Alkoholtoleranz: Desinfektion versagt bei Darmkeim zunehmend
Aktualisiert

AlkoholtoleranzDesinfektion versagt bei Darmkeim zunehmend

Spitalmitarbeiter sterilisieren ihre Hände mit Alkohol. Doch ein Darmkeim lässt sich davon kaum noch aufhalten – auch in der Schweiz.

von
F. Riebeling
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Nicht nur multiresistente Keime wie MRSA bereiten Experten Sorgen, sondern auch die Tatsache, dass erste Bakterien ...

Nicht nur multiresistente Keime wie MRSA bereiten Experten Sorgen, sondern auch die Tatsache, dass erste Bakterien ...

Keystone/AP/Armin Weigel
... eine Toleranz gegen alkoholische Desinfektionsmittel entwickeln. Nimmt die Toleranz zu, könnte dies dereinst problematisch werden: Denn Mediziner und Pfleger reinigen sich damit immer wieder die Hände, um zu verhindern, dass Erreger von einem Patienten zum anderen getragen werden.

... eine Toleranz gegen alkoholische Desinfektionsmittel entwickeln. Nimmt die Toleranz zu, könnte dies dereinst problematisch werden: Denn Mediziner und Pfleger reinigen sich damit immer wieder die Hände, um zu verhindern, dass Erreger von einem Patienten zum anderen getragen werden.

Keystone/Gaetan Bally
Von den von alkoholischen Desinfektionsmitteln unbeeindruckten Keimen berichten Forscher um Sacha J. Pidot von der University of Melbourne im Fachjournal «Science Translational Medicine» nachdem sie Darmkeime vom Typ Enterococcus faecium untersucht hatten.

Von den von alkoholischen Desinfektionsmitteln unbeeindruckten Keimen berichten Forscher um Sacha J. Pidot von der University of Melbourne im Fachjournal «Science Translational Medicine» nachdem sie Darmkeime vom Typ Enterococcus faecium untersucht hatten.

Screenshot Science Translational Medicine

Um Krankheitserreger nicht von einem Patienten zum anderen zu tragen, reinigen Mediziner und Pfleger ihre Hände immer wieder mit alkoholischen Desinfektionsmitteln, die in der Regel Ethanol und Isopropanol enthalten (siehe Box 1).

Doch ausgerechnet die verlieren beim Darmkeim Enterococcus faecium zusehends ihre Wirkung, wie australische Forscher im Fachjournal «Science Translational Medicine» berichten. Der besonders alkoholtolerante Typ (Sequenztyp ST796) kommt auch in der Schweiz vor.

Problemkeim unter der Lupe

Das Team um Sacha J. Pidot von der University of Melbourne hatte sich für E. faecium entschieden, weil die Bakterienart weltweit für immer mehr Infektionen sorgt. Besonders problematisch sind Varianten, die gegen mehrere gängige Antibiotika und auch gegen das Reserveantibiotikum Vancomycin resistent sind, die sogenannten VRE (Vancomycin-restistente Enterokokken).

Insgesamt untersuchten die Forscher 139 Proben, die zwischen 1997 und 2015 in zwei Kliniken in Melbourne genommen worden waren.

Dabei zeigte sich, dass Keime, die nach dem Jahr 2010 isoliert worden waren, sich vom Alkohol deutlich unbeeindruckter zeigten als die bis zum Jahr 2009 isolierten Typen und dass diese Lebewesen besser besiedeln. Zudem stiessen die Wissenschaftler auf Veränderungen im Erbgut der Bakterien, die für die Alkoholtoleranz verantwortlich sein könnten.

Sorge in Deutschland

Martin Exner, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, der nicht an der Studie beteiligt war, äussert sich gegenüber Spiegel.de besorgt: «Bislang haben wir nur Antibiotikaresistenzen als Problem gesehen. Jetzt müssen wir uns auch mit Alkoholtoleranzen intensiv beschäftigen.» Und das, obwohl in Deutschland noch keine alkoholtoleranten Stämme nachgewiesen wurden.

Anders in der Schweiz: Hierzulande sind VRE und der alkoholtolerante Sequenztyp ST796 bereits in Erscheinung getreten. Zurzeit sind «verschiedene Spitäler im Kanton Bern von einer Epidemie betroffen», wie Daniel Dauwalder vom BAG sagt. «Es kommt allerdings nur selten vor, dass VRE eine Krankheit verursachen», so Dauwalder auf Anfrage von 20 Minuten. 90 Prozent der Träger des Bakteriums hätten keine Krankheitssymptome gezeigt, wie eine im Frühjahr 2018 durchgeführte nationale Studie zeigt (siehe Box 2).

In der Regel ungefährlich, doch es gibt Ausnahmen

Doch nicht immer sind VRE-Infektionen harmlos, denn die «Patienten können im Spital nach Operationen oder aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands wegen des Bakteriums erkranken», so Dauwalder. Dann könne es zu einer schweren Infektion – beispielsweise einer Blutvergiftung – kommen. «Da nur wenige Antibiotika dagegen wirken und das Bakterium gegen die herkömmlichen Antibiotika resistent ist, sind sehr schwere Verläufe möglich.»

Damit es nicht dazu kommt, haben Swissnoso, das nationale Zentrum für Infektionsprävention, und das BAG eine Taskforce gegründet, wie Dauwalder sagt – einerseits, um die Situation besser einschätzen zu können, andererseits, um nationale Empfehlungen für Spitäler zu erarbeiten. «Mit wirkungsvollen Massnahmen kann die Weiterverbreitung von VRE verhindert werden, wie dies auch in der Vergangenheit der Fall war.»

Die Tatsache, dass der Stamm ST796 weniger sensibel gegenüber Alkohol ist, macht Dauwalder keine Sorgen. «Es bedeutet für das Personal, dass es gründlich desinfizieren muss. Es muss genügend hoch dosierten Alkohol, in genügender Menge und genügend lang anwenden, um eine Verbreitung zu verhindern. Der Stamm ist nicht ansteckender als andere Stämme.»

Wie funktioniert die Desinfektion mit Alkohol?

Vermischt mit 20 bis 35 Prozent Wasser, ist Alkohol ein sehr gutes Desinfektionsmittel. Das Wasser bewirkt, dass der Alkohol die Zellwand der Bakterien durchdringen kann. Der Alkohol wirkt erst im Inneren der Bakterienzelle. Dort sorgt er dafür, dass lebenswichtige Funktionen innerhalb der Zelle nicht mehr ablaufen wie gewohnt. In der Folge sterben die Bakterien ab. Reiner Alkohol wäre dagegen nicht wirksam, da er wird gar nicht erst ins Zellinnere aufgenommen wird.

Studie bestätigt Häufung von VRE in mehreren Kantonen

Nachdem Anfang 2018 im Kanton Bern und auch im Wallis eine Häufung von VRE festgestellt worden war, führte Swissnoso eine landesweite Studie durch, wie es in einem Informationsschreiben des BAG heisst (PDF). Das Ziel: die aktuelle VRE-Epidemiologie besser zu verstehen.

Dabei zeigte sich, dass VRE im ganzen Land immer häufiger festgestellt werden und sich dieses Phänomen nicht auf die oben genannten Spitäler beschränkt. Ausserdem handle es sich um verschiedene Stämme, darunter auch der alkoholtolerante Sequenztyp ST796. Konkret heisst es in dem Schreiben: «Vor diesem Hintergrund erarbeiten Swissnoso und das BAG derzeit eine koordinierte Reaktion mit dem Ziel, die Verbreitung von VRE in und zwischen den Schweizer Spitälern unter Kontrolle zu bekommen.» Der Schlussbericht wird Ende Jahr erwartet.

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