Aktualisiert 18.09.2014 10:13

«Scheren»-Enzym

Deshalb macht Stress Menschen grantig

Drängt die Zeit, zählt nur noch das Wesentliche. Wer es dann wagt dazwischenzufunken, kassiert eine patzige Reaktion. Schuld daran ist ein spezielles Enzym.

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Abflug, Ladenschluss oder Meeting: Wenn die Deadline naht, werden selbst Menschen, die eigentlich Nerven wie Drahtseile haben, nervös. Alles, was das Erreichen des Ziels verhindern könnte, wird unsanft beiseitegeschoben, Menschen genauso wie Dinge oder Gedanken.

Warum Menschen bei Stress oft patzig reagieren und vergesslich werden, haben Forscher der ETH Lausanne im Tiermodell herausgefunden. Schuld ist ein Mechanismus, der bei chronischer Anspannung Gehirnfunktionen stört.

Enzym trennt, was zusammengehört

Das Team um Carmen Sanid vom Brain Mind Institute ortete ihn im Hippocampus - jener Region im «Gefühlszentrum» des Gehirns, die beim Verhalten und den kognitiven Fähigkeiten eine Rolle spielt. Dort sichert ein Molekül, Nectin-3, den Zusammenhalt zwischen zwei Hirnzellen, was die Funktion der Neuronen sicherstellt.

Gemeinsam mit polnischen Kollegen hat das Lausanner Team beobachtet, dass bei gestressten Ratten die Zahl der Nectin-3-Moleküle reduziert ist. Dies führte sie auf die Spur des Enzyms MMP-9, das Nectin-3 wie eine Schere durchschneidet, wie das Team im Fachjournal «Nature Communications» berichtet.

Hoffnung für neuropsychiatrische Störungen

Das «Scheren»-Enzym wird über eine Signalkette mit dem Botenstoff Glutamat aktiviert, den das Gehirn bei Stress in grossen Mengen ausschüttet. Die Ratten verloren daraufhin ihre Geselligkeit und hatten schlechtere Gedächtnis- und Verständnisleistungen. Hemmten die Forscher MMP-9 künstlich oder förderten Nectin-3, erhielten die Ratten ihre Geselligkeit und kognitiven Fähigkeiten zurück.

Die Entdeckung dieses Mechanismus eröffnet laut den Forschenden neue Ansätze, um neuropsychiatrische Störungen zu behandeln, die mit chronischem Stress zusammenhängen - insbesondere Depressionen. Interessant sei zudem, dass die MMP-9-Produktion auch bei anderen Störungen wie Epilepsie oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) eine Rolle spielt.

Welche Situationen stressen Sie? Was lässt ihren Puls so richtig rasen? Verraten Sie es uns im untenstehenden Formular!

(fee/sda)

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