Unseriöse Verkäufe - «Der Welpenhandel ist derzeit ein riesiges Problem»
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Unseriöse Verkäufe«Der Welpenhandel ist derzeit ein riesiges Problem»

Immer mehr Hunde werden aus dem Ausland importiert, oftmals unter schlechten Bedingungen – mit Folgen für Halter und Tiere. Wegen des Hundebooms fürchtet der Schweizer Tierschutz STS volle Tierheime im Sommer.

von
Christian Holzer
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Immer öfters werden Hunde vom Ausland in die Schweiz importiert. 

Immer öfters werden Hunde vom Ausland in die Schweiz importiert.

Schweizer Tierschutz STS
Dabei greifen Käuferinnen und Käufer öfters auch auf unseriöse Angebote zurück. 

Dabei greifen Käuferinnen und Käufer öfters auch auf unseriöse Angebote zurück.

Wikimedia
Dieser Welpe eines News-Scouts aus dem Kanton Thurgau wurde von den Behörden eingezogen, weil er keine Tollwutimpfung nachweisen konnte.

Dieser Welpe eines News-Scouts aus dem Kanton Thurgau wurde von den Behörden eingezogen, weil er keine Tollwutimpfung nachweisen konnte.

20min/News-Scout

Darum gehts

  • Die Kapo Bern zeigt an einem Fall, was geschehen kann, wenn Hundewelpen übers Internet gekauft werden.

  • Immer mehr Hunde in der Schweiz stammen aus dem Ausland.

  • Viele Tiere stammen von unseriösen Händlern und sind krank und traumatisiert.

  • Nach dem Hundeboom sorgt sich der Schweizer Tierschutz in Hinblick auf die fallenden Covid-Massnahmen.

Die Kantonspolizei Bern hat die herzergreifende Geschichte von Hund Max veröffentlicht. Der Bulldoggen-Rüde wurde bereits wenige Wochen nach seiner Geburt in die Schweiz transportiert. Vorerst freuten sich alle über das neue Familienmitglied. Doch bereits nach wenigen Tagen erkrankte Max schwer. Weil er stark Durchfall hatte und sich mehrfach übergeben musste, wurde er stationär in einer Klinik behandelt. «Die behandelnde Tierärztin ist erschrocken über den besorgniserregenden Zustand des Hundes», schreibt die Kapo Bern in ihrem Blog. Für Tier und Halterin beginnt eine Odyssee.

Das Frauchen von Max muss erklären, warum ihr Hund weder Mikrochip noch Heimtierpass hat und gibt schliesslich zu, dass sie ihn «im Internet» gekauft und ausserhalb der Landesgrenzen von einem Unbekannten übernommen hat. Weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass Max unter Tollwut oder anderen Krankheiten leidet, muss er für mehrere Monate in Quarantäne – auch nach seiner Genesung. Dafür fallen hohe Kosten an.

Max wird vom Amt beschlagnahmt und kann nach seiner Genesung nicht heim, sondern muss für mehrere Monate in die Quarantänestation. Zum Glück litt er nicht an Tollwut und darf nach Ablauf seiner Quarantäne zurück zu seiner Familie. Hätte die Herkunft nicht genau geklärt werden können und/oder wären Symptome aufgetreten, hätte Max auf amtliche Anordnung eingeschläfert werden müssen.

Darauf sollten Hundehalter in spe achten

  • Lassen Sie sich Zeit. Überlegen Sie sorgfältig ob sie über zehn Jahre lang Zeit und Willen für einen Hund haben.

  • Klären Sie ab, welche Bedürfnisse der Hund hat und was das Tier für Kosten verursacht.

  • Kaufen Sie den Hund nur bei einem seriösen Verkäufer. Ideal sind Schweizer Tierheime oder direkt bei zertifizierten Züchterinnen und Züchtern.

  • Seriöse Verkaufsstellen werden Ihnen viele Fragen stellen und sich mehrere Wochen oder gar Monate für den Übergabeprozess Zeit nehmen.

  • Kommt einem der Verkäufer oder die Verkäuferin unseriös vor, muss dort unbedingt auf den Kauf des Tieres verzichtet werden.

Es droht die Einschläferung

Heute lebt Max wieder bei seiner Familie. Aber nur, weil diese bereit war die hohen Kosten zu tragen, das Tier nicht an Tollwut litt und seine Herkunft genau geklärt werden konnte. Ansonsten hätte ihm der Tod gedroht. Max ist kein Einzelfall: «Oft enden Internet-Welpenkäufe im Drama», sagt Helen Sandmeier, Sprecherin beim Schweizer Tierschutz STS. Max sei alles andere als ein Einzelfall: «Der Welpenhandel ist derzeit ein riesiges Problem.» Seit dem ersten Lockdown würden Haustiere und Hunde einen wahren Boom erfahren. Doris Schneeberger vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen bestätigt, dass mehr als die Hälfte aller pro Jahr neu in der Hundedatenbank erfassten Tiere aus dem Ausland stammen: «Wir gehen davon aus, dass diese Hunde mehrheitlich über das Internet bestellt und in die Schweiz geliefert werden.»

Die Tiere werden über Social Media oder auf eigenen Websites angeboten. Sandmeier: «Oft sind es Grosshändler aus Osteuropa. Die jungen Hunde sehen niedlich aus, sind aber oftmals traumatisiert und krank.» Die Tiere seien meistens schlecht gehalten und würden viel zu früh von der Mutter getrennt. «Und hat die Mama erst mal genug Nachwuchs produziert, wird sie einfach entsorgt.»

Der STS blickt mit Sorge auf den Sommer und die fallenden Coronamassnahmen: «Ein Horrorszenario: Je mehr wir zurück in die Normalität gehen, desto voller werden die Tierheime», so Sandmeier. Dies weil Menschen nicht mehr den ganzen Tag im Home Office arbeiten würden und auch wieder mehrere Wochen Urlaub im Ausland machen wollten. «Vielen könnte erst bewusst werden, wie viel Arbeit und Einschränkung ein Hund auch bedeuten kann.»

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22 (bei Notfällen)

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel. 079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00

Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Schweizer Tierschutz (anonym möglich)

Die Macht der Bilder

Aus diesem Grund hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV gemeinsam mit dem STS bereits im Winter die Kampagne «Augen auf beim Hundekauf» und die dazugehörige Seite Hundekauf.ch lanciert. «Die niedlichen Fotos der Adoptionswelpen haben eine ungeheuerliche Sogwirkung. Es ist schwer dagegen anzukämpfen», sagt Sandmeier. Aber trotzdem oder gerade deswegen sei die Kampagne so wichtig.

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