Aktualisiert 05.08.2008 21:07

MedaillenhoffnungDer unaufhaltsame Aufstieg des Fabian Cancellara

Fabian Cancellara (27) hat einmal angemerkt, im Zeitfahren zählten nur die Beine und der Kopf. Am 13. August will der Berner Radprofi diese beiden Komponenten in eine Olympiamedaille ummünzen.

Ob aus Fabian Cancellara ein guter Fussballer geworden wäre? Die Frage kann nicht schlüssig beantwortet werden. Nach ersten Versuchen wurde er von seinem Vater auf den Geschmack des Radsports gebracht. Das Talent des Youngsters wurde bald offensichtlich. Schon viele Athleten sind jedoch gescheitert, weil die Befähigung allein für anhaltende Spitzenergebnisse nicht ausreicht. Im Fall von Cancellara ergaben der Einfluss des aus Italien stammenden Vaters und der Schweizer Mutter eine optimale Mischung zwischen Lockerheit und Disziplin.

Genau zehn Jahre sind es her, dass Fabian Cancellara von der Anfänger- in die Junioren-Kategorie aufrückte und bereits im zweiten Saisonrennen siegte, obwohl er sich nicht in Form fühlte und die Gegner weit mehr Trainingskilometer in den Beinen hatten. Der Berner verblüffte noch in anderer Hinsicht: An der Schweizer Bergmeisterschaft in Bowil musste er nur Michael Albasini den Vortritt lassen. Im April jenes Jahres rückte der Junior aus Hinterkappelen in einen Zeitfahr-Kurs ein, obwohl er zuvor kaum einen Gedanken an diese Disziplin verschwendet hatte. Ein halbes Jahr später - und nach einem vielbeachteten Sieg im GP des Nations - war Cancellara Junioren-Weltmeister. Den Triumph bestätigte er ein Jahr danach mit eklatanter Überlegenheit.

Zahlreiche damalige Gegner Cancellaras haben den Radsport inzwischen aufgegeben oder sind im Mittelfeld versumpft. Er ging hingegen seinen Weg. Dazu gehörte unter anderem der Abschluss der Lehre als Elektromonteur, obwohl ihn die Verantwortlichen der Nachwuchsabteilung von Mapei gerne von Anfang an zu 100 Prozent verpflichtet hätten. Der Berner wurde in Italien behutsam aufgebaut, konnte an der Seite der Stars Erfahrungen sammeln und wechselte nach der Auflösung des Rennstalls zum "eisernen General" Giancarlo Ferretti. Cancellara fühlte sich dort wohl, wogegen andere Fahrer unter dem diktatorischen Gehabe des sportlichen Leiters litten.

Noch in den Farben von Fassa Bortolo gewann Cancellara 2004 in Lüttich den Prolog der Tour de France. Er trug zwei Tage lang das Maillot jaune, womit ihm weltweite Publizität sicher war. Auch dieses Team wurde aufgelöst. Der Wechsel zu Bjarne Riis' Team CSC auf die Saison 2006 hin erwies sich für beide Seiten als segensreich. Cancellara triumphierte im Pavés-Klassiker Paris -Roubaix und wurde in Salzburg Zeitfahren-Weltmeister der Elite. Diesen Titel verteidigte er im vergangenen September in Stuttgart mit Erfolg.

Die Heirat mit Stefanie im November 2007 und die Geburt der Tochter Claudia im gleichen Winter liessen in Fabian Cancellara den Familienmenschen hervortreten. Die Saisonvorbereitungen gerieten etwas zu kurz, so dass sich Siege erst ab Juni einstellten und im Juli in Erfolgen im Prolog und in der 3. Etappe der Tour de France sowie sieben Tagen im Maillot jaune gipfelten.

Im letzten Winter musste sogar die Familie zurückstehen, weil Cancellara alles dem grossen Ziel olympisches Zeitfahren unterordnete. Der Berner gewann unter anderem Tirreno - Adriatico und Mailand - San Remo, er setzte sich auf brilliante Art und Weise in zwei Etappen der Tour de Suisse durch. In der Tour de France rackerte er sich für seinen Teamcaptain Carlos Sastre ab.

Dass Stefan Schumacher gleich beide Tour-Zeitfahren für sich entschied, entlastet Cancellara. Der Druck ruht nicht mehr nur auf seinen Schultern, obwohl er selten Probleme bekundete, wenn er zum Favoriten gestempelt wurde. Der Berner hat im Verlaufe von acht Profi-Saisons herausgefunden, wie er seine Ziele erreichen kann. Dazu gehört im Fall Pekings, dass er von Leuten seines Vertrauens umgeben sein will.

Im Kreise seiner Berufskollegen ist Cancellara sehr beliebt. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass er all seiner Erfolge zum Trotz nie abgehoben hat. Cancellara ist stets auf dem Boden geblieben. Daran wird aller Voraussicht nach auch ein Medaillengewinn an den Olympischen Sommerspielen nichts ändern.

(si)

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