Balkanroute: Der Winter hält Flüchtlinge nicht ab
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BalkanrouteDer Winter hält Flüchtlinge nicht ab

Weniger Flüchtlinge erreichen Österreich und Deutschland. Doch der Eindruck trügt, noch immer wagen Tausende die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland.

von
ofi

In Österreich kommen immer weniger Flüchtlinge an. Erstmals seit Monatsbeginn treffen nun weniger als 3000 Menschen am Tag ein. In Kärnten kamen am Freitag 900 Menschen an, weitere 400 wurden erwartet. In der Steiermark trafen am Donnerstag und Freitag gar keine Flüchtlinge ein. Die Polizei rechnet auch in den kommenden Tagen mit wenigen Ankünften. Auch in Slowenien, Kroatien und Serbien ging die Zahl der Ankommenden zurück.

Der Rückgang wirkt sich auch in Deutschland aus, wohin der Grossteil der in Österreich ankommenden Flüchtlinge weiterreist. Im Nachbarland sind am Donnerstag so wenig Flüchtlinge angekommen wie bisher an keinem anderen Tag im November. In Deutschland wurden in diesem Jahr bereits mehr als 900'000 Flüchtlingen registriert. Dies wurde der Nachrichtenagentur AFP am Freitag aus Regierungskreisen bestätigt. Zum Jahresende werde die Zahl vermutlich in dieser Grösse liegen, hiess es.

Flüchtlinge hängen in Griechenland fest

Der Rückgang an neuen Flüchtlingen, den die Länder am nördlichen Ende der Balkanroute registrieren, ist jedoch trügerisch. Er bedeutet nicht, dass weniger Flüchtlinge auf dem Weg nach Mitteleuropa sind. Sie befinden sich bloss noch nicht weiter im Norden. Die Lage der Flüchtlinge spitzt sich dafür in Griechenland immer mehr zu.

Trotz winterlich rauer See wagen jeden Tag nach wie vor Tausende die gefährliche Passage von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln. Beim Untergang von Flüchtlingsbooten ertranken nach einer Meldung der türkischen Nachrichtenagentur sechs Kinder. An der griechisch-mazedonischen Grenze stranden zudem immer mehr Migranten, die nicht aus Kriegsgebieten wie Syrien und Afghanistan stammen.

Die Internationale Organisation für Migration teilte mit, am Mittwoch seien mehr als 5000 Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland gekommen. Am Sonntag waren es nur 155 gewesen. Erwartungen, ungünstiges Wetter und die Teilblockade der sogenannten Balkanroute durch Mazedonien würden Flüchtlinge von ihrer gefährlichen Reise abschrecken, scheinen sich nicht zu erfüllen.

Konflikte an griechisch-mazedonischer Grenze

An der griechisch-mazedonischen Grenze sorgte derweil die mazedonische Sperre für alle Flüchtlinge, die nicht aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan stammen, für Verzweiflung. Am Donnerstag gab es an der Grenze heftige Zusammenstösse zwischen mazedonischer Polizei und Flüchtlingen aus Ländern wie Iran und Pakistan.

Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Nils Muiznieks, schlug vor, Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan direkt aus den Lagern nahe der Konfliktregionen nach Europa zu holen. Das ist auch der britische Standpunkt. Muiznieks sagte der Nachrichtenagentur AP, da die Asylanträge von 99 Prozent der syrischen und rund zwei Dritteln der afghanischen Flüchtlinge in Europa anerkannt würden, sei es eine «chaotische und ineffiziente Politik», sie erst die lange und gefährliche Reise über das Mittelmeer und die Balkanroute machen zu lassen – und so gewissermassen Menschenschmugglern auszuliefern. (ofi/sda)

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