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PaternosterDeutsche werden jetzt fürs Liftfahren geschult

Lifte im Umlaufbetrieb, so genannte Paternoster, sind derzeit Thema in Deutschland. Ab sofort herrscht für diese Lifte sozusagen Fahrscheinpflicht.

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cmr/gux

Im deutschen Aussenministerium gibt es sie und auch im Umweltministerium oder im Bundestag: Paternoster, früher auch «Proletenbagger» genannt. Bei diesen Personen-Umlauf-Liften sind mehrere an zwei Ketten hängend befestigte Einzelkabinen im ständigen Umlaufbetrieb.

Die altmodischen, türlosen Aufzüge werden oft ehrfürchtig bestaunt. Denn das erste Mal in einen Paternoster zu steigen, kostet Überwindung. Aber schon nach ein paar Fahrten ist der Übergang in und aus den offenen Kabinen meistens kein Problem mehr.

Doch für unerfahrene Nutzer sind spontane Paternosterfahrten ab sofort Geschichte. Denn jetzt hat das Bundesarbeitsministerium beschlossen, das Umlauf-Liftfahren nur jenen zu erlauben, die eine Schulung im Umgang mit diesem Aufzug absolviert haben. Für Besucher in Bürohäusern oder Ministerien sind Paternoster ab sofort nicht mehr zugänglich. So wollen es Bundeskabinett und Bundesrat, die beide die Vorlage mit voller Zustimmung abgesegnet haben.

Gebrochene Füsse und andere Unfälle

Ein Beamtenfurz? Nein, denn von ungefähr kommt die neue Regelung nicht. Immer wieder kommt es zu Unfällen in den konstant fahrenden Liften: 2002 wurde in Mainz ein Mann im Umlaufaufzug ohnmächtig und trug schwere Kopfverletzungen davon. 2013 hatte eine junge Frau in einem Frankfurter Hotel den Ausstieg im obersten Stockwerk verpasst und wollte doch noch schnell die Kabine verlassen, blieb aber hängen. Die Folge: zwei gebrochene Füsse.

Die Goethe-Universität in Frankfurt am Main traf bereits 2011 Sicherheitsvorkehrungen: Pro Kabine immer nur ein Fahrgast, keinen Rollstuhl oder Putzwagen mitnehmen. Stattdessen musste jeder ein unterschriebenes Formular mit den Nutzungsbedingungen bei sich tragen – den «Fahrstuhl-Fahrausweis» (siehe Video).

Fahrstuhlbauer sehen in all den Verordungen einen falschen Ansatz. Die Unfallursache liege selten bei der Technik, sagte ein Mitarbeiter. Vielmehr sei häufig eine «unsachgemässe Benutzung» der Lifte der Grund für unerwünschte Zwischenfälle. Doch wolle er insbesondere Unfallopfern keine bewusste Schuld zuweisen. «Ich glaube nur nicht, dass eine solche Vorschrift viel bringt.»

«Arbeitsministerin verliert sich im Klein-Klein»

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner kritisierte Nahles scharf. «Statt Deutschland für die Zukunft fit zu machen, verliert sich die Arbeitsministerin im Klein-Klein», sagte er. Auf Twitter wurde sein Kommentar fast 200-mal geteilt.

Einige Verwaltungsjuristen wollen jetzt gegen die verschärfte «Betriebssicherheitsverordnung» vorgehen. Wann es so weit ist, ist noch nicht klar. Allerdings hat Arbeitsministerin Nahles bereits angekündigt, künftig doch mehr Spielraum für Ausnahmegenehmigungen zuzulassen. Doch bis dahin gilt für etliche dieser Lifte: Fahrverbot.

Der Paternoster («Vaterunser») hat seinen Namen vom Rosenkranz der ­Katholiken: Die offenen Kabinen fahren wie die Perlen an der Gebetskette auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder herunter. Auch in der Schweiz gibt es einen öffentlichen Paternoster: Beim Sportartikelhändler Vaucher in Bern.

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