Aktualisiert 08.05.2018 07:21

Analyse der Bahn-Verbindungen

Der unpünktlichste Zug ist 8 von 10 Mal zu spät

Fahren Sie bloss nicht mit dem Eurocity 56 von Brig nach Basel oder mit der S50 im Tessin, wenn Sie pünktlich ankommen wollen.

von
Nikolai Thelitz
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Platz 10 und 9 der unpünktlichsten Zugverbindungen gehen an zwei Regio-Express-Züge im Tessin mit den Nummern 25528 und 22530. Sie verkehren jeweils abends von Chiasso nach Lugano.

Platz 10 und 9 der unpünktlichsten Zugverbindungen gehen an zwei Regio-Express-Züge im Tessin mit den Nummern 25528 und 22530. Sie verkehren jeweils abends von Chiasso nach Lugano.

Davide Agosta
Platz 8 geht an den Extrazug 2087 der RhB. Er fährt von Davos nach Chur und ist bei 72,5 Prozent der Stopps verspätet.

Platz 8 geht an den Extrazug 2087 der RhB. Er fährt von Davos nach Chur und ist bei 72,5 Prozent der Stopps verspätet.

Keystone/Gaetan Bally
Platz 7: Der TGV 9277 von Paris nach Lausanne. In drei von vier Fällen kommt der Zug verspätet an.

Platz 7: Der TGV 9277 von Paris nach Lausanne. In drei von vier Fällen kommt der Zug verspätet an.

Keystone/Laurent Gillieron

Anhand von Daten zu rund 12,7 Millionen Zug-Halten von Januar bis April 2018 hat 20 Minuten analysiert, welche regelmässigen Zugverbindungen in der Schweiz am häufigsten verspätet sind oder ausfallen. Ein Zug gilt ab drei Minuten Verspätung bei der Ankunft als unpünktlich.

Auf Platz 1 der unzuverlässigsten Züge landet der Eurocity 56, der in der Schweiz die Stecke Brig-Basel bedient. Er ist in 79,1 Prozent der Fälle verspätet, Reisende in diesen Zügen kommen im Schnitt 16 Minuten und 48 Sekunden zu spät an.

Internationale Verbindungen sind oft verspätet

Weit oben auf der Rangliste landen auch der Eurocity 42 von Domodossola nach Genf, verschiedene Lokal-Verbindungen im Tessin und der TGV Nummer 9277 von Paris nach Lausanne. Betrachtet man nicht einzelne Verbindungen, sondern Zug-Linien, so schnappt sich die S50 zwischen Varese, Mendrisio und Bellinzona den ersten Platz. Auch der Intercity 6 (Basel-Brig) und die TGV-Züge in die Schweiz sind häufig verspätet.

Bei den Verbindungen zwischen den grossen Städten zeigen sich ebenfalls Unterschiede. Während der IC1 von Genf über Bern und Zürich nach St. Gallen zu 11,2 Prozent verspätet ist, sind es beim IC2 zwischen Zürich und Lugano nur 8,1 Prozent. Die Verbindung Zürich–Basel mit dem IC3 ist in 10 Prozent der Fälle verspätet. Der Interregio 70 zwischen Zürich und Luzern ist zu 8,5 Prozent verspätet, der IR15 zwischen Luzern und Genf zu 12,4 Prozent.

Die pünktlichste Zuglinie der Schweiz ist die S26 der Appenzeller Bahnen, die Bergbahn Rheineck–Walzenhausen. Von 10'144 registrierten Stopps war nur ein Einziger verspätet, am 6. April kam die Bahn in Walzenhausen um 16.20 Uhr statt um 16.11 Uhr an. Platz 2 geht an die S81 zwischen Herisau, St. Gallen und Wittenbach, sie ist nur in 0,7 Prozent der Fälle verspätet. Auf Platz 3 landet mit 1,6 Prozent Verspätung die S3 zwischen St. Gallen und St. Margrethen.

«Schweiz soll in Norditaliens Schienennetz investieren»

Das Ranking macht deutlich: Es sind Züge aus Italien, die mit den grössten Problemen zu kämpfen haben. «Das italienische Streckennetz auf Nebenstrecken ist in einem schlechten Zustand», sagt Edwin Dutler von Pro Bahn. Er sei selbst oft in Italien unterwegs, und der Zug zurück in die Schweiz sei sehr oft verspätet. «Die Italiener haben tolle Hochgeschwindigkeitszüge und -strecken zwischen den Städten, doch alles, was nördlich von Mailand passiert, interessiert sie nicht.»

Dutler sagt weiter: «Jeder neue CEO von Trenitalia verspricht Besserung, doch passieren tut nichts.» Was es brauche, sei eine finanzielle Investition in das Schienennetz in Norditalien seitens der Schweizer Regierung. «Das hat zum Beispiel bei der Strecke Zürich-München funktioniert», so Dutler. Der konkrete Bereich, in dem nachgebessert werden müsse, sei je nach Strecke unterschiedlich.

«Die SBB arbeitet mit Hochdruck an einer Verbesserung»

Laut SBB-Sprecher Daniele Pallecchi sind die Verspätungen aus dem Ausland immer wieder Thema binationaler Gespräche. Im Tessin sei der Betrieb durch die neue Bahnlinie Mendrisio–Varese und den neuen Knoten Mendrisio herausfordernd. «Die SBB ist zusammen mit dem Kanton Tessin und den italienischen Partnern mit Hochdruck daran, eine Verbesserung herbeizuführen. Gerade im Süden wird der kommende Ceneri-Basistunnel auf mehreren Ebenen Entspannung bringen.»

In der Regel gebe es für die Kunden SBB-Ersatzzüge, wenn Verbindungen aus dem Ausland verspätet seien. Wichtiger als die Verspätung eines Zuges sei für die Kunden, dass sie beim Umsteigen ihren Anschlusszug erwischen würden. «Wir haben darum bei den grossen Knotenbahnhöfen einen Puffer eingeplant, so dass die Kunden auch bei leicht verspäteter Ankunft bequem weiterreisen können.»

Auch Glacier- und Bernina-Express sind oft zu spät

Auch innerhalb der Schweiz gibt es jedoch Linien mit geringer Zuverlässigkeit. Besonders oft verspätet sind der Bernina- und der Glacier-Express der Rhätischen Bahn (RhB). Letzterer landet auf Platz 2 der verspätetsten Linien. RhB-Sprecher Simon Rageth sagt, ein Grund für die Verspätungen sei die einspurige Stecke, auf der sich eine Verspätung auch auf den entgegenkommenden Zug auswirke. «Zudem hat es in der warmen Jahreszeit viele Baustellen auf den Strecken und grosse Touristengruppen sorgen beim Ein- und Aussteigen für Verspätungen.» Ausserdem könne es bei beinahe acht Stunden Fahrzeit schon mal zu einer Verspätung kommen.

Dutler von Pro Bahn führt die Unpünktlichkeiten auf die zusätzliche Belastung im Fahrplan durch die Extra- und Panoramazüge zurück. «Die Verbindungen werden in den normalen Fahrplan gepresst, das Streckennetz wird intensiver genutzt und ist anfälliger für Verspätungen.» Er sei selber Reiseleiter im Glacier- und Berninaexpress. «Die Verspätungen sind aber hier nicht so schlimm, es sind ja Freizeitgäste und Touristen, die auch mal ein paar Minuten mehr Zeit haben.»

Details zur Datenanalyse

20 Minuten hat analysiert, wie viele Ankünfte einer Zugverbindung drei Minuten oder mehr Verspätung aufweisen. Es wurden alle Verbindungen vom 1. Januar bis zum 24. April berücksichtigt, die regelmässig verkehren (ab 100 Stops bei den Verbindungen, 1000 Stopps bei den Linien) und von grösseren Schweizer Transportunternehmen geführt werden.

Die Daten zu den Ankunftszeiten beruhen meist auf Berechnungen. Laut SBB wird an 53 Punkten die Pünktlichkeit gemessen und für die alle Haltestellen berechnet. Diese Berechnungen seien präzise und würden überprüft,sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Der Datensatz könne jedoch Fehler wie falsch zugeordnete Züge oder fehlende und doppelt erfasste Verbindungen enthalten. Die Daten seien darum «mit Vorsicht zu geniessen».

Die Daten sind frei verfügbar unter opentransportdata.swiss.

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