Aktualisiert 07.10.2014 10:55

Kampf der KurdenDeshalb lässt die Anti-IS-Allianz Kobani im Stich

Die Terrormiliz IS steht vor der Eroberung der kurdischen Stadt Kobani. Der Türkei- und Islamismus-Experte Günter Seufert erklärt, warum die Islamisten noch nicht gestoppt wurden.

von
Nadine Wozny

Herr Seufert, die Stadt Kobani steht offenbar kurz vor dem Fall. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ich sehe keine Chance, dass Kobani zu retten ist. Die USA haben zu wenig eingegriffen. Die Luftangriffe waren nicht so stark wie beispielsweise im irakischen Erbil. Ich denke nicht, dass sie jetzt die Angriffe intensivieren. Das Gelände rund um Kobani ist sehr flach, eigentlich ideal für Luftangriffe. Jedoch konzentrieren sich die USA auf Rakka und den Irak. Es kann sein, dass die USA aus Rücksichtnahme gegenüber der Türkei nicht stärker in Kobani eingreifen.

Kobani liegt direkt an der türkischen Grenze. Die Panzer in der Türkei standen bereit. Warum schaut Ankara nur zu und feuert nicht?

Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits will die Türkei Zurückhaltung üben, in den Krieg einzugreifen - genauso wie die USA und die Europäer, die die direkte Konfrontation mit dem «Islamischen Staat» (IS) am Boden vermeiden. Auch wenn ein Beschuss des IS aus dem türkischen Territorium heraus beginnen würde, hätte dies den Einsatz von Bodentruppen zur Folge.

Andererseits hat die Türkei ganz andere Prioritäten als die USA oder die Europäer. Für Ankara sind die türkisch-kurdische PKK und in zweiter Linie das Assad-Regime das Hauptproblem. Das zeigt sich an der Formulierung der Parlamentsentscheidung, die der Regierung den Einsatz von Truppen im Ausland und die Stationierung ausländischer Soldaten in der Türkei erlaubt. Meiner Meinung nach hätte die Türkei zumindest erlauben sollen, dass humanitäre Hilfe nach Kobani gelangt.

Welche Bedeutung hätte die Eroberung von Kobani durch den IS?

Kobani ist ein strategisches Ziel des IS. Die Stadt liegt in der Mitte der drei autonomen Kantone der syrischen Kurden. Wenn die IS-Kämpfer Kobani unter ihrer Kontrolle haben, können sie erleichtert Angriffe nach Westen (Efrîn) und nach Osten (Cizîrê) starten. Zudem haben sie den Grenzbereich zur Türkei unter ihrer Kontrolle. Wenn Ankara auch weiterhin nicht eingreift, bedeutet dies ein sicheres Hinterland für den IS.

Welche Konsequenzen hätte das für die Türkei?

Die Folge wäre eine Verschärfung des Kurdenkonflikts in der Türkei. Der Fall von Kobani würde für die Kurden bedeuten, dass Ankara den Friedensprozess nicht ernst nimmt. Denn: Die Kurden unterscheiden nicht zwischen türkischen und syrischen Kurden. Der Verhandlungsprozess zwischen der Türkei und der PKK würde vorläufig ausgesetzt.

Ist der Vormarsch des IS überhaupt noch zu stoppen?

Es hat sich gezeigt, dass konzentrierte Schläge aus der Luft den Vormarsch des IS stoppen können. Das heisst aber nicht, dass man den IS loswerden kann. Langfristig wird es darum gehen, dem IS sowohl in territorialer als auch in politischer Hinsicht Grenzen aufzuzeigen.

Günter Seufert ist Wissenschaftler beim Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit. Seine Forschungsgebiete sind unter anderem die Kurden im Nahen Osten, die Türkei und der Islamismus.

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