Wohnungsnot: Der Wald soll weichen
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WohnungsnotDer Wald soll weichen

Ein Pilotprojekt am Rande von Bern wirft eine Grundsatzfrage auf: Darf ein ganzer Wald gerodet werden, um dem Menschen Platz zu machen? Und wenn ja, wo ist die Grenze?

von
mlu
Am nordwestlichen Stadtrand von Bern soll dereinst die Waldstadt Bremer (grün) entstehen.

Am nordwestlichen Stadtrand von Bern soll dereinst die Waldstadt Bremer (grün) entstehen.

Der Siedlungsbrei wabert über die Schweiz: Pro Sekunde wird ein Quadratmeter Land überbaut. Alle zwei Stunden verschwindet eine Fläche von einem Fussballfeld unter Beton, Teer und Blumenrabatten. Was dabei entsteht, lässt sich im Mittelland zwischen Zürich und Bern bestens beobachten. Ein wildes, unkoordiniertes Durcheinander, das mit «Hüsli-Schweiz» nur allzu lieblich umschrieben wird. Als Rezept dagegen fordern Experten seit Jahren eines: die Verdichtung.

Genau eine solche Verdichtung wird nun im Nordwesten Berns geplant. Dort soll, eingekeilt zwischen Autobahn und dem Stadtrand, Wohnfläche für 8000 Menschen entstehen. Der Bauplatz ist bestens erschlossen, sagen die Verantwortlichen gegenüber der «NZZ am Sonntag»: zwei Autobahnanschlüsse, eine Buslinie, zehn Minuten vom Hauptbahnhof gelegen. Würde hier für 8000 Menschen gebaut, brauche es dafür bis zu dreimal weniger Land, als wenn dies irgendwo in der Agglomeration geschähe. Verdichtung eben.

Da gibt es aber ein Problem – und das trägt das Projekt «Waldstadt Bremer» bereits im Namen. Wo einst Kinder über den Spielplatz toben und Familien ihren Sonntagsbrunch geniessen sollen, steht heute ein Wald. 43 Hektaren gross, was nahezu 60 Fussballfeldern oder dem Gebiet der Berner Altstadt entspricht. Hinter dem Projekt steht das Architekturbüro Bauart, ein prominent besetzter Förderverein (präsidiert von SP-Fraktionschefin Ursula Wyss), sowie ein ebensolcher Beirat, in dem zum Beispiel Josef Estermann sitzt, früherer Stadtpräsident von Zürich.

«Der Druck auf den Wald nimmt zu»

Der Wald ist in der Schweiz streng geschützt. So steht denn auch im Bundesgesetz über den Wald unmissverständlich in Artikel drei: « Die Waldfläche soll nicht vermindert werden.» Doch die überbaubare Landwirtschaftsfläche wird langsam knapp. «Der Druck auf den Wald nimmt deshalb zu», sagt Rolf Manser, der Leiter der Abteilung Wald beim Bundesamt für Umwelt, gegenüber der «NZZ am Sonntag». Gemäss heutigem Gesetz ist das Roden von Wald grundsätzlich verboten. Es werden aber unter bestimmten Bedingungen immer wieder Ausnahmen gemacht, manchmal auch, um Wohnungen zu bauen.

Wohnraum gegen Waldfläche: Die «Waldstadt Bremer» rüttelt vor allem durch ihre Grösse an einem Tabu. Die Gegner des Projekts befürchten einen Dammbruch. Werde das Projekt in Bern bewilligt, würden weitere Waldrodungen folgen. «Wir lehnen das Projekt ab, weil ein ganz gefährliches Präjudiz geschaffen würde», sagt Jan Ryser, der Geschäftsführer von Pro Natura Bern. «Lässt man das Projekt zu, kommt das einem Dammbruch gleich: Der Wald müsste an mehreren Standorten für Bauzonen geöffnet werden.»

Bis vor Bundesgericht

In der Stadt Neuenburg läuft bereits ein Ideenwettbewerb zur Frage, wie der Wald am Stadtrand als Bauland genutzt werden könnte. «Würde die Waldstadt Bremer bewilligt, liessen sich auch Waldrodungen am Uetliberg in Zürich, im Allschwilerwald in Basel oder im Bois de la Bâtie in Genf nicht mehr verhindern», sagt Lukas Bühlmann, Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung der «NZZ am Sonntag».

Die Stadt Bern überprüft zurzeit die Machbarkeitsstudie des Projekts. «Wenn wir Städte verdichten wollen, ohne zu viel Kulturland zu verlieren, muss man ohne Vorurteile Fragen stellen», sagt Stadtpräsident Alexander Tschäppät gegenüber der Zeitung. Es sei richtig, jetzt darüber zu diskutieren, ob auch der Wald in Stadtnähe unantastbar bleibe. Für die Umweltverbände und den Quartierverein Länggasse ist klar: Sie werden bis vor Bundesgericht für den Wald an der Stadtgrenze kämpfen.

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