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FinanzkriseDer Zorn der Schuldenmacher

Amerikas Steuerzahler sind wütend über das «Milliardengeschenk» für die Finanzbranche. Dabei haben sie mit sorglosem Schuldenmachen zur Krise beigetragen. Jetzt wird ihnen die Rechnung präsentiert.

von
Peter Blunschi

Das 700-Milliarden-Paket der Regierung Bush bewegt die Gemüter in den USA. Die Parlamentarier in Washington wurden per Brief, Fax, Telefon und E-Mail mit der Wut ihrer Wählerschaft konfrontiert. Diese zieht sich quer durch den ideologischen Gemüsegarten. Konservative wollen von einem derart massiven Staatseingriff in den freien Markt nichts wissen, Linke schäumen über die Regierungschecks für die selbst ernannten «Masters of the Universe» an der Wall Street, die jahrelang fette Boni bezogen hatten.

Bernie Sanders, ein linker, parteiloser Senator aus Vermont, sammelte rund 23 000 Unterschriften zugunsten einer fünfjährigen, zehnprozentigen Steuererhöhung für die reichsten Amerikaner zur Finanzierung des Rettungsplans. Der republikanische Abgeordnete Darrell Issa aus Kalifornien erhielt gemäss «Wall Street Journal» mehr als 2000 negative Rückmeldungen seiner Wählerinnen und Wähler. Und das fünf Wochen vor den Wahlen, bei denen besonders die Republikaner um den Verlust ihrer gut gepolsterten Sitze im Kapitol in Washington bangen müssen. Was entscheidend zum Nein im Repräsentantenhaus beitrug.

«Jetzt kaufen – später zahlen»

Stellvertretend für viele Amerikaner steht ein 65-jähriger Immobilienmakler aus Nevada, der den Kollaps des Häusermarkts hautnah miterlebt hat und der «Washington Post» sagte: «Ich arbeite hart für mein Geld. Warum soll ich es den grossen Banken geben? Warum gibt es statt eines Rettungsplan nicht Strafklagen?» Damit müsste gerade er wissen, dass die Banken allein nicht schuld sind. Zwar haben sie sorglos Kredite vergeben, und die Aufsichtsbehörden haben dabei zugeschaut. Auf der anderen Seite aber stehen jene, die ebenso sorglos mit dem Geld umgingen: die Konsumenten.

Seit Jahren lebt Amerika auf Pump, nach der Devise «Jetzt kaufen – später zahlen». Ein Durchschnittshaushalt wendet 14 Prozent seines Einkommens für das Abzahlen von Schulden auf. Das Schuldenmachen wurde durch Notenbankchef Alan Greenspan und seine tiefen Zinsen befördert. Das führte nicht nur dazu, dass sich Leute aus ärmeren Schichten mit den berüchtigten «Ramschhypotheken» ein Haus kauften, das sie sich nicht leisten konnten. Auch vermeintlich solvente Eigentümer stockten im Vertrauen auf stetig steigende Hauspreise ihre Hypothek auf und finanzierten damit ihren Konsum.

Platzt die Kreditkartenblase?

Das Platzen der Immobilienblase brachte diese Konstrukte zum Einsturz. Tausende mussten ihr Haus räumen, zahlreichen weiteren droht dieses Schicksal. Viele US-Bürger versuchen, die Notlage mit der Kreditkarte zu überbrücken. Dabei haben sie auch in diesem Bereich einen hohen Schuldenberg angehäuft. Sollte ihn die Kreditkrise erfassen, werde sich «das Blutbad noch verschlimmern», sagte der Ökonom Nouriel Roubini, der vor zwei Jahren die heutige Entwicklung vorausgesagt hat. Bereits haben die Banken damit begonnen, Rückstellungen zu bilden.

Obwohl sich die Probleme abzeichneten, wollte lange niemand den Amerikanern reinen Wein einschenken. «Da war eine Party im Gang, und niemand wollte der Spielverderber sein», sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, ein scharfer Kritiker der Bush-Regierung, dem Magazin «Business Weekly». Noch heute tun sich Massenmedien und breite Bevölkerung schwer damit, der unangenehmen Wahrheit ins Auge zu blicken.

Benzin im Südwesten knapp

Doch es mehren sich die Indizien, dass die Leute den Ernst der Lage erkennen. So ist seit einigen Tagen in mehreren Staaten im Südwesten der das Benzin knapp. Vor den Tankstellen bildeten sich Schlangen, teilweise kam es zu Gewaltakten. Vordergründige Ursache war die Schliessung mehrerer Raffinerien wegen der Hurrikane «Gustav» und «Ike», doch in Kombination mit der allgemeinen Furcht um die Wirtschaft habe dies gemäss Ökonomen zu «irrationalen Reaktionen» in Form von Hamsterkäufen geführt. Einzelne Fachleute verwendeten das Wort «Panik».

Es gibt aber auch rationalere Gemüter. Die 51-jährigen Versicherungsagentin Dana Conners aus dem Washingtoner Vorort Manassas sagte der «Washington Post», sie habe gemischte Gefühle zum Rettungsplan. Einerseits sei sie wütend darüber, dass der Steuerzahler den Banken helfen solle, andererseits sei dies aber wohl nötig: «Ich will nicht arbeiten, bis ich 85 bin.»

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