Internet-Ranking: Der wichtigste Denker der Gegenwart
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Internet-RankingDer wichtigste Denker der Gegenwart

So hatten es sich die Macher des US-Magazins «Foreign Policy» wohl nicht gedacht: Im Internet liessen sie ihre Leserschaft über die führenden Intellektuellen der Gegenwart abstimmen. Das Ergebnis: In den Top 10 befinden sich lauter Muslime.

«Mit Ranglisten ist das so eine Sache», hält «Foreign Policy» in seiner Bilanz der Abstimmung fest. Besonders wenn man sie über Online-Abstimmungen erstellen lässt. Mobilisierung ist in diesem Fall alles, Objektivität ist zweitrangig. Das mussten die Macher des renommierten Magazins feststellen, als sie zusammen mit der britischen Zeitschrift «Prospect» ihrer Leserschaft eine Liste mit 100 Intellektuellen vorlegten, auf dass diese per Internet die wichtigsten Denker der Gegenwart bestimmen sollten.

Man habe mit einem grossen Feedback gerechnet, doch es sei eine «wahre Lawine» hereingebrochen: In knapp vier Wochen wurden mehr als 500 000 Teilnehmer registriert. Dies zeuge von der Kraft und Ausstrahlung der 100 Männer und Frauen, so «Foreign Policy», aber auch vom Talent, «mit einer breiten Öffentlichkeit zu kommunizieren». Übersetzt heisst dies: Mit gutem Lobbying liessen sich viele Stimmen generieren. Das lässt sich exemplarisch aufzeigen am Sieger der Abstimmung, Fethullah Gülen.

Mehr als fünf Millionen Anhänger

Fethullah wer? Im Westen ist der je nach Quelle 1938 oder 1941 geborene Türke weitgehend unbekannt. Als freischaffender Theologe setzt er sich in zahlreichen Büchern für eine Modernisierung des Islam und für Toleranz ein. In säkularen Kreisen seiner Heimat ist Fethullah Gülen jedoch umstritten, er sass schon im Gefängnis und lebt derzeit im amerikanischen Exil. Seine Organisation betreibt rund 500 Privatschulen, die Zahl seiner Anhänger wird auf mehr als fünf Millionen geschätzt.

Diese beteiligten sich fleissig an der Abstimmung, nachdem die türkische Zeitung «Zaman», die mit Gülen eng verbunden ist, sie auf der Titelseite erwähnt hatte. «Nur wenige Stunden später wurden die ersten Stimmen zu seinen Gunsten registriert», hält «Foreign Policy» fest. Seine Anhänger – in der Regel gut ausgebildete, aufstrebende Menschen – unterstützten dabei nicht nur ihren Favoriten, sondern auch andere Muslime auf der Liste. Wodurch das von den Machern kaum erwartete Ergebnis resultierte, dass die zehn wichtigsten Intellektuellen ausnahmslos Muslime sind.

Auch ein Schweizer in den Top 10

Dabei zeigt sich ein durchaus schillerndes Bild. Man findet in den Top 10 liberale Geister wie Muhammad Yunus, den Mikrokredit-Banker und Friedensnobelpreisträger 2006, den türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und die iranische Frauenrechtlerin Schirin Ebadi, die 2003 als erste Muslimin den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Weit oben klassiert ist aber auch Yusuf Al-Qaradawi, der als TV-Prediger auf dem Sender Al Jazeera auch schon Selbstmordattentate unterstützt hat.

Sogar ein Schweizer hat es in die Top 10 geschafft, der umstrittene Genfer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, der einen «europäischen Islam» propagiert und dem die USA wegen angeblicher Verbindungen zu radikalen Gruppen wie der Hamas die Einreise verweigern. Erst dahinter folgen westliche Intellektuelle, als erster der Amerikaner Noam Chomsky. Ebenfalls viele Stimmen gemacht haben Al Gore und der ehemalige Schachweltmeister und russische Oppositionspolitiker Garri Kasparow.

(pbl)

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