Höhlensyndrom - Deshalb fürchten sich Menschen vor der Rückkehr zur Normalität
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HöhlensyndromDeshalb fürchten sich Menschen vor der Rückkehr zur Normalität

Nicht alle freuen sich über die Massnahmen-Lockerungen: Viele Personen fürchten sich vor einer Rückkehr zum normalen sozialen Leben. Psychotherapeut François Gremaud erklärt, was der Auslöser des sogenannten Höhlensyndroms ist.

von
Michelle Muff
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Leute treffen, Umarmungen, Restaurantbesuche: Mit den Massnahmen-Lockerungen kehrt das Leben langsam zur Normalität zurück.

Leute treffen, Umarmungen, Restaurantbesuche: Mit den Massnahmen-Lockerungen kehrt das Leben langsam zur Normalität zurück.

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Nicht alle freuen sich aber über die Öffnungsschritte: Vielen Personen bereitet die Rückkehr ins normale soziale Leben Angst.

Nicht alle freuen sich aber über die Öffnungsschritte: Vielen Personen bereitet die Rückkehr ins normale soziale Leben Angst.

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Für diese Angst gibt es einen Begriff: «Höhlensyndrom». Psychotherapeut François Gremaud erklärt, wie es zu der Angst kommt.

Für diese Angst gibt es einen Begriff: «Höhlensyndrom». Psychotherapeut François Gremaud erklärt, wie es zu der Angst kommt.

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Darum gehts

  • Vielen Personen bereitet die Rückkehr zum normalen sozialen Leben Angst.

  • Diese hat einen Namen: «Höhlensyndrom».

  • Psychotherapeut François Gremaud erklärt, wie diese Angst zustande kommt.

Die Sperrstunde für Restaurants und Bars wurde aufgehoben, private und öffentliche Treffen sind auch in grösseren Gruppen wieder erlaubt: Das Leben in der Schweiz kehrt langsam wieder zur Normalität zurück. Doch nicht alle können die neuen Freiheiten geniessen – bei vielen löst die Rückkehr Angst aus. Diese hat einen Namen: «Höhlensyndrom». Psychotherapeut François Gremaud erklärt, wie das Syndrom entsteht.

Was genau ist das Höhlensyndrom?

Das Höhlensyndrom tritt meistens nach einer längeren Pause, in der Regel mehreren Wochen, mit kaum Kontakt zu Menschen, auf. Es ist an sich keine psychiatrische Diagnose, sondern eine Mischung aus verschiedenen Angstsymptomen, die bei der Konfrontation mit einer Rückkehr in eine bekannte Situation, ausgelöst werden. Vor der Coronakrise trat es auf, wenn jemand zum Beispiel lange alleine segeln war oder den Sommer allein auf einer Alp verbrachte. Mit der Coronakrise sind viele Personen gezwungen worden, isoliert zu leben, daher ist das Höhlensyndrom momentan sehr aktuell.

Woran merkt man, dass man am Syndrom leidet?

Die Angst zeigt sich meistens in Form einer sozialen Phobie, gekoppelt mit starker Selbstunsicherheit. Betroffene fühlen sich unwohl, spüren negative Emotionen und öfters körperliche Symptome wie zum Beispiel schwitzen oder zittern. Die Versuchung, Alltagssituationen zu vermeiden, wie zur Arbeit gehen, den ÖV zu benutzen oder Freunde treffen, wird gross. Werden solche Situationen vermieden, geht die Angst vorübergehend weg, wird aber danach stärker. Es beginnt ein Teufelskreis: Angst, Vermeidung, Abbau der Angst und dann noch mehr soziale Angst. Menschen fühlen sich dann unfähig, in den Alltag zurück zu kehren und leiden darunter.

Gibt es soziale Fähigkeiten, die wir während Corona verlernt haben?

Wir müssen die Nähe von Menschen, mit denen wir nicht leben, wieder ertragen, zum Beispiel an öffentlichen Orten wie Verkehrsmitteln und Einkaufszentren. Auch muss man wieder positive Erlebnisse mit anderen Menschen aufbauen, wie Freunde zu sich einladen, essen gehen, zusammen Sport treiben oder Musik machen. Es geht darum, ein Urvertrauen aufzubauen, sich wieder sicher zu fühlen und letztendlich das pulsierende soziale Leben als angenehm wahrzunehmen.

Was kann man tun, wenn einen die Rückkehr zur Normalität verunsichert?

Möglichst wie früher leben, um die sozialen Unsicherheiten und Ängste zu bewältigen. Die Normalität, wie pendeln, Arbeitskolleginnen und Freunde treffen, ausgehen und Sporttreiben, wird mit der Zeit wieder als positiv erlebt. Damit steigert sich die Selbstsicherheit und die Angst verschwindet. Sollte das Höhlensyndrom jedoch weiterhin bestehen, kann psychotherapeutische Hilfe mit mehreren Gesprächen zum Aufbau der Selbstsicherheit, in Anspruch genommen werden.

12 Dinge, die wir neu lernen müssen

Die sozialen Muskeln müssen nach eineinhalb Jahren Pandemie wieder neu gestärkt werden: Der Tages-Anzeiger hat zwölf Dinge eruiert, die wir einst beherrschten - und nun wieder lernen müssen.

- Sich am Morgen angemessen anziehen: Welche Kleider passen zugleich fürs Büro und für den anschliessenden Barbesuch? Kann man das noch tragen?

- Sich begrüssen: Ellbogen für alle? Umarmungen für die Geimpften? Aber wie erkenne ich diese?

- Gespräche führen, ohne das Thema Corona zu streifen: Gibt es Spannendes neben Infektionszahlen und Impfquoten?

- Namen von flüchtigen Bekannten kennen: Wie heisst dieser Mensch, der mir zuwinkt?

– Smalltalken: Worüber sollen wir reden, wenn wir nichts erleben?

– Klatsch verbreiten: Über wen können wir lästern, wenn wir niemanden sehen?

- Soziale Feinheiten erkennen: Warum schauen mich alle so komisch an? Kann man diesen Witz etwa nicht bringen?

– Das perfekte Restaurant aussuchen: Welches Lokal passt am besten zu einer Gruppe? Gibt es Vollkontakt-Veganer darunter? Fleisch-Fundamentalistinnen?

– Wissen, was wo läuft: Welchen Kinofilm sollte man gerade gesehen haben? Wieso haben alle von dieser Eröffnung erfahren nur ich nicht?

– Unterscheiden, welche Anlässe sich lohnen: Muss ich wirklich an diese Einladung? Was bringt mir der Austausch? Wäre es zu Hause nicht gemütlicher?

- Die volle Stadt geniessen: War Zürich schöner mit leeren Strassen? Ist es pervers, eine leere Stadt schön zu finden?

– Sich wohlfühlen unter vielen Menschen: Halten die Impfungen? Welche anderen Infektionskrankheiten gibt es neben Covid?

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