Aktualisiert 05.08.2010 14:35

TraktatDer verlorene Anstand der Eva H.

Die bisher bekannt gewordenen Äusserungen Eva Hermans über die Loveparade-Tragödie sind happig. Doch es kommt noch dicker.

von
Philipp Dahm

Dass Eva Herman nicht gerade für eine vorwärts schauende, liberale Philosophie steht, hat die Autorin mit ihren Aussagen und Büchern schon lange bewiesen (20 Minuten Online berichtete). Doch die reaktionäre Art und Weise, mit der sie jetzt das Loveparade-Unglück kommentiert hat, ist das Allerletzte: Die 51-Jährige schert nicht nur eine, sondern gleich zwei Generationen über einen Kamm und meint offenbar, dass ihr eigenes, kümmerliches Weltbild der Massstab aller Dinge sei.

In dieser Welt scheinen jugendliche Techno-Fans samt und sonders hirnlose Hascher und durchgeknallte Drogen-Doofis zu sein. «Dieses ‹friedliche Fest fröhlicher junger Menschen› ist in Wahrheit eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie, geplant, genehmigt und zum Teil finanziert von der Stadt Duisburg», schreibt die Autorin auf der Webseite des «Kopp»-Verlags. «Mit glasigen Blicken wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance.»

Mit dem Rausch fallen auch die Hemmungen, analysiert Herman aus der Ferne: «Viele Mädchen haben den Busen blank gezogen, manche sind fast völlig nackt. Sie wiegen sich in ekstatischer Verzückung im ohrenbetäubenden Lärm, Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen ins Nichts aufgelöst.» Bei der Loveparade handele es sich um eine Veranstaltung, «die symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft steht».

Evas apokalyptische Vision

Auffallend ist der missionarische und auch der apokalyptische Ton des Traktats. Von «riesigen, dunklen Wolken der Enthemmung und Entfesselung» ist da etwa die Rede: «Man muss nicht ausgesprochen prüde sein, um sich hier nach kurzer Zeit mit Grausen abzuwenden.» Die Besucher der Veranstaltung seien «ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung».

Wie unanständig Eva Herman selbst ist, zeigt sie nicht nur in der pauschalen Diffamierung aller Techno-Fans und Loveparade-Besucher. Auch die vorige Generation bekommt ihr Fett weg und wird als Wurzel dieses Übels benannt: Das Unglück sei die Schuld und «das Ergebnis der Achtundsechziger», weiss Eva Herman. «Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reisst, wer die letzten Anstandsnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!» Damit werden schon zwei Generationen von ihr über einen Kamm geschert.

Erst Fairness fordern, dann Gift spucken

Merkwürdig nur, dass die Autorin ihre eigenen, so hoch gelobten christlichen Werte und Normen dabei völlig ausklammert. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, möchte man der Deutschen zurufen. Man möchte ihr eindringlich nahelegen, dass es unfair ist, über eine Million Menschen in einen Topf zu werfen, man will ihr sagen, dass Anstand nichts mit dem Musikgeschmack zu tun hat. Und man fragt sich, wann Eva Herman die Meinung anderer respektiert, denn Respekt hatte ja auch sie so dringend eingefordert, als sich unsere nördlichen Nachbarn über ihr Buch und ihren Kerner-Auftritt aufgeregt haben.

Sie sei damals nicht fair behandelt worden, hatte die Moderatorin nicht zu Unrecht nach Kerners kalkuliertem Eklat moniert. Und sie selbst? Sie hat Wissen und Wahrheit ihrer Meinung nach offenbar gepachtet. «Das ohrenbetäubende, stereotype Rave-Gehämmere, das nicht mehr im Geringsten etwas mit dem einstmaligen Begriff von Musik zu tun hat, zerschmettert ihnen über zahllose Stunden Trommelfelle und Nervenkostüme», steht im Herman-Knigge nachzulesen. Doch die Benimmregeln hat diese Frau anscheinend schon lange vergessen.

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