Aktualisiert 06.10.2018 18:35

EmanzipationDeshalb kämpfen Frauen jetzt für ihren Orgasmus

Lange Zeit wurde der weibliche Orgasmus nur von Männern erforscht und galt als Tabu. Jetzt werden ihm Bücher, Seminare und Filme gewidmet.

von
J. Käser
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«Mit Genuss zum Orgasmus» oder «Lust auf Orgasmus» sind die Namen zweier Kurse, die im Raum Zürich speziell für Frauen angeboten werden. Ihr Ziel: Frauen sollen lernen, ihre Sexualität selbstbestimmt zu entfalten. Das Thema beschäftigt viele.

«Mit Genuss zum Orgasmus» oder «Lust auf Orgasmus» sind die Namen zweier Kurse, die im Raum Zürich speziell für Frauen angeboten werden. Ihr Ziel: Frauen sollen lernen, ihre Sexualität selbstbestimmt zu entfalten. Das Thema beschäftigt viele.

Die Schweizer Regisseurin Annie Gisler hat dem weiblichen Orgasmus gar einen Dokumentationsfilm gewidmet. Ein persönliches Erlebnis habe sie dazu bewogen,  «La petite Mort» zu drehen, sagt Gisler. Und zudem die Feststellung, dass sie unter Freundinnen selten offen über Lust und Selbstbefriedigung gesprochen habe.

Die Schweizer Regisseurin Annie Gisler hat dem weiblichen Orgasmus gar einen Dokumentationsfilm gewidmet. Ein persönliches Erlebnis habe sie dazu bewogen, «La petite Mort» zu drehen, sagt Gisler. Und zudem die Feststellung, dass sie unter Freundinnen selten offen über Lust und Selbstbefriedigung gesprochen habe.

Screenshot Vimeo
Im Zuge der Emanzipation hätten Frauen vermehrt das Bedürfnis entwickelt, die Autorin ihrer eigenen Geschichte zu werden, und zu dieser gehöre eben auch die Sexualität, so Gisler.

Im Zuge der Emanzipation hätten Frauen vermehrt das Bedürfnis entwickelt, die Autorin ihrer eigenen Geschichte zu werden, und zu dieser gehöre eben auch die Sexualität, so Gisler.

iStock/Jacob Wackerhausen

«Mit Genuss zum Orgasmus» oder «Lust auf Orgasmus» sind die Namen zweier Kurse, die im Raum Zürich speziell für Frauen angeboten werden. Ihr Ziel: Frauen sollen lernen, ihre Sexualität selbstbestimmt zu entfalten. Das Thema beschäftigt viele: Sexbloggerinnen veröffentlichen Anleitungen zum Entdecken der weiblichen sexuellen Lust und Sextoy-Produzenten werben offensiv mit Spielzeug exklusiv für Frauen. Die Schweizer Regisseurin Annie Gisler hat dem weiblichen Orgasmus gar einen Dokumentationsfilm gewidmet, der am Dienstag in Zürich Premiere feierte.

Hand in Hand mit der Emanzipation

Ein persönliches Erlebnis habe sie dazu bewogen, «La petite Mort» zu drehen, sagt Gisler, und die Feststellung, dass sie unter Freundinnen selten offen über Lust und Selbstbefriedigung gesprochen habe. «Über Jahrhunderte haben Männer den sexuellen Diskurs geprägt. Deshalb wurde die weibliche Sexualität häufig missverstanden, kontrolliert oder ausschliesslich der Befriedigung der männlichen Begierde untergeordnet. Es gab Zeiten, in denen Frauen vom Orgasmus stark abgeraten wurde, da dieser bei der Frau zu Nymphomanie und anderen Krankheiten führen könne.»

Gerade die Selbstbefriedigung habe bei Frauen die längste Zeit als eklig gegolten. «Überreste von diesem Schamgefühl sind noch immer vorhanden, diese gilt es aus dem Weg zu räumen», sagt die Regisseurin. Im Zuge der Emanzipation hätten Frauen vermehrt das Bedürfnis entwickelt, die Autorin ihrer eigenen Geschichte zu werden, und zu dieser gehöre eben auch die Sexualität, so Gisler.

Momentan würden gesellschaftliche Ungleichheiten in verschiedenen Bereichen aufgedeckt und angesprochen, so nun auch punkto Sexualität. «Wenn heutzutage die Hälfte der jungen Frauen zugibt, nur dem Partner zuliebe Sex gehabt zu haben, ohne es selber wirklich zu wollen, sieht man, dass es im Bereich Sexualität noch einiges zu tun gibt.»

TRAILER "LA PETITE MORT" (The little death) from Annie Gisler on Vimeo.

Weibliche Sexualität lange nur von Männern erforscht

Tatsächlich wurde die Geschichte der weiblichen Sexualität bis ins 21. Jahrhundert fast nur von Männern geschrieben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa hat der Psychoanalytiker Sigmund Freud die Lust der Frau neu definiert. Zusätzlich zur Klitoris, die bis anhin als Quelle der weiblichen Lust galt, erkor Freud die Vagina als zweites Lustzentrum. Dabei wertete er den klitoralen Höhepunkt als unreif ab und hielt fest, dass psychosexuell reife Frauen nur den vaginalen erlebten. Freud ging noch weiter: Die höchste weibliche Lust könne ausschliesslich durch ein männliches Glied erreicht werden – so seine These.

Verschiedene Studien belegen aber, dass rund 90 Prozent der Frauen durch Selbstbefriedigung zum Orgasmus kommen, während reiner Geschlechtsverkehr nur bei etwa 30 Prozent der Frauen regelmässig zum Höhepunkt führt. Auch die amerikanische Sexualforscherin Emily Nagoski widerspricht Freud und behauptet, es gebe bloss einen Orgasmus. Ob er durch klitorale, vaginale oder anderweitige Stimulation erfolge, habe keine direkten Auswirkungen auf seine Intensität.

Sexualität ist lernbar

Die Sexologin Dania Schiftan, die kürzlich ein Buch mit dem Titel «Coming Soon» herausgegeben hat, sagt: «Jede Frau kann lernen, einen vaginalen Orgasmus zu haben. Die Frauen sollen verstehen, dass Sexualität an sich gelernt werden muss.» Es passe zum Zeitgeist, dass Frauen nun Interesse daran hätten, selber etwas zu bewirken, und Verantwortung für ihre Lust übernehmen wollten. «Früher fühlten sich Frauen stark vom Mann abhängig, auch sexuell», so Schiftan.

Sie sollten lernen, dass sie ihre Sexualität geniessen könnten, wenn sie genügend investieren würden, erklärt die Sexologin weiter. Anhand verschiedener Atem- sowie Bewegungsübungen und speziellen Berührungen könnten Nerven empfindsamer und wahrnehmbarer gemacht werden. «Von den Männern war längst bekannt, dass ihnen Sex Spass bereitet», sagt Schiftan, «die Frauen scheinen jetzt etwas nachzuholen.» Seit der sexuellen Revolution der 68er werde mehr und mehr über Sexualität geredet. «Gegenwärtig werden die Dinge aber konkreter beim Namen genannt und man traut sich, direkte Fragen zu stellen.»

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