Olympia-Momente: Der weisse Kenianer mit der Zahnpasta
Aktualisiert

Olympia-MomenteDer weisse Kenianer mit der Zahnpasta

Er besiegte im 5000er von Barcelona 1992 alle Afrikaner. Sein Endspurt war überragend. Aber Dieter Baumann bleibt bis zum Ende seiner Tage «der mit der Zahnpasta».

von
Ralf Meile

Der 8. August 1992 wurde zum Tag, der das Leben des Dieter Baumann nachhaltig veränderte. Genau sieben Jahre lang. Dann wurde bekannt: Dieter Baumann ist gedopt. Selbst diese Meldung wäre schon längst als ein zu vernachlässigender Makel vergessen, höchstens ein Kratzer an der Fassade eines der besten europäischen Langstreckenläufer aller Zeiten. Wäre da nur nicht die Sache mit der Zahnpasta.

Das Finale über 5000 Meter ist ein schillernder Stein im Mosaik der Leichtathletik. Dieter Baumann steht einer Armada starker Afrikaner gegenüber. 200 Meter vor der Ziellinie ist der Schwabe in ihrem Sandwich. 150 Meter vor dem Ziel ist er gar nur noch an fünfter Position. Doch in der letzten Kurve setzt er zu einem Schlussspurt für die Ewigkeit an. Und plötzlich tut sich vor ihm eine Lücke auf.

Baumann wird zum weissen Kenianer

«Ich sah, wie alle einen Schritt nach rechts gingen, um den Weg für die anderen weiter zu machen», erinnert sich Baumann im Gespräch mit der Website «sporthelden.de». Alle vier Athleten hätten den gleichen Gedanken gehabt, alle vier seien nach aussen gerückt. «Dann war die Innenbahn frei und ich habe gedacht ‹okay, sehr schön.›»

Weit aufgerissene Augen bei Baumann, der die letzten hundert Metern in 11,9 Sekunden zurücklegt. Noch weiter aufgerissen die Augen von seinem Gegner Paul Bitok, er muss sich mit Silber begnügen. Die Goldmedaille darf sich Dieter Baumann umhängen lassen, den die Medien fortan ehrfürchtig den «weissen Kenianer» nennen.

Nandrolon in der Zahnpasta

Bis im Herbst 1999 versilbert Baumann sein Gold aus Barcelona. Dann der Hammer: Er ist gedopt. Gleich zwei positive Proben kommen zum selben Ergebnis. Baumann fällt aus allen Wolken. Mittels Zahnpastatube sei die Substanz Nandrolon in seinen Körper gelangt, erklärt der Athlet, der von einem Anschlag spricht. «Als ich erfuhr, dass Zahnpasta kontamiert sei, habe ich spontan gesagt: ‹Das ist das Schlechteste, was mir passieren konnte.› Weil mir keiner glauben wird», sagt er dem «Spiegel».

Baumann behält recht. Seine Erklärung wird als lächerliche Ausrede abgestempelt. Auch der Läufer selber, mittlerweile 34-jährig, gibt zu, dass die Story blöd klinge. Auf den zweiten Blick erkenne man jedoch, dass Zahnpasta «genial» sei. «Denn ich brauche eine Quelle, die nicht nach einmaligem Gebrauch verspeist ist. Weil der Dopingkontrolleur maximal alle vier Wochen kommt, muss der Täter eine Quelle legen, die mehr als einen Monat funktioniert und die ich jeden Tag benutze.»

Der Olympiasieger ist überzeugt, dass der Anschlag nicht ihm als Person, sondern dem ganzen System galt. Er habe sich immer für sauberen Sport eingesetzt, für verschärfte Dopingkontrollen, für mehr Geld im Kampf gegen Betrüger. «Es war nicht schwer zu ahnen, dass ich über die aktive Laufbahn hinaus für diese Werte einstehen will. Und vereiteln kann man das nur, wenn man meine Glaubwürdigkeit zerstört. Daran wird kräftig gearbeitet.»

Von der Tartanbahn auf die Kabarettbühne

Sofern die These stimmt, gelingt dem Attentäter sein Vorhaben. Die Öffentlichkeit straft Baumann als Lügner ab, als einen, dessen Dopingausrede noch hanebüchener klingt als alle anderen zuvor. Kaum einer glaubt ihm. Zu diesen gehört mit Werner Franke jedoch interessanterweise einer der renommiertesten Doping-Experten. «Ich bin sicher, dass es ein Anschlag war», behauptet Franke, «seine Zahnpastatuben waren verseucht.» Das sei erwiesenermassen eine alte Stasi-Methode.

Zwanzig Jahre nach seinem Olympiasieg und mehr als ein Jahrzehnt nach der Zahnpasta-Affäre (von der gar ein eigener Wikipedia-Eintrag existiert) hat Dieter Baumann mit diesem schwarzen Kapitel seiner Karriere abgeschlossen. Seit einiger Zeit tingelt er als Kabarettist durchs Land, kann dabei auch über sich selber lachen: «Wenn man ein Programm macht, dann wäre es doch wie ein verschossener Elfmeter, wenn ich diesen Witz nicht bringen würde.»

Wo Dieter Baumann hinkommt, wo sein Name fällt – nie wird zuerst über den glorreichen Tag seines Olympiasiegs geredet. Dieter Baumann, das ist immer «der mit der Zahnpasta». Er selbst sagt im «Donaukurier», er wolle seine Energie nicht mit der Vergangenheit vergeuden. «Ich selbst bin mit der Geschichte schon lange im Reinen.»

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