Angelo Scola: Der umgängliche Reformer
Aktualisiert

Angelo ScolaDer umgängliche Reformer

Der Mailänder Erzbischof Angelo Scola gilt als Topfavorit für die Papst-Nachfolge. Er war einst verlobt, stand Silvio Berlusconi nahe und hat einen starken Schweiz-Bezug.

von
Peter Blunschi

Das heute beginnende Konklave, das den Nachfolger für den zurückgetretenen Papst Benedikt XVI. wählen wird, gilt als völlig offen. Mehrere der 115 wahlberechtigten Kardinäle werden als «papabile», als papsttauglich betrachtet. In den letzten Tagen haben sich jedoch zwei «Frontrunner» herauskristallisiert: Der brasilianische Kardinal Odilo Scherer, Erzbischof von São Paulo, und der Italiener Angelo Scola. Er soll sich gemäss «La Repubblica» in den Vorgesprächen bereits 40 Stimmen gesichert haben. Das wäre mehr als ein Drittel und damit eine Sperrminorität. Für die Papstwahl werden 77 Stimmen benötigt.

Scola ist laut der Zeitung der Favorit der «Reformer» gegen die «römische Partei». Gemeint ist die von Intrigen und Skandalen erschütterte Kurie um den bisherigen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Angeblich wird der 71-jährige Scola vor allem von Mitteleuropäern und US-Amerikanern unterstützt. Sie trauen ihm zu, dass er im Vatikan «aufräumen» kann. Letztlich ist dies Spekulation, doch kaum jemand bezweifelt, dass Scola das Zeug zum Pontifex hat. Als Erzbischof von Mailand und ehemaliger Patriarch von Venedig vereinigt er zwei Ämter auf sich, aus denen in der jüngeren Vergangenheit mehrfach Päpste hervorgingen.

Studium in Freiburg

Volksnähe und Bauernschläue zeichnen Angelo Scola aus. Er wurde 1941 am Comersee geboren, als Sohn eines Lastwagenfahrers und überzeugten Sozialisten sowie einer tief gläubigen Mutter. Die weltlichen Seiten des Lebens sind ihm nicht fremd, er soll laut «Reppublica» sogar mit einer attraktiven jungen Frau verlobt gewesen sein, ehe er sich für die Priesterlaufbahn entschied. Sein intellektuelles Rüstzeug ist beeindruckend, er studierte in Mailand sowie an der Universität Freiburg im Üechtland. Nach weiteren Studien in München und Paris kehrte er von 1979 bis 1982 als wissenschaftlicher Mitarbeiter nach Freiburg zurück.

Für einen starken Bezug Scolas zur Schweiz sorgte auch einer seiner wichtigsten Lehrer, der Luzerner Theologe Hans Urs von Balthasar. 1991 ernannte Papst Johannes Paul II. Scola zum Bischof von Grosseto. Nach einem Abstecher in den Vatikan erfolgte 2002 die Berufung zum Patriarchen von Venedig. In dieser Funktion gründete er die Zeitschrift «Oasis», die laut Scola «das Verständnis und die Freundschaft mit der muslimischen Welt pflegen will». Im Dialog mit Andersgläubigen zeigt er mehr Fingerspitzengefühl als der abgetretene Papst, der gegenüber Juden und Muslimen mehrfach in den Fettnapf getreten ist.

Konservativ, aber nicht reaktionär

Benedikt XVI. selber scheint viel von Angelo Scola zu halten. Die Tatsache, dass er ihn 2011 mit fast 70 Jahren zum Erzbischof des mächtigen Bistums Mailand ernannte, wird als Fingerzeig aufgefasst, dass er in Scola einen möglichen Nachfolger sieht. Zumal dieser theologisch auf Linie ist: Streng konservativ, aber nicht reaktionär. Er lehnt das Frauenpriestertum ab und verteidigt die kirchliche Sexuallehre. Angelo Scola stehe fest zu den Grundsätzen des Katholizismus, «ohne den Nachteil, ein Demagoge zu sein», zitiert Spiegel Online aus einer Wikileaks-Depesche der US-Botschaft in Rom. «Scola ist kosmopolitisch, umgänglich, intelligent und hat eine warmherzige, freundliche Persönlichkeit», heisst es weiter.

Beste Voraussetzungen also für einen Neustart auf dem Stuhl Petri nach dem distanzierten Intellektuellen Joseph Ratzinger. Und doch ist der Mailänder Erzbischof nicht unumstritten. Für Kritik sorgt seine Nähe zu Ex-Ministerpräsident und Medienzar Silvio Berlusconi, den er in den 1970er Jahren in Philosophie unterrichtet hatte, sowie zur konservativen Bewegung Comunione e Liberazione. Sie wurde wiederholt mit Korruptionsfällen in Verbindung gebracht, zuletzt im Rahmen der Vatileaks-Affäre. Angelo Scola jedenfalls bemühte sich in letzter Zeit auffällig darum, seine Beziehungen zu der umstrittenen Vereinigung herunterzuspielen.

Bertone kontra Scola?

Auf seine Wahlchancen dürfte dies kaum Einfluss haben. Zum Problem werden könnte dafür Kurien-Chef Tarcisio Bertone, der den «Reformer» Scola angeblich als Papst verhindern will. Und da wäre noch die bekannte Redensart «Wer als Papst ins Konklave einzieht, kommt als Kardinal wieder heraus» – ein Verweis darauf, dass in der Vergangenheit häufig nicht einer der Favoriten, sondern ein Aussenseiter gewählt wurde. Manchmal allerdings schafft es ein «Frontrunner» eben doch, wie Joseph Ratzinger 2005 oder Giovanni Battista Montini alias Paul VI. vor 50 Jahren. Er war vor seiner Wahl Erzbischof von Mailand.

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