Die Welt in Aufruhr - Teil 1: «Der Westen braucht einen Bösewicht»
Aktualisiert

Die Welt in Aufruhr - Teil 1«Der Westen braucht einen Bösewicht»

Durch den Sturz von Despoten habe der Westen viele Länder ins Chaos gestürzt, sagt Friedensforscher Daniele Ganser. Er warnt davor, nun auch Putin zu dämonisieren.

von
Désirée Pomper

Herr Ganser, im Irak und in Syrien wütet die Terrororganisation «Islamischer Staat» IS. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist wieder in vollem Gang. Zwischen Russland und der Ukraine brodelt es. Dazu breitet sich die Krankheit Ebola rasant aus. Tragische Flugzeugabstürze haben die Menschen noch zusätzlich verunsichert. Viele haben das Gefühl, die Welt gerät aus den Fugen.

Diese Angst ist verständlich. Aber die Schweiz ist sicher, wir hatten seit 160 Jahren keinen Krieg. Die Angst rührt daher, dass im Ausland viele Zivilisten betroffen sind und wir uns mit diesen identifizieren können. Viele Leute haben das Gefühl: Die Welt spielt verrückt. Noch nie war es so schlimm wie jetzt. Das stimmt aber nicht. Es gibt immer wieder unruhige Zeiten, zuletzt 2001 nach 9/11, dem Grounding der Swissair und dem Amoklauf in Zug. Damals hatten die Leute auch das Gefühl, dass jetzt die Welt aus den Fugen gerät. Aber wir müssen realistisch sein. In der Schweiz ist die Sicherheit extrem hoch. Die grössten Risiken hierzulande sind Verkehrsunfälle und Suizide.

Dabei herrschte noch vor wenigen Jahren Aufbruchstimmung. Mit dem Arabischen Frühling begann eine hoffnungsvolle Ära. Verschiedene Despoten wurden in den letzten Jahren mit Hilfe des Westens ausgeschaltet - Diktator Ben Ali in Tunesien, Hosni Mubarak in Ägypten, Ali Abdullah Sale in Jemen, Muammar Gaddafi in Libyen, Saddam Hussein im Irak. Doch die «befreiten» Länder versinken jetzt im Chaos. Was ist schiefgelaufen?

Die Idee, dass Frieden einkehrt und die gesellschaftliche Entwicklung vorangetrieben wird, wenn man einen Despoten eliminiert, ist ein grosser Irrtum. Gewalt führt nur zur Destabilisierung und zum Auseinanderbrechen der Region. Es ist naiv zu glauben, man könne den Irak bombardieren und dadurch der Demokratie zum Durchbruch verhelfen. Doch wir glauben noch immer fest daran. Denn wir Westler wollen die Rolle der Guten behalten. Dafür brauchen wir Feindbilder. Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur. Früher waren das die bösen Kommunisten. Dann die arabischen Diktatoren. Jetzt die militanten Islamisten. Dabei stellt man jedes Mal fest: Der eine Bösewicht wird einfach durch den nächsten ersetzt, von Milosevic über Bin Laden zu Saddam Hussein: immer das gleiche Spiel, das der Rüstungsindustrie Milliardenumsätze garantiert.

Der Westen fördert die Demokratie also gar nicht, sondern bremst sie sogar?

Uns wird weisgemacht, der Westen fördere Demokratie und Menschenrechte. Das stimmt aber nicht. Spitzenpolitiker erzählen die Geschichte mit der Demokratieförderung nur als Vorwand, um knallharte Wirtschaftskriege zu führen. Es geht einzig um den Ressourcenzugang wie etwa zu Erdöl oder Erdgas und Macht.

Können Sie Beispiele nennen?

Würde es dem Westen wirklich um die Demokratieförderung gehen, hätten die USA 1953 die damals demokratische Regierung im Iran oder 1973 die demokratische Regierung in Chile nicht gestürzt. Amerika hätte nicht in den 80er Jahren Saddam Hussein im Irak oder die Mudschaheddin von Bin Laden in Afghanistan aufgebaut. Unter dem Vorwand der Demokratieförderung wurde Präsident Janukowitsch in der Ukraine gestürzt. Ersetzt wurde er aber durch einen ebenbürtigen Despoten, der sich genauso wenig für die Mittelschicht interessiert. Aber Poroschenko steht auf der Seite des Westens und befürwortet einen Nato-Beitritt.

Nun steht der russische Präsident Vladimir Putin im Visier des Westens. Tut der Westen gut daran, ihn in Ruhe zu lassen, da er sonst riskiert, dass in der Region das Gleiche passiert wie in den Staaten des Arabischen Frühlings?

Putin ist für den Westen nach Saddam, Gaddafi und Assad der neue böse Mann. Dabei ist es verständlich, dass er sich durch die drohende Ausdehnung der Nato bedroht fühlt. Vor allem in Anbetracht der Erfahrungen, die Russland während dem Zweiten Weltkrieg machen musste. Der Westen sollte aufhören, Putin zu dämonisieren und zu provozieren. Die Russen und die Europäer sollten Freunde sein und sich nicht gegenseitig in den Abgrund reissen.

Der Westen hat den Sturz von Diktatoren wie Gaddafi und Hussein herbeigeführt. Dies hat sich als Eigentor erwiesen. Europa fürchtet sich jetzt vor Flüchtlingsströmen und rückkehrenden Dschihadisten.

Das nennt man Blow Back. Gaddafi war ein Despot, aber er hat Nordafrika stabilisiert. Als Ex-US-Präsident George W. Bush den Diktator Saddam Hussein stürzte, hat man nicht daran gedacht, dass das auch für den Westen negative Konsequenzen haben könnte. Um Assad in Syrien zu schwächen, haben Frankreich, die Türkei und Grossbritannien zusammen mit Katar und Saudi-Arabien die radikalen Sunniten unterstützt. Damals hat man gedacht: Sollen doch diese militanten Typen Assad stürzen. Viele haben die Eigendynamik unterschätzt. Jetzt fällt diese Intervention auf den Westen zurück.

Was hätte der Westen rückblickend anders machen müssen?

Man hätte diese Diktatoren und Gotteskrieger nie aufbauen und bewaffnen dürfen. Sie zu kontrollieren hat sich als viel schwieriger herausgestellt, als man anfänglich dachte.

Wie kann in den Krisenländern Sicherheit und Stabilität einkehren?

So banal es klingt: Konflikte sollten immer ohne Gewalt gelöst werden. Es schaut für beide mehr heraus, wenn man sich nicht umbringt. Das ist ein wichtiges Prinzip der Friedensforschung.

Ist eine kriegerische Intervention nicht manchmal notwendig um noch schlimmeres Leid zu verhindern? Etwa im Fall des IS?

Kriege haben unter dem Strich praktisch nie zu einem positiven Resultat geführt.

Immerhin konnten die Allierten dank einem militärischen Angriff Hitler stoppen.

Gerne geht vergessen, dass England froh um Hitler war, als er im Spanischen Bürgerkrieg die Sozialisten bombardierte und die Sowjetunion attackierte.

Wann denken Sie wird in Syrien und im Irak wieder Stabilität und Ruhe einkehren?

Das hängt natürlich vor allem von den Menschen vor Ort ab. Aber auch von uns im Westen: Wollen wir uns mutig für den Frieden einsetzen oder wollen wir Politikern wie Bush und Blair das Feld überlassen, die mit Gewalt und Bombenhagel ihre Machtgelüste befriedigen, Ressourcen erbeuten und andere Länder ins Chaos stürzen? Wir haben die Wahl, weil der Westen ein mächtiger Akteur auf der Weltbühne ist.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum es höchste Zeit wird, dass Europa das Thema Religion nicht länger tabuisiert.

* ist Historiker und Friedensforscher, spezialisert auf Energiefragen, Wirtschaftsgeschichte, Geostrategie und internationale Zeitgeschichte seit 1945. Er ist Gründer und Inhaber des (SIPER).

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