Barack Obama: Der zögerliche Präsident
Aktualisiert

Barack ObamaDer zögerliche Präsident

Die Wahl von Barack Obama 2008 war ein grosses Versprechen. Als Präsident aber lavierte er, statt zu führen. Erst die drohende Abwahl hat seinen Kampfgeist geweckt.

von
Peter Blunschi
New York

Barack Hussein Obama war vor vier Jahren der richtige Mann zur richtigen Zeit. Eine Nation, konfrontiert mit zwei unpopulären Kriegen und einer kollabierenden Wirtschaft, sehnte sich nach einem charismatischen Hoffnungsträger, der an die Einheit appellierte und Aufbruch versprach. Heute ist von «Hope» und «Change» kaum etwas geblieben. Die Grundstimmung im Land ist mies, die Wirtschaft kommt nicht in Fahrt, die USA sind nicht geeint, sondern tief gespalten. Wenn die Amerikaner heute ihren Präsidenten sehen, dann sehen viele nicht mehr eine Lichtgestalt, sondern ein unerfülltes Versprechen.

Daran ist Barack Obama nicht allein schuld. Der Hoffnungsträger musste ein «unmögliches» Erbe antreten – und die Republikaner haben ihm das Regieren von Anfang an so schwer wie nur möglich gemacht. Aber der Präsident kam ihnen dabei auch weit entgegen. Viel zu oft zauderte er, wenn Führungsstärke gefragt gewesen wäre. Zu oft vertraute er darauf, dass andere es richten werden. «Leading from behind», Führen aus dem Hintergrund, lautet der Vorwurf seiner inzwischen überaus zahlreichen Gegner. Darin steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit.

Die Fallen des Lebens

Was ist schief gelaufen? Die Antwort findet man in seinem Werdegang, den der Journalist David Maraniss in seiner umfangreichen Biographie «Barack Obama – The Story» mit einer Fülle an Details schildert. Schlagzeilen produzierte der Wälzer mit Obamas früheren Liebschaften und der Tatsache, dass Maraniss ihm einige Ungenauigkeiten in seinen eigenen Memoiren «Dreams From My Father» nachweisen konnte. Den Schlüssel zu Obamas Persönlichkeit aber bildet ein Charakterzug, der im Buch mehrfach erwähnt wird: Seine Entschlossenheit, «den Fallen auszuweichen, die einem das Leben stellt».

Falle eins ist gemäss Maraniss Obamas komplexe Herkunft «mit ihren Herausforderungen in Sachen Stabilität und Psychologie». Er wuchs ohne Vater auf. Mutter Ann Dunham nahm den kleinen Barry mit nach Indonesien, in die Heimat ihres zweiten Mannes, als er sieben Jahre alt war. Als er zehn war, schickte sie ihn zu den Grosseltern nach Hawaii, damit er eine amerikanische Erziehung erhielt. Danach war Ann nur noch eine «Ferienmama», denn sie blieb nach ihrer zweiten Scheidung in Indonesien und arbeitet als Anthropologin – laut David Maraniss ihre eigene Art, den Fallen des Lebens zu entkommen.

Sehr guter Schüler – aber kein herausragender

Die zweite Falle war Hawaii, eine Inselgruppe im Pazifik, weltoffen, multikulturell, aber auch weit weg vom «Mainland» USA. Und die dritte, besonders perfide Falle war die Rassenfrage: Obama, als Sohn eines Studenten aus Kenia kein «echter» Afroamerikaner, wusste lange nicht, welcher Ethnie er sich zugehörig fühlen sollte. Seine Identität als Schwarzer fand er erst, als er in einer benachteiligten Gegend in Chicago als Community Organizer arbeitete, eine Mischung aus Sozialarbeiter und Politaktivist.

So entsteht das Bild eines Mannes, der sich als Aussenseiter fühlte und dieser Rolle zu entkommen suchte. Und der gleichzeitig bemüht war, nicht negativ aufzufallen, sich nicht zu exponieren, nicht in eine Falle zu treten. Der Kontrast zu Bill Clinton ist augenfällig: Während dieser schon früh nach oben strebte und als Schüler für jedes mögliche Amt kandidierte, blieb Barack Obama einer unter vielen. Er war ein guter, sogar sehr guter Schüler und Student – aber kein herausragender. Er spielte leidenschaftlich Basketball, schaffte es in seinem High-School-Team in Hawaii aber nie in die Startformation.

Als er auf Widerstand stiess, wars mit der Courage vorbei

Einmal wagte er sich aus der Deckung: Im Februar 1981 hielt der 19-jährige Obama als Student am Occidental College in Los Angeles an einer Anti-Apartheid-Kundgebung seine erste öffentliche Ansprache. Und entdeckte sein grösstes Talent: Die Menschen begeistern zu können. «Noch Tage später sagten die Leute, wie beeindruckt sie von seiner Rede waren», zitiert David Maraniss einen damaligen Kommilitonen. Diese Begabung führte den sonst so risikoscheuen Obama in das Minenfeld der Politik und bis ins Weisse Haus.

Dort bewies er sogleich Mut, als er an seinem ersten Arbeitstag als Präsident die Schliessung des umstrittenen Gefangenenlagers in der Militärbasis Guantánamo auf Kuba anordnete. Doch als er damit im Kongress auf Widerstand stiess, war es mit der Courage rasch vorbei. Guantánamo existiert noch immer, ein Ende ist nicht in Sicht. Es war nicht die einzige Niederlage: Er versuchte, dem Iran die Hand zu reichen, doch Teheran zeigte ihm die kalte Schulter. Und so wurde aus dem Hoffnungsträger Obama ein zögerlicher Präsident.

Zu wenig Führung in der Wirtschaftskrise

Zu oft überliess er die Initiative einem nicht entscheidungsfähigen Parlament, etwa bei der Gesundheitsreform oder beim Konjunkturpaket zur Ankurbelung der Wirtschaft. Dieses hat nach Ansicht vieler Ökonomen eine schlimmere Rezession verhindert, doch es hätte wohl noch mehr Wirkung entfaltet, wenn es die Abgeordneten in Washington nicht mit zahlreichen Geschenken an ihre heimischen Wähler vollgepackt hätten, die kaum oder höchstens mit Verzögerung einen stimulierenden Effekt auf die Wirtschaft ausübten.

Überhaupt: Besonders vermisst wurden Obamas Führungsqualitäten bei der Bekämpfung der hartnäckigen Wachstumsschwäche. Die «New York Times» veröffentlichte eine fundierte Analyse seines zögerlichen Vorgehens gegen die Immobilienkrise. In den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit stellte der Kongress hunderte Milliarden Dollar bereit als Hilfe für bedrängte Hausbesitzer, deren Liegenschaft sich «unter Wasser» befindet – ihr Wert ist heute tiefer als die auf ihr lastende Hypothekarschuld. Das Geld hätte eine Entlastung gebracht und gleichzeitig den Konsum und damit die Wirtschaft belebt.

Bestseller «The Amateur»

Doch während Obama die Autoindustrie vor dem Konkurs bewahrte, blieb die Hilfe für die Hauseigentümer weitgehend unangetastet. Man vertraute darauf, dass der Markt sich von selbst erholt. Politische Verbündete sprechen laut «New York Times» vom «grössten Fehler der Regierung» in der Wirtschaftspolitik. Selbst Berater des Präsidenten räumen ein, man habe zu lange geglaubt, dass die Notenbank FED mit ihren Geldschwemmen die Wirtschaft ankurbeln wird. Auf den Aufschwung warten die USA bis heute. Die Arbeitslosigkeit verharrt bei über acht Prozent, tatsächlich dürfte sie doppelt so hoch sein.

Deswegen ist es heute sehr viel einfacher, Barack Obama zu hassen, als ihn zu lieben. Die Biographie von David Maraniss liegt wie Blei in den Regalen. Hervorragend verkauft sich dafür das Buch eines konservativen Journalisten, dessen Titel «The Amateur» eigentlich schon alles über den Inhalt aussagt. Ein Überraschungserfolg in den Kinos ist zudem der Pseudo-Dokumentarfilm «2016», der im Stil eines Michael Moore von rechts eine düstere Vision für die Zukunft Amerikas schildert für den Fall, dass Obama wiedergewählt wird.

Das innere Feuer

Und dennoch: Obwohl eine grosse Mehrheit der Amerikaner überzeugt ist, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegt, geniesst der Präsident noch immer viele Sympathien. Die Schwächen seines Gegenspielers Mitt Romney sind ein Grund dafür. Und jenes gewisse Etwas, das vor 30 Jahren am Occidental College erstmals ersichtlich wurde. Der «Washington Post»-Blogger Greg Sargent schliesst aus Gesprächen mit unentschlossenen Wählern, dass viele unglücklich sind über Obama, ihn aber nicht zwingend als Versager sehen. Sie könnten durchaus bereit sein, ihm nochmals eine Chance zu geben.

Deshalb ist eine Wiederwahl nach wie vor möglich. Mit seiner Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Charlotte (North Carolina) am nächsten Donnerstag kann er Werbung in eigener Sache machen. Dabei werden konkrete Vorschläge gefragt sein, denn bislang bestand sein Wahlkampf weitgehend aus Attacken gegen Mitt Romney. Sie sind Ausdruck einer Kämpfernatur, die man dem übervorsichtigen und zurückhaltenden Obama kaum zutraut. «Er ist cool und Bill Clinton ist heiss, aber innerlich brennen beide mit der gleichen Temperatur», meint David Maraniss, der auch über Clinton eine Biographie verfasst hat.

Angriffe unschön, aber notwendig

Obamas «brennender Kampfgeist» ist auch Thema eines E-Book von Politico. Die wilde Entschlossenheit, sein Amt zu verteidigen, paare sich mit einer abgrundtiefen Verachtung für Mitt Romney, den er für «zu weich» halte, um sich gegen seine «Geldmänner» durchzusetzen. Und dem er um keinen Preis gönnen will, dass er die Früchte eines Aufschwungs ernten darf, die eigentlich ihm gebühren. Wer deshalb glaubt, der edle Ritter Obama verfolge die Angriffe seiner Kampftruppe in Chicago gegen Romney mit leidender Miene, muss umdenken. Er hat laut Politico keinerlei Einwände und betrachtet sie als zwar unschön, aber notwendig.

Man darf deshalb in der Schlussphase des Wahlkampfes noch einiges erwarten. Und die Rechnung könnte aufgehen, denn niemand wird ernsthaft behaupten wollen, dass im steifen Mitt Romney ein ähnliches inneres Feuer brennt. Und doch bleibt ein fader Nachgeschmack: Hätte Barack Obama ein wenig von jenem Furor ins Regieren investiert, mit dem er nun seinen Job verteidigt, er müsste vermutlich weniger um ihn bangen.

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