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Umwelt-VignetteDer Zank um die Dreckschleudern

Der Bund will Umweltzonen einführen, um Dreckschleudern in den Städten zu stoppen. In Deutschland gehören Sperrgebiete bereits zum Verkehrsalltag – und sorgen nicht nur für eitlen Sonnenschein.

von
Adrian Müller
In diesen Städten gibt es in Deutschland Umweltzonen, wo Fahrzeuge nur mit einer Umweltvignette passieren dürfen. In Berlin und Hannover etwa dürfen nur Fahrzeuge mit einer grünen Vignette in die Stadt fahren.

In diesen Städten gibt es in Deutschland Umweltzonen, wo Fahrzeuge nur mit einer Umweltvignette passieren dürfen. In Berlin und Hannover etwa dürfen nur Fahrzeuge mit einer grünen Vignette in die Stadt fahren.

Nur noch wenige Wochen dauert es, bis die Feinstaubglocke wieder über den Schweizer Verkehrsachsen hängt. In vielen Städten werden dann die Grenzwerte andauernd überschritten. Dem will das Bundesamt für Strassen (ASTRA) entgegenwirken, indem durch Umwelt-Vignetten «Dreckschleudern» aus dem Stadtgebiet verbannt werden können. Die Stadt Genf will Umweltzonen bereits 2012 einführen. «Der Grossteil der Emissionen im Stadtgebiet stammt von wenigen, stark umweltschädigenden Fahrzeugen», sagt der Grüne Nationalrat Bastien Girod, der seit Jahren gegen Offroader kämpft. Es sei wichtig, dass die Schweizer Städte mit der Umweltvignette endlich ein wirksames Mittel erhielten, um solche Autos von ihren Strassen verbannen zu können.

Deutschland geht voran

In der Schweiz sind Umweltzonen trotz ASTRA-Beschluss noch Zukunftsmusik. Derweil gibt es in Deutschland bereits über 40 Umweltzonen. Und zwar nicht nur in Grossstädten wie München oder Stuttgart, sondern auch in kleineren Orten wie Freiburg im Breisgau oder Heidelberg (siehe Karte oben). «Bislang sind aber ausschliesslich Dieselfahrzeuge vom Verbot betroffen», sagt Andreas Hölzel, Verkehrsexperte beim Deutschen Automobilclub ADAC zu 20 Minuten Online.

Trotzdem müssen alle Fahrzeuge eine 28 Franken teure Umwelt-Vignette am Auto anbringen. Dies gilt auch für jene YB-Fans, welche Mitte September mit dem eigenen Wagen von Bern ans Euroleague-Spiel gegen Stuttgart fahren wollen. Wer es ohne Plakette versucht, dem droht eine Busse von 40 Euro. In der Schweiz ist noch nicht klar, wie viel die neue Vignette kosten wird. Erstaunlicherweise stehen bereits die Bussen fest: Wer die falsche Vignette an einem falschen Fahrzeug anbringt, muss 500 Franken zahlen. Wer ohne Vignette in eine Umweltzone fährt, muss in der Schweiz bis zu 100 Franken abdrücken.

Riesiger bürokratischer Aufwand

Millionen Fahrzeuge sind in den vergangenen Jahren in Deutschland mit einer Vignette versehen worden. «Dies ist ein gigantischer bürokratischer Aufwand ohne Nutzen», echauffiert sich ADAC-Experte Hölzel. Weder die Verkehrs- noch die Feinstaubbelastung hätte in den Städten gross abgenommen. Bastien Girod hingegen sieht eine positive Entwicklung: «Bis vor kurzem fuhren in Deutschland viele Autos ohne Partikelfilter, diese sind nun verschwunden.» Der Anreiz für den Wechsel auf ein umweltfreundlicheres Auto oder den ÖV sei gestiegen. Bereits wenige Prozente an Emmissionseinsparungen machten einen signifikanten Unterschied aus, so Girod.

Mit der Umwelt-Vignette verschwinden aber längst nicht alle Offroader vom Strassenbild. Ein Porsche Cayenne der neuesten Generation erhält ebenso eine grüne Vignette wie ein Hummer-Cabrio – und damit freie Fahrt in allen Deutschen Städten. Wie lange solche Offroader noch fahren dürfen, ist aber unklar: «Städte wie Berlin oder München haben die Grenzwerte laufend verschärft», so Hölzel.

20-Minuten-Leser finden Schlupflöcher

Nicht nur dieser Umstand sorgt bei den Lesern für Aufregung. Innert wenigen Stunden gingen auf 20 Minuten Online über 250 Kommentare zum Thema ein. User Roger Nufer hat bereits Schlupflöcher entdeckt: «Ich fuhr schon mehrmals mit Deutschen zum Einkaufen in solche Städte. Man nimmt Umwege in Kauf, um die Umweltzonen zu umfahren. Der Effekt: mehr Kilometer in der Innenstadt, mehr Lärm, mehr Abgase! Fazit: Nicht alles was auf den ersten Blick umweltfreundlich erscheint, ist es auch tatsächlich.» Leserin Manuela hingegen sieht Handlungsbedarf: «Es ist Zeit, dass etwas für die Stadtbevölkerung getan wird. Ich wohne an einer stark befahrenen Strasse inmitten einer Kleinstadt. Es geht nicht nur um die Abgase, es geht auch um «aufgemotzte» Boliden, die so viel Lärm machen wie 3 normale Autos miteinander.»

Kurz erklärt

Feinstaub gilt als Ursache von Erkrankungen der Atemwege. Um die Luftqualität zu verbessern und EU-Werte einzuhalten, führten die deutschen Städte Umweltzonen ein. Hinein dürfen nur Autos mit Feinstaubplakette. Die Plakette gilt ein Autoleben lang und ist je nach Emissionen grün (sehr sauber), gelb (sauber) oder rot (noch sauber). Dreckschleudern erhalten gar keine Plakette. Wer nach Deutschland fährt, kann beim TCS eine Umweltplakette kaufen.

Wie ist ein Auto eingestuft?

Ziffer 72 im Ausweis (Emissionscode) entscheidet. Benziner ohne Kat erhalten keine Plakette; mit geregeltem Kat ab Okt. 1987 die grüne (meist Zahl 1 bis 5 im Code). Diesel mit Doppelnull oder 1 im Code bekommen ohne Filternachrüstung keine Plakette! Mit geregeltem Filter (Zahl 4 oder 5) ab 2006 gibt es grün, mit 3 gelb, mit 2 rot.

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