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NaturgewaltDer Vulkan bremst Europa aus

Die Aschewolke zeigt der Menschheit ihre Grenzen auf. Luftverkehr, Politik und Wirtschaft sind davon betroffen. Die Höhe des Schadens ist noch nicht abschätzbar. Die Schweizer Behörden sind hilflos.

Wohl noch nie hat eine Naturgewalt Mensch und Maschinen so in die Schranken gewiesen: Die Wolke aus feinen Stein- und Glasteilchen aus Island dirigiert neben dem Luftverkehr auch Abläufe in Weltpolitik und Wirtschaft.

Der Schweizer Luftraum wurde am Freitag um Mitternacht geschlossen; die Sperrung soll bis mindestens Sonntag 14 Uhr dauern. Der Flughafen Zürich machte am Freitag sogar schon um 21.30 Uhr dicht. Deutschland, Grossbritannien und andere Länder sprachen Flugverbote bis Sonntagmorgen aus; Frankreich und Italien gar bis Montagmorgen.

«Eyja...was?!»

Eine noch nie gekannte Herausforderung

Die Aschewolke hängt wie eine gespreizte Zange über Skandinavien und Mitteleuropa. Nur über Litauen, Lettland und Weissrussland war noch eine Lücke. In 17 Ländern war der Luftraum gesperrt. Grösstenteils verschont blieb bislang der Süden des Kontinents, wobei bereits auch in Nordspanien Flughäfen geschlossen wurden. Für die Luftfahrt wie auch für Meteorologen und Behörden stellt die Wolke eine noch nie gekannte Herausforderung dar.

Verzweiflung unter gestrandeten Touristen

Hilflose Behörden

Vor den Medien in Bern zeigten sich die Behörden am Samstag hilflos. «Der Ausbruch (...) ist ein Ereignis, das in der Neuzeit in Europa noch nie passiert ist», sagte Marcel Haefliger, Chef des Flugwetterdienstes von MeteoSchweiz.

Vulkan: Darum wurde die Situation so prekär

Es fehlten wissenschaftliche Daten zur idealen Verdünnung einer Vulkanaschewolke - und zwar weltweit, sagte der Vizedirektor des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (BAZL), Werner Bösch. Ohne genaue Kriterien seien genaue Prognosen unmöglich.

Drei Viertel aller Flüge gestrichen

Im europäischen Luftraum wurden gemäss Eurocontrol am Samstag nur rund 6000 aller 22 000 Flüge bedient. Die deutsche Gesellschaft Lufthansa strich sogar weltweit alle Flüge bis Sonntag 14 Uhr. Swiss strich am Samstagabend sämtliche Sonntagsflüge.

In der Schweiz fielen am Freitag und Samstag Hunderte Flüge aus. Nachdem am Freitag nur der Europaverkehr betroffen war, ging am Samstag auch auf der Langstrecke nichts mehr. Die Lufthansa-Tochter Swiss und die Billig-Airline Easyjet strichen für Samstag alle Flüge ab der Schweiz.

Schwerer Rückschlag für die Luftfahrt

Ob der Ausbruch die Erholung der Wirtschaft in Europa wieder abwürgen wird, war noch nicht absehbar. Schwer getroffen ist die Luftfahrt: Jeder Tag kostet die Branche laut Weltflugverband IATA etwa 200 Millionen Dollar. Schäden durch Naturgewalten sind zudem nicht versicherbar.

Die Frage ist, wie lange die Wolke Europa im Griff hat. Der Ausbruch des Gletscher-Vulkans Eyjafjalla schien abzuflauen, könnte aber noch über Tage und sogar Monate andauern. Sollte dies der Fall sein, würden unter anderem Lieferketten unterbrochen.

Für Eisenbahnen, Auto-Vermietungen, Taxi-Unternehmen und viele Hotels erwies sich das Chaos hingegen als Segen, weil viele Zehntausende umdisponieren mussten.

SBB erhöht Kapazität

Einen Ansturm erlebte auch die SBB. Sie setzte bei den internationalen Verbindungen so viele Züge auf die Schiene wie sie konnte. So wurden in Richtung Italien und Paris die Züge doppelt geführt.

Profitieren vom Grounding konnten auch die Hotels in der Nähe des grössten Schweizer Flughafens Zürich: Die meisten waren ausgebucht. Von Freitag auf Samstag mussten zudem etwa 300 Gestrandete im Flughafen übernachten. Sie wurden vom Zivilschutz versorgt.

Weniger Gäste bei Kaczynski-Trauerfeier

Wegen des Chaos' schmilzt auch die Gästeliste für die Trauerfeier für Polens Präsident Lech Kaczynski vom Sonntag zusammen. Bundesprädentin Doris Leuthard sagte am Samstagabend ihre Teilnahme ebenso wie US-Präsident Barack Obama und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ab.

Merkel gehört selbst zu den Gestrandeten: Für sie endete ihre Rückreise aus den USA zunächst in Lissabon. Am Samstag flog sie dann nach Rom, von wo sie im Auto nach Deutschland aufbrach. (sda)

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