Aktualisiert 09.09.2015 11:32

Der Vergnügungsberg für die indische Grossfamilie

In vielen Reiseführern nimmt der indische Bundesstaat Rajasthan den meisten Platz ein. Mount Abu bleibt aber den Einheimischen vorbehalten.

von
David Torcasso
9.9.2015
Der Nakki-See in Mount Abu ist Familienvergnügen pur.

Der Nakki-See in Mount Abu ist Familienvergnügen pur.

Das beschauliche Städtchen liegt auf 1200 Metern über Meer am Zipfel von Rajasthan und ist vor allem bei Honeymoonern und Pilgern beliebt.

Das beschauliche Städtchen liegt auf 1200 Metern über Meer am Zipfel von Rajasthan und ist vor allem bei Honeymoonern und Pilgern beliebt.

Die Riesenschwäne sind die beliebtesten Pedalos auf dem See.

Die Riesenschwäne sind die beliebtesten Pedalos auf dem See.

Die Hauptstadt Jaipur, auch «rosarote Stadt» genannt. Oder Jodhpur, die «blaue Stadt», mit ihrer riesigen Burg. Udaipur, das «Venedig Indiens». Die Wüste Thar mit den Kamelen: In Rajasthan, das ungefähr die Einwohnerzahl Italiens hat, gibt es wahnsinnig viel zu bestaunen. Genau so viel wie in Bella Italia auch. Mindestens. Weil ich nicht viel Zeit habe, frage ich meinen Kumpel Ashish um Rat. Er schreibt mir einen Reiseplan. Von einem Ort habe ich noch nie gehört: «Wo ist Mount Abu?» Ashish sagt: «Ein bekanntes Touristenziel! Schön kühles Wetter!» Klingt gut. Schliesslich beträgt die Aussentemperatur 48 Grad! Wenn ich mich vom offenen Kühlschrank lösen kann und das Haus verlasse, verschlägt es mir den Atem. Es ist wirklich so heiss wie in einem Backofen oder einer Sauna.

Angesäuselte Alkohol-Touristen

Als wir in Mount Abu ankommen und aus dem Bus steigen, stehen da keine Velo- oder Auto-Rikschas. Dafür bringen Leute die Besucher mit Handkarren ans Ziel. Das ist meiner Begleiterin und mir unangenehm. Wir laufen. Weil Mount Abu auf 1200 Metern liegt, ist es tatsächlich kälter. Angenehme 35 Grad. Die Strassen sind voller Touristen. Optisch fallen sie nicht auf. Es sind allesamt Inder. Mount Abu ist als einziger echter Höhenkurort in Rajasthan bei frisch Verheirateten und Pilgern beliebt.

Nachdem wir unser Gepäck abgelegt haben, schlendern wir durch das Städtchen. Jedes Restaurant ist brechend voll. Als ein paar Sikh-Buben um ein Foto bitten und etwas zu lange auf meine Begleiterin starren, stelle ich fest: Die meisten Männer in Mount Abu sind betrunken. Viele Besucher reisen aus dem Nachbarstaat Gujarat an. Gandhis Heimat ist aus Tradition ein «dry state»: Nirgendwo gibts Alkohol zu kaufen. In Mount Abu hingegen überall. So hocken die Väter wohlig angesäuselt im Restaurant, während die Kinder sich im 7-D-Kino auf dem wackelnden Stuhl Wasser ins Gesicht spritzen lassen und die Frauen neue Saris kaufen. Die fleissigen Gujaratis haben nur am Sonntag Zeit und wollen den Feiertag auskosten. Und weil sie immer als Grossfamilie ankommen, braucht es für jedes Mitglied etwas im Angebot.

Am Abend gehts erst richtig los

Mount Abu erinnert an Titisee-Neustadt im Schwarzwald. Nicht mit der deutschen Strenge, sondern der kitschigen Romantik der Inder. Besonders deutlich spüren wir diese, als wir mit einem Riesenschwan auf dem Nakki-See paddeln. Die Sonne geht und taucht den spiegelglatten See in rötliches Licht. Am Abend geht der Trubel in Mount Abu erst richtig los! Ich schiesse mit einem lottrigen Gewehr auf nackte Barbie-Puppen, gehe an einem Karussell aus zusammengewürfelten Plastikautos vorbei und kaufe mir einen glitzernden Sticker vom Affengott Hanuman. Eine kleine Achterbahn gibt es auch.

Es ist noch dunkel, als wir am nächsten Morgen zu unserer Wanderung aufbrechen. Unser Guide kommt aus einem Dorf und spricht kein Englisch. Dafür aber Harsch, der Student, der uns bei der Ankunft seine Visitenkarten in die Hand gedrückt hat. Er organisiert im Sommer Exkursionen für Touristen. Ohne Führer solle man nicht wandern gehen, steht im Führer. Es kann sein, dass man Leoparden oder Bären begegnet – oder viel wahrscheinlicher Räubern. Ich krieche durch eine Höhle, bestaune seltsame Sträucher und schliesslich landen wir bei einem Tempel, der in den Fels gehauen ist. Nach dem Wandern überlege ich mir, ob ich mir einen Fisch-Spa gönnen soll. Doch dabei zuzusehen, wie sie an den Füssen anderer herumknabbern, ist viel unterhaltsamer.

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Nach seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitete er für Tages-Anzeiger und 20 Minuten, danach als freiberuflicher Journalist für Das Magazin, NZZ, Die Zeit oder Monocle. David pendelt zwischen Zürich und Berlin. Zurzeit weilt er für mehrere Monate in Bhopal, Indien.

Seine Erlebnisse teilt er in unregelmässigen Abständen auf seinem Blog Dal-by-Dal und auf 20 Minuten.

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