30.06.2018 22:27

SelbstoptimierungDeshalb sind wir uns nicht gut genug

Jeden Winkel des Lebens zu durchleuchten und zu optimieren liegt im Trend. 20 Minuten zeigt in einer Serie die Chancen und Risiken.

von
ehs
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Die Selbstoptimierung ist ein gesellschaftlicher Mega-Trend. Doch weshalb wollen wir gesunder und produktiver werden? 20 Minuten analysiert das Thema in einer Artikelserie.

Die Selbstoptimierung ist ein gesellschaftlicher Mega-Trend. Doch weshalb wollen wir gesunder und produktiver werden? 20 Minuten analysiert das Thema in einer Artikelserie.

iStock/Uberimages
Zahlreiche Gadgets sollen uns dabei helfen, noch fitter, intelligenter und perfekter zu werden. Hier einige Beispiele: ...

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Hydrations-Tracker: Der Vessyl Cup erkennt automatisch, wie viel man trinkt. Er erinnert einen auch daran, mehr zu trinken, und lobt einen, wenn man sein Ziel erreicht hat. Preis: ca. 65 Franken.

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Amazon.com/Mark One Pryme Vessyl

Garfield ist fett, faul und beliebt. Der Kater hat so viele Anhänger, dass seine Comics in die Print-Ausgabe von 20 Minuten gewählt wurden. Dabei ist das zwischen Fressen und Schlafen pendelnde Tier komplett aus der Zeit gefallen. Garfield hat keine Smartwatch, die seine Herzfrequenz misst, keine App, die seine Schritte zählt, und keine Gabel, die ihn mit Vibrationen beim Essen bremst.

Garfield ist ein Exot. Immer mehr Menschen versuchen, das Ungesunde und Unproduktive aus ihrem Leben zu verdrängen und sich selbst zu optimieren. Der Umsatz mit sogenannten «Wearables», also Fitnessarmbändern, Aktivitätstrackern oder Kleidern mit Sensoren, betrug laut «CE Portal» in den ersten elf Monaten des Jahres 2017 etwa 60 Millionen Franken.

«Selbstoptimierung zeichnet uns aus»

Gut 1200 Fitnesscenter buhlen um Kunden – 450 mehr als noch vor fünf Jahren. Die Branche dürfte über eine Milliarde Franken im Jahr umsetzen. Laut Zahlen des Fitness-Verbands bezeichnen sich mittlerweile 700'000 Menschen in der Schweiz als Fitness-Sportler oder fitnessafin – Tendenz steigend.

Wieso versucht der Mensch, sich selbst zu optimieren? «Die Fähigkeit, an sich selbst zu arbeiten und sich dadurch zu entwickeln, zeichnet den Menschen aus», schreiben die Macher einer Ausstellung zum Thema im Vögele Kultur Zentrum in Pfäffikon SZ. Ein anderer Erklärungsansatz ist die Bedürfnispyramide des US-Psychologen Abraham Maslow. Sie beschreibt, welche Bedürfnisse es gibt und in welcher Reihenfolge wir sie befriedigen.

Die Vorteile des Optimierens

Am Anfang stehen physiologische Bedürfnisse – etwa der Hunger –, danach folgen Sicherheit, Sozialbedürfnisse, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und schliesslich die Selbstverwirklichung. Dazu gehört das persönliche Wachstum und damit die Selbstoptimierung. Weil sich in einer hochentwickelten Gesellschaft wie der Schweiz sehr viele Menschen auf dieser Stufe befinden, haben entsprechend viele die Zeit und das Geld, sich dieser Bedürfnisse anzunehmen.

Die Selbstoptimierung hat Vorteile. Wer viel Sport treibt und sich ausreichend bewegt, leidet weniger häufig an Übergewicht – ein Risikofaktor für viele Krankheiten. Die richtige Ernährung sorgt nicht nur für ein besseres Befinden, sondern gemäss verschiedensten Studien auch für eine bessere Gesundheit. Wer sich Laster wie das Rauchen oder das Alkoholtrinken abgewöhnt, dürfte sogar mit einem längeren Leben rechnen. Gemäss dem Fachblatt «The Lancet» verkürzt schon der Konsum von wöchentlich 100 Gramm Alkohol – das entspricht etwa 2,8 Liter Bier – das Leben eines 40-Jährigen um sechs Monate.

Sind Beziehungen in Gefahr?

Der Trend zur Selbstoptimierung hat aber auch seine Schattenseiten. Sogar Beziehungen zerbrechen an ihr. Michael Nast, Autor von «Generation beziehungsunfähig», sagt der «Welt», Beziehungen seien Teil des Optimierungswahns. Viele suchten den perfekten Partner und hätten das Gefühl, dass es «immer noch einen geben könnte, der doch besser passt». In seinem Buch beschreibt er die Trennung eines Freundes, der sich mit den Worten «Ich will jetzt noch mal so richtig durchstarten, und du bist nicht die richtige Frau dafür» von seiner Partnerin verabschiedete.

Selbstoptimierung kann Menschen auch zu Zweiflern an sich selbst machen. Svend Brinkmann, der das Buch «Pfeif drauf! Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn» geschrieben hat, weist darauf hin, dass aber nicht jedes Problem durch einen Einzelnen gelöst werden könne. Es gebe auch soziale oder strukturelle Probleme, für die der Einzelne nichts könne. Der Zwang, positiv sein zu müssen, führe aber dazu, dass jeder die Ursache für Probleme bei sich selbst orte. Dabei lasse erst die Auseinandersetzung mit der eigenen Unvollkommenheit und den eigenen Problemen das Gute schärfer hervortreten, das im Positivitätswahn sonst verschwinde, sagte Brinkmann der NZZ.

Ein Problem mit dem Positivitätswahn hat Kater Garfield nicht. Was andere von ihm denken, ist ihm egal. Seine Lebensphilosophie formuliert er so: «Es muss doch im Leben etwas anderes geben ausser Fressen und Schlafen – ich hoffe aber nicht.»

In einer Serie befasst sich 20 Minuten mit den verschiedenen Aspekten der Selbstoptimierung. Welche Möglichkeiten gibt es, was sind die neusten Trends und wer profitiert davon? Die Artikel zum Thema lesen Sie diese Woche auf 20min.ch (siehe Box).

Darum geht es in der Serie zur Selbstoptimierung

Dieser Artikel ist Teil der mehrteiligen Serie zum Trend Selbstoptimierung. 20 Minuten lässt einen jungen Mann von seinen Erfahrungen mit Micro-Dosing erzählen, fragt einen Experten, was wir in Zukunft von Gadgets wie Fitnesstrackern erwarten können, und geht der Frage nach, warum wir uns überhaupt immer besser machen wollen. (sil)

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