Sitzstreik: Deutscher Fussballclub wirft Frauenteam raus
Publiziert

SitzstreikDeutscher Fussballclub wirft Frauenteam raus

Holstein Kiel will sich auf Kosten des Frauenteams auf den Männerfussball konzentrieren. Die Spielerinnen machen ihrem Ärger Luft.

von
mro

Es fehlt nicht mehr viel zur Sensation im hohen Norden. Noch ein einziger Punkt aus zwei Spielen, um genau zu sein. Dann hat es Holstein Kiel geschafft, als Aufsteiger auf den dritten Platz der zweiten Bundesliga. Damit winkt den Kielern das Relegationsspiel um den Aufstieg in die Bundesliga, mögliche Gegner: Mainz, Freiburg, Wolfsburg oder Hamburg.

Der Erfolg kommt für Holstein unerwartet, so unerwartet, dass der Verein nun «die Kräfte bündeln muss», wie er in einem Statement verkündet. Zugunsten des Männerteams verzichtet der Club von der Ostseeküste ab nächster Saison auf sein Frauenteam. Den Spielerinnen wurde lediglich drei Tage vor dem Ende der Meldefrist für die nächste Regionalliga-Saison mitgeteilt, dass sie ausgegliedert werden und sich künftig dem VfB Kiel anschliessen müssen.

Protest beim Spiel

Den Entscheid nahmen die Frauen von Holstein Kiel nicht einfach so hin. Sie protestierten auf ihre Weise dagegen, im Heimspiel gegen den ATSV Stockelsdorf. Nachdem die Gäste ohne Gegenwehr der Kielerinnen das Führungstor erzielt hatten, war es am Heimteam, das Anspiel auszuführen. Die Spielerinnen setzten sich aber demonstrativ hin und weigerten sich weiterzuspielen. Das Spiel wurde abgebrochen.

In einem ausführlichen Statement meldeten sich nach dem Spiel die Verantwortlichen des Frauenteams via Facebook. «Ein mehr als zehnjähriges Kapitel des Leistungsfussballs im Frauenbereich endet mit einem Knall, der für jede Spielerin wie ein Schlag in die Magengrube ist», steht da. Und: «Dass wir so abgestraft werden von dem Verein, für den wir jahrelang gekämpft, gelebt, geradegestanden und uns zerrissen haben, fühlt sich belogen und vor allem hintergangen an.»

#Aufstehenfürvielfalt

Steffen Schneekloth, der Präsident von Holstein Kiel, findet derweil, dass die Entscheidung von ihm und der restlichen Führung des Vereins weder frauenfeindlich noch altertümlich sei, sondern «lediglich die Konzentration unserer Kräfte auf den Herrenfussball».

Mit der Ausgliederung der Frauen und den folgenden Äusserungen stösst Schneekloth mehrheitlich auf Unverständnis. Gerade kommt in Deutschland der Hashtag #aufstehenfürvielfalt ins Rollen und sogar die Politik echauffiert sich über Holsteins Verhalten. Der Verein habe gemäss dem Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer 1,7 Millionen Euro von der Ratsversammlung erhalten, auch für den Ausbau des Stadions. «Damit war immer die Hoffnung und Erwartung verbunden, dass Holstein sich öffnet für anderen Leistungs- und Breitensport», sagt Kämpfer.

Der erstmalige Aufstieg von Holstein Kiel ist noch zwei Spiele plus Relegation entfernt und er wäre eine Sensation. Das erste Opfer des Erfolgs ist das Frauenteam. Noch bevor dieser überhaupt Tatsache ist.

Deine Meinung