Aktualisiert 05.10.2010 14:29

DrohnenkriegDeutsche gegen Deutsche am Hindukusch

Im Afghanistankrieg kämpfen deutsche Staatsbürger auf beiden Seiten. Neben 4500 ISAF-Soldaten sollen sich über hundert deutsche Islamisten in Terrorcamps der Al Kaida aufhalten.

von
kri

Das berühmt gewordene Diktum «Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt» des damaligen deutschen Verteidigungsministers Peter Struck hat sich endgültig ins Gegenteil verkehrt. Deutschland stellt mit 4500 Soldaten das drittgrösste Truppenkontingent innerhalb der ISAF. Inzwischen wurde bekannt, dass auch auf Seiten der gegnerischen Taliban über hundert deutsche Staatsbürger kämpfen - und sterben. 44 deutsche Soldaten sowie 3 Bundespolizisten der Spezialeinheit GSG 9 sind seit Beginn des Konflikts auf Seiten der ISAF gefallen. Am Montag sollen bei einem Drohnenangriff deutsche Islamisten getötet worden sein, die sich in einem Terrorcamp der Al Kaida aufhielten.

Das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gilt seit längerer Zeit als bevorzugte Region für islamistische Terrorcamps. 2009 sind nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden deutlich mehr radikale Islamisten dorthin gereist, meist über die Türkei, Ägypten oder den Iran. Die Islamisten aus Deutschland halten sich vor allem in Ausbildungslagern der «Islamischen Jihad-Union» (IJU) auf oder in Camps der «Islamischen Bewegung Usbekistans» (IBU). Terrorcamps werden auch im Maghreb, am Horn von Afrika sowie im Jemen vermutet.

Hälfte der Rückkehrer im Gefängnis

Polizei und Verfassungsschutz gehen davon aus, dass seit Anfang der 90er Jahre etwa 220 Personen mit einem Bezug zu Deutschland - also Deutsche mit Migrationshintergrund, deutsche Konvertiten oder Ausländer, die in der Bundesrepublik gelebt haben - entweder paramilitärisch ausgebildet wurden oder das zumindest beabsichtigt hatten. Vermutlich 110 von ihnen sind inzwischen wieder in Deutschland.

Konkrete Hinweise über eine abgeschlossene paramilitärische Ausbildung gibt es bei 70 Islamisten, von denen knapp ein Drittel wieder in der Bundesrepublik ist - die Hälfte allerdings hinter Gittern. Etwa 40 der 220 Islamisten haben sich seit 2001 mutmasslich an Kampfhandlungen in Krisenregionen beteiligt. Auch Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe hatten sich 2006 in einem Camp an der Grenze zu Afghanistan ausbilden lassen. Die vier Terroristen wurden im März vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu Haftstrafen zwischen fünf und zwölf Jahren verurteilt. Sie hatten nach Überzeugung des Gerichts Anschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland geplant.

278 verdächtige Extremisten

Die deutschen Sicherheitsbehörden zählen insgesamt 131 islamistische «Gefährder». Das sind laut offizieller Definition Personen, bei denen bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen. Eine Stufe darunter auf der Gefährdungsskala sind die «relevanten Personen». Von ihnen gibt es derzeit 278 in Deutschland. Das sind Islamisten, die innerhalb des extremistischen Spektrums die Rolle einer Führungsperson oder eines Unterstützers einnehmen und bei denen davon ausgegangen wird, dass sie Straftaten von erheblicher Bedeutung fördern, unterstützen oder begehen könnten.

Ende 2009 gab es - wie schon im Vorjahr - 29 bundesweit aktive islamistische Organisationen mit 36.270 Anhängern. 2008 waren es noch 34 720. Die meisten von ihnen (30 340) waren Mitglieder türkischer Gruppen. Gruppen aus dem arabischen Raum hatten 3794 Anhänger, ein Jahr zuvor waren es 4050.

Identität der deutschen Islamisten unklar

Nach dem Tod von mindestens fünf deutschen Islamisten bei einem Raketenangriff in Pakistan gab es auch am Dienstag noch keine offizielle Stellungnahme zu deren Identität. Auch die genaue Zahl der möglicherweise getöteten Deutschen war noch unklar. Laut einem Bericht des US-Senders CNN sollen sogar acht Personen aus Deutschland getötet worden sein. Nach einem Bombenanschlag auf einen Tanklaster im Nordwesten Pakistans am Dienstag bleibt die Lage in dem auch für Nachschub der NATO-Truppen in Afghanistan wichtigen Gebiet angespannt. (kri/dapd)

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