren. So ging ein früher Tweet rasch nach hinten los, in dem das demokratische Team User aufforderte, in drei Emojis ihre Haltung zur Verschuldung von Studenten auszudrücken. Eine der Reaktionen lautete: «Das ist so, als würde deine Mutter versuchen, vor deinen Freunden einen hippen Eindruck zu machen, und es geht total in die Hose.»

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