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«Titanic»-KatastropheDer Untergang der Unsinkbaren

Vor 100 Jahren kollidierte das Passagierschiff «Titanic» mit einem Eisberg. Mehr als 1500 Menschen fanden im eiskalten Wasser des Nordatlantiks den Tod.

von
Rolf Maag

Seit dem 10. April 1912 befand sich die «Titanic» auf ihrer Jungfernfahrt vom südenglischen Southampton nach New York. Das 46 329 Bruttoregistertonnen schwere, unerhört luxuriös ausgestattete Schiff wurde in einer Werbebroschüre seiner Besitzerin, der britischen Reederei «White Star Line», als «practically unsinkable» angepriesen.

Die Offiziere der Titanic, allen voran der über jahrzehntelange Erfahrung verfügende Kapitän Edward John Smith, waren sich bewusst, dass im April die gefährlichste Zeit der Schifffahrt über den Nordatlantik begann. Heute wie damals lösen sich durch die Erwärmung Eisberge von der Westküste Grönlands, die anschliessend durch den Labradorstrom vor die kanadische Insel Neufundland getrieben werden. Da die Standardrouten des Nordatlantikverkehrs genau durch diese Region (genannt «Grand Banks») verliefen, waren Kollisionen mit den Eisriesen alles andere als ungewöhnlich: Zwischen 1810 und 1958 wurden rund 560 registriert.

Die Kollision

Den Seeleuten war natürlich nicht entgangen, dass sie sich am Abend des 14. April in dieser kritischen Zone befanden, denn es waren nicht nur mehrere Eiswarnungen von anderen Schiffen eingegangen, sondern die Wasseroberfläche hatte auch ein «öliges» Aussehen, dass durch feine Eiskristalle verursacht wird. Dennoch geschah gegen 23.40 Uhr das Unfassbare: Die Titanic stiess mit einem Eisberg zusammen, der 18 bis 30 Meter hoch war (die Aussagen der überlebenden Augenzeugen sind uneinheitlich). Der Erste Offizier Murdoch hatte den Eisberg als Erster gesehen und sofort ein Wendemanöver angeordnet; das Heck kam daher nicht mit dem kalten Ungetüm in Berührung.

«Titanic» in HD-Qualität

Entgegen der Legende wurde die «Titanic» keineswegs auf einer Länge von 100 Metern aufgeschlitzt, sondern es entstanden an insgesamt sechs Stellen relativ kleine Lecks, durch die Wasser in den Vorpiek-Tank, drei Fracht- und zwei Kesselräume eindrang. Anfangs bemerkten einzig die Passagiere der Dritten Klasse, hauptsächlich Auswanderer, dass etwas Gravierendes vorgefallen war, denn ihre Unterkünfte befanden sich ganz unten im Bugbereich; die Reisenden der luxuriösen Ersten und der immer noch komfortablen Zweiten Klasse sahen zunächst keinen Grund zur Beunruhigung. Allerdings war Thomas Andrews, der ebenfalls an Bord anwesende Architekt der Titanic, schon bald überzeugt, dass sein Schiff sinken würde.

Der Untergang

Bereits kurz nach Mitternacht befahl Kapitän Smith, die Rettungsboote bereit zu machen, eine halbe Stunde später begann die Evakuierung. Insgesamt hätten die 20 Boote 1176 Menschen aufnehmen können, doch gerettet wurden schliesslich nur etwas mehr als 700, weil viele Plätze leer blieben; die Besatzungsmitglieder bezweifelten, dass die Nussschalen mit einer Last von über 60 Personen zurechtkommen würden. Der Zweite Offizier Lightoller, der die Plätze auf der Steuerbordseite zuwies, sagte später aus, es sei «ein Gesetz der Natur», in erster Linie Frauen und Kinder zu retten. Entsprechend verweigerte er Männern konsequent den Einstieg in die Boote; als er sogar einen Dreizehnjährigen wegschicken wollte, bedurfte es des äusserst heftigen Protests von dessen Vater, um Lightoller umzustimmen. Sehr viel pragmatischer verfuhr auf der anderen Seite der Erste Offizier Murdoch: Er achtete wenigstens darauf, Ehepaare und Familien nach Möglichkeit nicht zu trennen.

Am 15. April gegen 2.20 Uhr, also rund zwei Stunden und vierzig Minuten nach der Kollision, ging die «Titanic» schliesslich unter. Das Heck richtete sich auf, alle beweglichen Gegenstände stürzten nach vorne, darunter 20 000 Flaschen Bier und mehrere Tonnen Kohle. Der erste Schornstein brach ab und erschlug zahlreiche Menschen, die im Wasser um ihr Leben kämpften. Seit der Entdeckung des Wracks im Jahr 1985 ist auch klar, dass die «Titanic» zuletzt zwischen dem dritten und vierten Schornstein zerbrach.

Die Rettung

Die 700 Menschen, die in den Rettungsbooten auf dem minus 2,2 Grad kalten Atlantik trieben, hörten noch 40 Minuten lang die Schreie der Ertrinkenden, dann herrschte gespenstische Ruhe. In ihrer Verzweiflung hielten sie immer wieder Sterne am Horizont irrtümlich für die Lichter eines Schiffs, dass sie retten könnte. Was nur wenige wussten: Der Dampfer «Carpathia», der zum Zeitpunkt der Kollision etwa 58 Seemeilen (107 Kilometer) von der «Titanic» entfernt gewesen war, befand sich nach einem Notruf auf dem Weg zur Unglücksstelle. Zwischen 4.30 und 8.30 Uhr konnte er schliesslich die völlig durchfrorenen und schwer traumatisierten Schiffbrüchigen (einige waren noch auf den Rettungsbooten gestorben) aufnehmen. An Bord wurden die Frauen und Kinder in den Speisesälen, die wenigen überlebenden Männer im Rauchsalon untergebracht; einige Passagiere gaben auch ihre Kabinen für die bedauernswerten Opfer der Katastrophe auf.

Am Abend des 18. April traf die «Carpathia» in New York ein, wo man durch die Funksprüche anderer Schiffe längst von der Katastrophe wusste. Obwohl es in Strömen regnete, hatten sich Zehntausende von Schaulustigen am Hafen versammelt. Die Reporter der lokalen Zeitungen, allen voran diejenigen der «New York Times», stürzten sich auf der Jagd nach Exklusivgeschichten sogleich auf die Schiffbrüchigen. Für die Bedürftigen unter den Überlebenden wurde eine Spendensammlung organisiert; sogar die New Yorker Börse beteiligte sich mit 20 000 Dollar daran.

Bereits seit dem 17. April suchten vier Schiffe nach im Nordatlantik treibenden Toten. Von über 1200 Opfern fehlte jede Spur, doch immerhin 328 Leichen konnten geborgen werden. 119 bestattete man noch auf See, die übrigen wurden, in Eis gekühlt, in die kanadische Stadt Halifax gebracht, wo 150 Menschen auf einem heute noch zu besichtigenden Friedhof ihre letzte Ruhe fanden. 59 Toten wurden von ihren Angehörigen identifiziert und anschliessend nach Europa oder in die USA überführt.

Konsequenzen

Das Desaster der «Titanic» veränderte die Schifffahrt auf den grossen Meeren entscheidend. Auf einer internationalen Konferenz, die bereits im November 1912 stattfand, einigte man sich auf eine Reihe von Sicherheitsvorschriften: Künftig musste jedes Schiff so viele Rettungsboote mitführen, dass im Notfall alle Passagiere und Besatzungsmitglieder darin Platz finden konnten. Zudem wurden Alarmsysteme, Funkstationen und regelmässige Notfallübungen verbindlich vorgeschrieben.

Schliesslich rief man die «International Ice Patrol» ins Leben, die nach wie vor existiert; ihre Aufgabe besteht darin, ständig aktuelle Informationen über die Eisberge im Nordatlantik an die Schiffe zu senden. Wenn man bedenkt, dass die Seefahrt vor dem Siegeszug des Flugzeugs noch jahrzehntelang die Hauptrolle im Transatlantikverkehr spielte, darf man davon ausgehen, dass diese Massnahmen zahlreichen Menschen das Leben gerettet haben.

Gedenkgottesdienst für «Titanic»-Opfer auf hoher See

Gedenkgottesdienst für «Titanic»-Opfer auf hoher See

Exakt an der Stelle im Nordatlantik, wo die «Titanic» einst sank, wurde in der Nacht zum Sonntag mit Gottesdiensten der mehr als 1500 Opfer gedacht, die bei dem Unglück vor 100 Jahren umkamen.

Wie der kanadische Sender CBC berichtete, war das Kreuzfahrtschiff «Balmoral» am späten Samstagabend (Ortszeit) vor Neufundland angekommen, nachdem es am 8. April mit mehr als 1300 Passagieren an Bord in Southampton zu einer Erinnerungsfahrt aufgebrochen war.

Ebenfalls vor Ort befand sich die «Azamara Journey», die am Dienstag mit mehr als 450 Passagieren in New York gestartet war. Auf beiden Schiffen hatten sich viele der Reisenden in Kostüme aus der Zeit des Untergangs gekleidet.

Nach Angaben des «The Chronicle Herald» erklang um 23.40 Uhr (Ortszeit Atlantic Daylight Time) das Schiffshorn - die Minute, in der die «Titanic» vor 100 Jahren den Eisberg rammte. Mit Schweigeminuten und Gedenkgottesdiensten sollte anschliessend den Opfern gedacht werden, so das Blatt. (sda)

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