«Bessere Kontrolle der Seile» - Deswegen gibt es in der Schweiz Seilbahnen ohne Fangbremsen 
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«Bessere Kontrolle der Seile»Deswegen gibt es in der Schweiz Seilbahnen ohne Fangbremsen

Bei einem Notfall verhindern Fangbremsen das Abrutschen der Gondel am Tragseil – in der Schweiz sind diese Notbremsen bei Seilbahnen seit einigen Jahren aber nicht mehr obligatorisch. Ein Experte erklärt wieso.

von
Michelle Muff

Wie sicher sind Seilbahnen in der Schweiz? Ein Experte nimmt nach dem Unglück in Stresa Stellung.

20Min

Darum gehts

  • Viele Schweizer Seilbahnen funktionieren ohne Fangbremse.

  • Ermöglichen tut dies ein spezielles Seil.

  • Ein Experte erklärt, wieso die Seilbahnen trotzdem sicher sind.

Bei einem Seilbahnunglück in Stresa (IT) stürzten vergangenes Wochenende 14 Menschen in den Tod. Einer der Gründe, wieso es zur Tragödie kam, war unter anderem eine nicht funktionierende Fangbremse: Diese verhindert normalerweise beim Reissen eines Zugseils durch schnelles Einrasten das unkontrollierbare Beschleunigen des Fahrzeuges. In Stresa war die Notbremse aber durch eine Manipulation blockiert – es kam zum Absturz.

In der Schweiz, einer der grössten Seilbahn-Nationen der Welt, gibt es einige grosse Seilbahnen, die dieses Sicherheitskonzept nicht eingebaut haben: So etwa bei der Stanser Cabriobahn in Nidwalden oder bei der Seilbahn Cardada oberhalb von Locarno im Tessin. Sie funktionieren ohne Fangbremsen.

Hohe Sicherheit auch ohne Fangbremse

Das bestätigt auch Seilbahn-Ingenieur und Experte Reto Canale: «Nach Cardada, der ersten fangbremslosen grossen Luftseilbahn in der Schweiz, wurden hierzulande verschiedene weitere Anlagen ohne Fangbremsen gebaut.» Er betont aber: «Auch ohne die Fangbremse wird ein sehr hohes Sicherheitsniveau erreicht.»

Wie Bahnen ohne Tragseilbremse funktionieren und was im Falle eines Seilrisses passieren würde, erklärt Reto Canale im Interview.

Was ist das Konzept von Seilbahnen ohne Fangbremsen?Diese Luftseilbahnen verfügen statt eines nicht durchgehenden, berg- und talseitig am
Fahrzeug befestigten Zugseils über Zugseilschlaufen. Das heisst, an endlosen Seilen ohne Anfang und Ende, wie wir auch bei Gondelbahnen, Sessel- und Skiliften haben. An diese Zugseilschlaufen werden dann die Fahrzeuge geklemmt oder mit Scheiben aufgehängt. Für die Seilprüfungen können die Klemmen einfach gelöst werden.

Was ist der Vorteil dieser Technik?Bei Inspektionen kann das gesamte Seil lückenlos kontrolliert werden. Das ist bei Seilbahnen mit Seilendbefestigung nicht in gleichem Masse möglich: Das Anfangs- und Schlussstück, welches in den Verankerungen steckt, kann man weniger gut kontrollieren – selbst nicht mit sehr zuverlässigen magnetinduktiven Methoden.

Inwiefern ist die Sicherheit gewährleistet?Mit dem Wegfall der schlechter kontrollierbaren Stelle des Zugseils bei der Seilendbefestigung am Fahrzeug ist die Gefahr eines Seilrisses ebenso klein wie beispielsweise bei Gondelbahnen. Zudem entfällt die stärkere Beanspruchung des Zugseils bei der Endbefestigung. Diese Zugseile haben einen Sicherheitsfaktor von mindestens 4,5: Das heisst, man kann 4,5 Mal so viel Kraft auf die Seile bringen, wie an der Stelle mit der höchsten Beanspruchung benötigt wird. Sie würden daher erst reissen, wenn mehr als 75 Prozent der Drähte gebrochen wären.

Was würde in einem Fall wie in Stresa passieren, wenn ein Zugseil doch reissen würde?Das wäre eine Katastrophe und muss daher zuverlässig verhindert werden. Indem man – im Gegensatz zu Bahnen mit Seilendbefestigungen – mit den vorgeschriebenen Seilprüfmethoden und den regelmässigen Inspektionen das gesamte Seil lückenlos sehr zuverlässig prüfen kann, macht das einen Zugseilriss noch unwahrscheinlicher. Dadurch wird auch ohne Fangbremse ein sehr hohes Sicherheitsniveau erreicht – und das macht die Notbremse, welche auch gewisse Nachteile hat, überflüssig. Man kann das mit der Fliegerei vergleichen: In ein Passagierflugzeug steigt man schliesslich auch ohne Fallschirm, da die Technik so sicher ist.

Was sind die Nachteile der Fangbremse?Sie fällt nicht sanft ein. Es besteht bei ihrem Einsatz eine Verletzungsgefahr für die Passagiere – ähnlich wie bei einer Vollbremsung im Bus oder mit dem Tram.

Nach welchem Prinzip wird heute die Mehrheit der neuen Seilbahnen gebaut?Der Trend geht klar in Richtung der Seilbahnen ohne Fangbremse.

Welche Technik ist nun sicherer?Das kann man nicht sagen – sie erreichen mit unterschiedlichen Sicherheitskonzepten eine vergleichbare, sehr hohe Sicherheit. Ich sage immer, in der Schweiz ist der sicherste Teil einer Wanderung derjenige, bei dem man in der Seilbahn sitzt. Das sieht man auch an den Unfallstatistiken: Es passieren extrem selten Unfälle mit Toten oder Verletzten.

Reto Canale ist Seilbahningenieur und Experte in Sicherheitsfragen. Nach seinem Studium an der ETH Zürich arbeitete er in der Seilbahnforschung, dann in der Seilbahnindustrie und schliesslich als Direktor der Sicherheitsaufsicht für die kantonal bewilligten Seilbahnen.

Reto Canale ist Seilbahningenieur und Experte in Sicherheitsfragen. Nach seinem Studium an der ETH Zürich arbeitete er in der Seilbahnforschung, dann in der Seilbahnindustrie und schliesslich als Direktor der Sicherheitsaufsicht für die kantonal bewilligten Seilbahnen.

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