Aktualisiert 26.07.2011 15:51

«Einer muss es tun»

Des Teufels Advokat

Die ganze Welt will wissen, was im Kopf des Massenmörders von Oslo vor geht. Allen voran sein Anwalt Geir Lippestad. Doch dieser zeigt bereits erste Anzeichen von Verzweiflung.

von
amc

Der überzeugende Ernst und die Würde des ersten öffentlichen Auftrittes am Montag sind verblasst. Gestresst, abgekämpft und sichtlich mitgenommen sitzt Geir Lippestad kaum 24 Stunden später vor den Journalisten. «Einer muss es ja tun», begründet der Anwalt von Andreas Behring Breivik sein Mandat. Der schwarze, nicht mehr richtig sitzende Schlips signalisierte nicht mehr nur Trauer, sondern inzwischen auch Ratlosigkeit und erste Anzeichen von Verzweiflung.

Der 57-jährige Anwalt hatte sich am Samstag bereit erklärt, den Mörder von 76 Menschen zu verteidigen. Er wird den Mann vertreten, der den grössten Gewaltakt über Norwegen brachte seit dem Zweiten Weltkrieg. Er will jener Person beizustehen, die einen Massenmord als «notwendig» bezeichnete, ihn gestand, sich aber als «unschuldig» betrachtet. Geir Lippestad hat eine scheinbar unlösbare Aufgabe vor sich. «Ich habe nicht gleich ja gesagt, sondern mir das schon sehr genau überlegt nach diesem einzigartigen Verbrechen», gestand Lippestad im Fernsehen.

19-jähriges Opfer der Schiesserei in Oslo

Gedankenwelt von Breivik bleibt ein Rätsel

Eigentlich hätte es niemand erfahren sollen. Geir Lippestad wäre gerne den «Prinzipien einer rechtsstaatlichen Demokratie» hinter verschlossenen Türen nachgegangen. Irgendwann sickerte aber die Information durch und der Osloer musste sich bekennen. Mit der öffentlichen Erklärung hat er eine Pflicht geschultert, der er kaum gewachsen ist.

Die Welt versucht, den Mann hinter dem brutalen Massenmord irgendwie begreifen zu können und Lippestad ist scheinbar der Schlüssel dazu. Er hat den 32-Jährigen zur Befragung beim Haftrichter begleitet und sprach danach wieder mit ihm. Doch so wirklich erschlossen hat sich ihm die Gedankenwelt von Breivik noch nicht. «Es fällt mir schwer, seine Aussagen vernünftig wiederzugegeben», war einer der ersten Sätze, die Lippestad über Breivik sagte. Geändert hat sich 48 Stunden und eine weitere Befragung später offenbar nichts.

«Ich weiss nicht, warum er mich wählte»

An der Pressekonferenz am Dienstag blickte Lippestad immer wieder verlegen auf den Tisch, verwarf die Hände oder antwortete einfach mit Kopfschütteln auf die vielen Fragen der Journalisten. Gerne hätten die Reporter aus aller Welt die Motive seines Mandanten gehört, seine weiteren Pläne oder einfach Details zu den angekündigten weiteren Anschlägen – als ob nicht der Pflichtverteidiger vor ihnen sitzen würde, sondern der Massenmörder selbst. «Ich weiss das nicht», antwortete Lippestadt dann leise oder dann energischer: «Ich kann das nicht kommentieren.»

Wieso Andreas Behring Breivik ausgerechnet einen sozialdemokratischen Lokalpolitiker als Verteidiger gewählt hat, ist auch Lippestad ein Rätsel. Der 57-Jährige steht selbst für die «multikulturelle» Grundhaltung der Sozialdemokraten, deren Nachwuchs Breivik auf der Insel Utøya versuchte auszulöschen. Lippestad hat sich die Frage selbst auch schon oft gestellt, wie er sagt. «Aber ich weiss es einfach nicht.» Wenn er das sagt, wirkt Lippestad nachdenklich, so als ob er sich einen anderen Entscheid gewünscht hätte. Den Grund dafür hat der Anwalt mit einer eigenen Kanzlei aber wohl selbst geliefert.

Anwalt könnte auf Unzurechnungsfähigkeit von Breivik setzen

2002 verteidigte Lippestad den Rechtsradikalen Ole Nicolai Kvisler. Er hatte damals mit zwei Gesinnungsgenossen einen dunkelhäutigen Jugendlichen ermordert. Entkommen sind die drei Rechtsextremen ihrer Strafe allerdings deshalb nicht: Sie wurden zu 15 Jahren Haft verurteilt. Seinen jetzigen Mandanten erwarten bis 30 Jahre Haft wie es in den Medien heisst. Ob er mit fehlender Zurechnungsfähigkeit bei Breivik plädieren will, weiss er noch nicht. «Man macht sich bei so einem unvorstellbaren Verbrechen schon Gedanken darüber», so Lippestad. Breivik selbst sieht sich gemäss seinem Anwalt als «nicht verrückt».

Wie Lippestad am Dienstag vor den Medien erklärte, hat der Massenmörder das Gefühl, sich im Krieg zu befinden. «Er sieht sich als Krieger in Mitten eines 60-jährigen Krieges.» Ob diese Einschätzung weitere Leute teilen und ob es tatsächlich weitere Zellen gibt, wollte Breivik gemäss Lippestad nicht sagen. «Er ist sehr gesprächsbereit, kooperiert aber nicht in allen Punkten.» Der Anwalt selbst hat seinen Mandanten bisher als «kalte Person» kennengelernt. Verstehen oder erahnen, was in seinem Kopf vorgeht, kann Lippestad nicht. Nach seinen Aussagen hat sich Breivik nach den Anschlägen und dem Tod von über 70 Menschen nur bei ihm darüber erkundigt, ob er ihm eine bestimmte Uniform beschaffen könnte für die Anhörung beim Haftrichter. «Über seine Gedankenwelt», schloss Lippestad die Pressekonferenz, «kann ich beim besten Willen nicht viel sagen.»

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