Aktualisiert 18.09.2014 11:22

Neue Landkarte

Deshalb zittert Europa vor den Schotten

Die Aussicht auf ein selbständiges Schottland lässt Separatisten überall frohlocken. Kleinstaaten würden Europas Landkarte in einen Flickenteppich verwandeln.

von
sut

Die Kriegsmetaphorik konnte nicht ausbleiben. Am Mittwoch nannte Spaniens Premierminister Mariano Rajoy die Kampagne für ein unabhängiges Schottland einen «Torpedo» gegen den europäischen Geist.

Rajoy weiss, wovon er spricht. Der Ausgang der für Donnerstag angesetzten Abstimmung über einen Austritt Schottlands aus dem Vereinigten Königreich ist für Spanien von höchster Bedeutung. Ein schottisches «Ja» oder auch nur ein hoher Jastimmenanteil würde die Unabhängigkeitsbewegungen der Katalanen und Basken beflügeln.

Separatisten überall

Ein «Aye» Schottlands würde auch anderswo in Europa abspaltungswillige Minderheiten zum Handeln antreiben. Die «Europäische Freie Allianz» der «progressiven nationalistischen, regionalistischen und autonomen Parteien» hat 40 Mitglieder. Auf ihrer Landkarte (siehe Hauptbild) sieht Europa aus wie ein kunterbunter Flickenteppich der Kleinstnationen.

Historiker glauben, dass der Auflösungstrend in den europäischen Grossnationen mehrere Ursachen hat. 1989 fiel die eisige Klammer des Kalten Kriegs weg. In den 90er-Jahren schuf der Bürgerkrieg in Jugoslawien das Vorbild einer Reihe neuer Kleinnationen. Die Wirtschaftskrise seit 2008 förderte den Separatismus wohlhabender Regionen, die notleidende Landesteile nicht mehr unterstützen wollen.

Sicherheit durch die EU

Gleichzeitig gewährt die Europäische Union allen eine neue Sicherheit. «Nation, Staat und Markt mussten einmal dasselbe sein, aber mit der EU ist das nicht mehr so», sagt der aus Barcelona stammende Politologe Robert Lineira aus Edinburgh zur Agentur Bloomberg. «Der Staat ist nicht mehr, was er einmal war.»

Hier die wichtigsten Bewegungen:

Katalonien: Unter den 13 Millionen Katalanen in Nordostspanien und Südwestfrankreich tritt eine Mehrheit für die Unabhängigkeit ein. Letzte Woche fand in Barcelona eine Grossdemo statt, und am 9. November soll eine Unabhängigkeitsabstimmung stattfinden, deren rechtlicher Status indes unklar ist.

Baskenland: Auch viele der drei Millionen Basken wollen sich von Spanien loslösen. Im Juni formten Demonstranten eine 123 Kilometer lange Menschenkette. Das baskische Image hat jedoch durch den langjährigen Terror der Separatistenorganisation ETA gelitten.

Venezien: In Nordostitalien wollen viele Einwohner die Jahrhunderte währende Unabhängigkeit Veneziens wiederherstellen. Ihr Anführer Gianluca Busato bezeichnete unlängst die «blutrünstige Bestie des italienischen Staats» als das «schlimmste bürokratische Monster der westlichen Welt».

Südtirol: Auch die deutschsprachigen Italiener in den Alpen sehen sich von Rom ausgenützt. Wie im Veneto sind auch hier Mehrheiten für eine Selbständigkeit, doch organisatorisch sind Italiens Separatisten nicht so weit wie jene in Spanien.

Flandern: Die französischsprachigen Wallonen und die Flamen haben sich in Belgien immer weiter auseinandergelebt. Die wichtigste Partei der wirtschaftlich schwächeren Wallonie hat vorgeschlagen, im Fall einer Abspaltung Frankreich beizutreten.

Wales, Cornwall, Korsika, Sardinien, und…: Neben Schottland haben auch die beiden anderen keltischen Teile Grossbritanniens Abspaltungsgelüste, ebenso die Mittelmeerinseln Korsika und Sardinien und viele weitere Teile anderer Länder Europas. Für den Analysedienst Stratfor steht nach dem schottischen Referendum fest: «Der Geist ist aus der Flasche entwichen.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.