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Unruhen in XinjiangDer weibliche «Dalai Lama» der Uiguren

Sie war eine der reichsten Frauen Chinas und wurde zur «Staatsfeindin Nummer eins». Sechs Jahre sass Rebiya Kadeer im Gefängnis. Peking beschuldigt sie, die Unruhen in Xinjiang angestiftet zu haben.

von
Peter Blunschi

Für den Parteichef von Xinjiang war der Fall klar: «Rebiya hat am 5. Juli mit Leuten in China telefoniert, um die Gewalt zu schüren. Auf Websites wurden die Unruhen orchestriert und Propaganda verbreitet», sagte Nuri Bekri am Montag in einer Fernsehansprache. Die Chefin des Uigurischen Weltkongresses (WUC) wies die Darstellung in Washington zurück: «Es ist die übliche Praxis der chinesischen Regierung, mich für Unruhen in Ostturkestan verantwortlich zu machen, wie seine Heiligkeit den Dalai Lama für Unruhen in Tibet.»

Was der Dalai Lama für die Tibeter, ist Rebiya Kadeer für die Uiguren, nur war sie bislang bei weitem nicht so bekannt. Das könnte sich mit den Unruhen in Xinjiang, das von den Uiguren Ostturkestan genannt wird, ändern. Sie rücken die 62-jährige Frau mit den langen Zöpfen in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Ihre Geschichte ist in jeder Beziehung aussergewöhnlich, angefangen mit der Tatsache, dass sie als Frau zur Anführerin der muslimischen Uiguren aufgestiegen ist.

Eine der reichsten Frauen Chinas

Rebiya Kadeer war eine der reichsten Frauen Chinas. Sie hatte mit einer Wäscherei begonnen und ein Imperium aufgebaut, dass eine Handelsfirma und zwei Warenhäuser in Urumqi sowie Beteiligungen an Unternehmen in Kasachstan und Usbekistan umfasste. Seit 1992 war sie Mitglied des nationalen Volkskongresses und damit eine Art «Vorzeige-Uigurin», ein Symbol für die vermeintlich erfolgreiche Integration der Minderheiten im kommunistischen China.

Ihr zweiter Ehemann Sidik Rouzi jedoch, der in den USA im Exil lebte, machte keinen Hehl aus seinem Einsatz für die Unabhängigkeit von Ostturkestan. Als das chinesische Militär 1997 Proteste der Uiguren gewaltsam niederschlug, protestierte Rebiya Kadeer in einer Rede vor dem Volkskongress, worauf sie für die Regierung zur «Staatsfeindin» wurde. 1999 wurde sie wegen «Geheimnisverrats» zu acht Jahren Haft verurteilt. «Ohne meinen festen Glauben an Gott hätte ich nicht durchgehalten», sagte sie später laut «Spiegel Online».

Vor Rice-Besuch freigelassen

Kurz vor einem Besuch von US-Aussenministerin Condoleezza Rice 2005 in Peking wurde sie freigelassen und aus «medizinischen Gründen» in die USA abgeschoben. Dort hielt sie sich nicht an die Vorgabe, über ihre Haftbedingungen zu schweigen, sondern sprach offen über Folter, unter anderem in ihren unter dem deutschen Titel «Die Himmelsstürmerin» erschienenen Memoiren. Im November 2005 soll sie einen Mordanschlag überlebt haben, dreimal wurde sie bereits für den Friedensnobelpreis nominiert.

Fünf ihrer elf Kinder leben immer noch in China. Als die Behörden vor den Olympischen Spielen die Repression verstärkten, sollen zwei Söhne und eine Tochter samt ihren Familien verhaftet, misshandelt und unter Hausarrest gestellt worden sein, so die «Times». Rebiya Kadeer lässt sich dadurch nicht einschüchtern, wie sie am Montag betonte: «Wir verlangen von der chinesischen Regierung, dass sie ihre seit sechs Jahrzehnten andauernde Politik der forcierten Assimilation und des kulturellen Genozids gegen das friedliche uigurische Volk beendet und durch friedlichen Dialog eine Lösung der Osttturkestan-Frage sucht.»

Xinjiang und die Uiguren

Mehr als 3000 Kilometer westlich von Peking liegt der neben Tibet grösste Krisenherd des Vielvölkerstaats China: die Provinz Xinjiang. Seit dem Beginn der chinesischen Herrschaft im 19. Jahrhundert haben die muslimischen Uiguren immer wieder gegen Peking aufbegehrt. Xinjiang ist mit 1,6 Millionen Quadratkilometern die sechstgrösste chinesische Provinz. Von den rund 20 Millionen Einwohnern sind etwa 8,3 Millionen Uiguren, insgesamt leben hier 47 verschiedene ethnische Gruppen. Im 18. Jahrhundert teilten Russland und China die zentralasiatische Region Turkestan unter sich auf. 1884 verleibte sich das chinesische Kaiserreich die östlichen Gebiete der trockenen Gebirgslandschaft auch offiziell ein und benannte sie um in Xinjiang - was «Neue Grenze» bedeutet. Nach kurzer Unabhängigkeit als Republik Ostturkestan ab 1930 gehört das Gebiet seit 1949 zur Volksrepublik China. Auch wenn ein Grossteil der Bevölkerung in Xingjang in Armut lebt, ist die Provinz an der historischen Seidenstrasse reich an Bodenschätzen wie Erdöl und Erdgas. Die chinesische Regierung hat in den vergangenen Jahren die Unterdrückung der Autonomiebestrebungen der Uiguren verschärft. Seit den 1990er Jahren siedelt Peking ausserdem in Xinjiang wie in anderen Teilen des Landes massiv Han-Chinesen an. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt bereits bei mehr als 40 Prozent. (sda)

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