Aktualisiert 04.03.2014 17:14

Sechsspurige A1

«Der Verkehr hat eine unbegrenzte Nachfrage»

Die Forderung mehrerer Politiker nach einer sechsspurigen A1 weckt bei vielen Hoffnungen. Verkehrsexperten warnen jedoch: Ein durchgehender Ausbau sei nicht sinnvoll.

von
Nina Jecker
Im Jahr 2030 werden rund 490 Kilometer des Nationalstrassennetztes überlastet sein, schätzt der Bund.

Im Jahr 2030 werden rund 490 Kilometer des Nationalstrassennetztes überlastet sein, schätzt der Bund.

Auf sechs Spuren von Genf nach St. Margrethen SG und zurück: Als Reaktion auf die letzte Woche präsentierte Programmbotschaft zur Beseitigung der Engpässe auf dem Nationalstrassennetz des Bundesrats forderten mehrere Politiker einen durchgehenden Ausbau der A1. Mobilitätsexperte Daniel Matti von Interface Politikstudien erklärt, wie er ein solches Mega-Projekt beurteilt.

Herr Matti, was könnten wir mit einem durchgehenden Ausbau der A1 erreichen?

Daniel Matti: Leider nicht viel. Studien der Mobilitätsforschung zeigen, dass die Verkehrsnachfrage stark vom Angebot abhängt. Das bedeutet, dass jeder Ausbau der Kapazitäten mehr Verkehr mit sich bringt.

Die Situation würde sich durch eine zusätzliche Spur also nicht bessern?

Zuerst gäbe es schon eine Erleichterung. Jedoch wahrscheinlich nur während einiger Jahre. Dann hätte sich das Verkehrsaufkommen der Infrastruktur angepasst und die A1 würde bereits wieder an ihre Grenzen stossen. Ein ständiger Ausbau führt also nicht langfristig zu staufreien Strassen, sondern zu mehr Infrastruktur, die unterhalten werden muss – und damit auch zu höheren Kosten. Das gilt aber nicht nur für den Individual-, sondern auch für den öffentlichen Verkehr. Gezeigt haben das etwa die Projekte Bahn 2000 und S-Bahn Zürich. Trotz hoher Investitionen kann hier die Kapazitätserweiterung nicht langfristig Erleichterung bringen.

Müssen die Schweizer also im Stau stehen bleiben?

Vermutlich wird man in der Schweiz tatsächlich einmal an den Punkt kommen, an dem man von einem begrenzten Angebotsmarkt ausgeht. Das heisst, dass das Angebot an Strassen nicht weiter der Mobilitätsnachfrage angepasst wird. Aktuell ist aber davon auszugehen, dass weiterhin sowohl Schiene als auch Strasse scheibchenweise ausgebaut werden. Immer dort, wo gerade die meisten Probleme bestehen.

Wie sieht in Ihren Augen die sinnvollste Lösung aus?

Was beispielsweise die Überlastung zwischen Zürich und Bern angeht, wäre es wirschaftlicher, ÖV-Angebote zwischen Bern und Zürich auszubauen, anstatt die A1 durchgehend auf der ganzen Strecke. Denn der ÖV ist ein Massentransportmittel, weshalb hier mit kleinerem Aufwand mehr erreicht werden kann. Schlussendlich müssen aber Politik und Gesellschaft entscheiden, wie man mit dem steigenden Verkehrsaufkommen umgehen will.

Daniel Matti ist Mobilitätsexperte bei Interface Politikstudien.

Alte Forderung – «aber aktuell wie nie»

Die Forderung nach einer komplett sechsspurigen A1 ist nicht neu, bereits in den 80er Jahren wurden ähnliche Rufe laut. «Das heisst nicht, dass es ein alter Zopf ist. Im Gegenteil, das Thema ist so aktuell wie noch nie», sagt Niklaus Zürcher, Präsident des Verbands Strasse Schweiz. Natürlich könne man eine sechsspurige A1 von Genf bis St. Gallen nicht per sofort bauen. «Es ist klar, dass das etappenweise realisiert werden müsste.» Für Zürcher steht aber fest: «Der Bund müsste hier die Planung an die Hand nehmen.»

Beim Bundesamt für Strassen plant man zwar schon – aber anstatt eine komplett sechsspurige A1 sind punktuelle Baumassnahmen vorgesehen. «Die geplanten Projekte laufen in den kommenden gut zwanzig Jahren zwischen Zürich und Bern faktisch auf einen sechsspurigen Betrieb hinaus», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Das sei aber nicht auf allen Abschnitten nötig – zwischen Bern und Yverdon beispielsweise sei die A1 derzeit nicht überlastet. Um die Autobahn auf der gesamten Strecke auf sechs Spuren auszubauen, fehlten aktuell ausserdem die finanziellen Mittel. «Wo Geld für Engpassbeseitigungen eingesetzt wird, entscheidet aber das Parlament.»

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