70 Jahre Kriegsbeginn: «Deutsche und Polen können immer besser miteinander»
Aktualisiert

70 Jahre Kriegsbeginn«Deutsche und Polen können immer besser miteinander»

«Deutsche und Polen können immer besser miteinander», versichert Peter Heise, Geschäftsführer der 1995 gegründeten grenzüberschreitenden Kommunalgemeinschaft Pomerania mit Sitz in Löcknitz und Stettin.

von
Lutz Jordan
AP

«Die Gemeinsamkeit ist in unserer Region mittlerweile gelebter Alltag.» 70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen hat sich das Verhältnis der Menschen beider Länder grundlegend gewandelt.

Bestätigt wird das alltägliche Nachbarschaftsverhältnis von der Bundesvorsitzenden der Deutsch-polnischen Gesellschaft, Angelika Schwall-Düren, die der Entwicklung der Euroregion Pomerania höchste Anerkennung zollt. Angesichts der schwierigen gemeinsamen Vergangenheit, der schrecklichen Zerstörung und des Leids im Zweiten Weltkrieg spricht sie Nachbarschaftsverhältnisses von einem «politischen und zwischenmenschlichen Wunder».

Vielfältige enge Kontakte und fruchtbringende Partnerschaften auf den Gebieten Wirtschaft, Bildung, Umwelt, Tourismus, Kultur Sport oder Sicherheit listet Pomerania-Geschäftsführer Heise auf. Die EU-Osterweiterung vor fünf Jahren und der Beitritt Polens 2007 zum Schengen-Abkommen mit seinem freien Grenzverkehr haben neue Möglichkeiten erschlossen und für zusätzlichen Schub im deutsch-polnischen Miteinander gesorgt.

Bürger und Betriebe wechseln die Seiten

So bestehen zwischen Städten und Gemeinden beider Länder über 500 Kommunal- und Freundschaftspartnerschaften, davon etwa 85 im Gebiet der Pomerania. Zudem siedeln sich immer mehr Polen in Deutschland an. Allein im relativ kleinen vorpommerschen Amtsbereich Löcknitz-Penkun sind seit der EU-Osterweiterung mehr als 1000 Polen sesshaft geworden, wie Heise berichtet. Um alle damit verbundenen Fragen besser klären zu können, wurde im April dieses Jahres in Löcknitz eine Kontakt- und Beratungsstelle für Bürger der Pomerania eröffnet.

Inzwischen haben sich auch etliche grössere polnische Unternehmen in Deutschland niedergelassen, davon 15 im vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow. Dazu gehören beispielsweise ein Maschinenbaubetrieb in Pasewalk und ein Gewürzproduzent in Löcknitz. Aber auch immer mehr deutsche Unternehmen pflegen - nicht nur in grenznahen Regionen - Kontakte zu polnischen Partnern oder errichten im Nachbarland Niederlassungen. Damit das immer besser läuft, organisiert die Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg seit 2001 den monatlich in Szczecin stattfindenden deutsch-polnischen Wirtschaftskreis, wie Elke Petrow von der Abteilung Aussenwirtschaft berichtet. Zusätzlich trifft sich seit 2004 regelmässig der Gesprächskreis deutsch-polnischer Jungunternehmer.

Auch Arbeitnehmer beider Seiten nutzen verstärkt die Möglichkeiten diesseits und jenseits der Grenze. Sie können dabei auf die Beratungsstellen der Europäischen Arbeitsvermittlung (EURES) zurückgreifen, die in den Agenturen für Arbeit etwa in Pasewalk, Neubrandenburg oder Eberswalde integriert sind. EURES will Arbeitssuchenden, Arbeitnehmern und Arbeitgebern helfen, indem die Entwicklung von offenen und für alle zugängliche Arbeitsmärkte in Europa unterstützt wird.

Deutschland beliebtestes Reiseziel der Polen

Was den Tourismus angeht, ist Deutschland zum beliebtesten Reiseziel der Polen geworden. Von den 13,4 Millionen Auslandsreisen 2008 führten 34 Prozent nach Deutschland. Damit stiegen im vergangenen Jahr die Übernachtungen polnischer Gäste bundesweit um 9,6 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern sogar um 34,8 Prozent. «Waren es 2004 lediglich 17 639 Übernachtungen, die von Polen in Mecklenburg-Vorpommern gebucht wurden, stieg diese Zahl bis zum Vorjahr auf 54 804 und verdreifachte sich damit», zitiert der Sprecher des Landestourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Tobias Woitendorf, aus der Statistik.

Hinzu kommt der boomende, aber nicht konkret zu beziffernde Tagestourismus nach hüben und drüben. Es geht dabei längst nicht immer um reine Feriengäste, wie Woitendorf weiss. So lässt das polnische Preisgefüge bei den Deutschen unter anderem den Einkaufs-, Dental-, Tank- oder Friseurtourismus ins Nachbarland blühen. Beliebt bei deutschen Verkehrssündern, die vom Entzug der Fahrerlaubnis betroffen sind, ist auch der sogenannte Führerschein-Tourismus zum leichten Wiedererwerb eines solchen Dokuments im Nachbarland.

Grenzüberschreitendes Angelhobby

Als gemeinsames Bildungs-Pilotprojekt der Euroregion fungiert seit 1995 das deutsch-polnische Gymnasium in Löcknitz. In integrierten Klassen lernen in dieser Europaschule um die 350 Schüler, davon etwa ein Drittel aus Polen. Zudem prägen immer mehr deutsch-polnische Kulturveranstaltungen wie etwa das Usedomer Musikfestival, Kunstmärkte, Jugendtreffs, Sportvergleiche und Modenschauen oder auch Sprach-Workshops und Politdiskussionen das Bild der Pomerania-Region. Sogar das Angelhobby kann von den Petrijüngern grenzüberschreitend ausgeübt werden, nachdem im März dieses Jahres die Landesanglerverbände von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg eine entsprechende Vereinbarung mit den Partnerverbänden auf polnischer Seite abschlossen.

Bei all den grenzüberschreitenden Aktivitäten wird ein Höchstmass an Sicherheit und Ordnung angestrebt. Dafür steht eine immer erfolgreichere polizeiliche Zusammenarbeit mit gemeinsamer Aus- und Fortbildung sowie gemeinsamen Streifegehen im Grenzgebiet, wie Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier hervorhebt. Die seit dem Jahr 2000 jährlich stattfindende internationale Sicherheitskonferenz «Danziger Gespräche» oder die Aktionen «Sicher beim Nachbarn» sind inzwischen zu festen Bausteinen der Kooperation geworden. Der nach der EU-Grenzöffnung befüchtete Anstieg der Kriminalität sei ausgeblieben, betont Caffier.

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