10 Jahre für Jennifer W. - Sklavin (5) im Irak verdursten lassen - so radikal war die deutsche IS-Anhängerin
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10 Jahre für Jennifer W.Sklavin (5) im Irak verdursten lassen - so radikal war die deutsche IS-Anhängerin

Die deutsche IS-Rückkehrerin Jennifer W. muss zehn Jahre in Haft. Im Irak hatte sie mit ihrem Ehemann jesidische Kriegsgefangene als Sklaven gehalten und ein Kind (5) verdursten lassen.

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Das Oberlandesgericht München hat die 30-jährige Jennifer W. in mehreren Anklagepunkten für schuldig befunden.

Das Oberlandesgericht München hat die 30-jährige Jennifer W. in mehreren Anklagepunkten für schuldig befunden.

Peter Kneffel/dpa
Die Deutsche hatte sich 2014 dem «Islamischen Staat» im Irak angeschlossen und war dort auch bei der Sittenpolizei des IS tätig. 

Die Deutsche hatte sich 2014 dem «Islamischen Staat» im Irak angeschlossen und war dort auch bei der Sittenpolizei des IS tätig.

imago images/AGB Photo
Das Urteil gegen die Deutsche erging nach rund zweieinhalbjährigem Prozess wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Fall eines versklavten und getöteten Kindes. 

Das Urteil gegen die Deutsche erging nach rund zweieinhalbjährigem Prozess wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Fall eines versklavten und getöteten Kindes.

AFP

Darum gehts

  • Ein Münchner Gericht hat die Deutsche Jennifer W. (30) für deren Mitgliedschaft beim IS verurteilt.

  • Die IS-Rückkehrerin wurde auch wegen der Beihilfe zu Mord schuldig gesprochen.

  • Jennifer W. muss zehn Jahre in Haft, der Höchststrafe entkam sie.

  • Die deutsche Konvertitin war bis zum Schluss eine radikale Anhängerin der Terrormiliz.

Im Terror-Prozess vor dem Oberlandesgericht München ist Jennifer W. zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Der Prozess gegen die IS-Rückkehrerin war das erste Verfahren weltweit, in dem die Verbrechen der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) gegen die Jesiden aufgeklärt werden sollen.

Das deutsche Gericht verurteilte die 30-Jährige aus Lohne in Niedersachsen am Montag wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland, wegen Beihilfe zum versuchten Mord, zum versuchten Kriegsverbrechen – und wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

Die Bundesanwaltschaft warf der deutschen Konvertitin vor, unter der Herrschaft des «Islamischen Staates» im Irak dabei zugesehen zu haben, wie ihr damaliger Ehemann ein fünfjähriges jesidisches Mädchen in der prallen Sonne ankettete und verdursten liess.

Versklavte Mutter musste zusehen

Ehemann Taha Al-J. – der IS-Kämpfer steht mittlerweile ebenfalls vor Gericht in Deutschland – hatte das Mädchen zuvor für einige Hundert Dollar auf einem Sklavenmarkt gekauft; er und Jennifer W. hielten die Fünfjährige als Sklavin in ihrem Haus in Falluja.

Kurz vor Prozessbeginn im April 2019 war es zu einer überraschenden Wendung gekommen: Einer jesidischen Hilfsorganisation war es gelungen, die Mutter des toten Kindes ausfindig zu machen.

Von Amal Clooney vertreten

Die Frau war ebenfalls Sklavin im Haushalt von Jennifer W. und ihrem Mann gewesen und hatte mit ansehen müssen, wie ihre Tochter starb. Die Jesidin trat als Zeugin im Prozess auf, aber auch als Nebenklägerin – vertreten unter anderem vom Team der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney, der Ehefrau von Hollywoodstar George Clooney.

Die 2014 in den Irak gereiste Jennifer W. hatte während des Prozesses nicht bestritten, sich damals der Jihadistenmiliz IS angeschlossen zu haben. Allerdings bestritt sie eine Mitverantwortung an dem Tod der Fünfjährigen. Ihre Verteidiger plädierten auf eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.

Die Bundesanwaltschaft hatte eine lebenslange Haftstrafe gefordert.

Sie wollte zurück, obwohl es längst vorbei war

Jennifer W. war 2018 festgenommen worden, als sie sich zusammen mit ihrer Tochter auf den Weg nach Syrien machte – bereits zum zweiten Mal, und obwohl die IS-Terrormiliz damals militärisch längst ums Überleben kämpfte (20 Minuten war vor Ort).

Zunächst war W. 2016 in der Türkei festgenommen worden, als sie auf der deutschen Botschaft in Ankara neue Ausweispapiere beantragen wollte. Die Schwangere wurde nach Deutschland abgeschoben, wo sie ihr Kind bekam, auf freiem Fuss lebte, aber unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden stand.

V-Mann schnitt mit

Die hielten fest, dass W. der Ideologie des IS weiterhin anhing. Die Konvertitin hielt sich in radikalen jihadistischen Internet-Foren auf und kümmerte sich als Administratorin einer Facebook-Gruppe um inhaftierte IS-Anhänger und -Anhängerinnen, wie deutsche Medien berichten.

Im Juni 2018 wollte sie erneut ins Kernland des IS und brach mit ihrer kleinen Tochter von Niedersachsen nach Syrien auf. In Bayern war die Reise zu Ende: Jennifer W. wurde festgenommen. Zuvor hatte sie sich einem V-Mann anvertraut – und ihm auch die Geschichte vom Tod des jesidischen Mädchens erzählt. Die Anklage stützte sich auch auf ihre eigenen, mitgeschnittenen Schilderungen gegenüber dem verdeckten Ermittler.

Extrem bis zum Schluss

Vor Gericht trat Jennifer W. stets westlich gekleidet auf. Doch im Prozess konnte leicht gezeigt werden, wie brainwashed die IS-Anhängerin war. «Abbildung 19 zeigt rollende Köpfe», so ein Beamter vor Gericht zu Bildern von Enthauptungen, die sich auf W.s Handy und Computer befunden hatten.

Eine Polizistin sagte aus, dass bei der Auswertung der elektronischen Daten «alles dabei» gewesen sei. Auch Suchen wie «Wie bringe ich mich am besten um und nehme viele Menschen mit». Dazu habe man auf dem Computer der Angeklagten die Anleitung für den Bau einer Schnellkochtopf-Bombe gefunden.

Im Irak, so machte der Prozess auch klar, war die deutsche Konvertitin kein Heimchen am Herd gewesen. Sie war bewaffnet, trug eine Sprengstoffweste und gehörte der Sittenpolizei des IS an, die darüber wachte, dass andere Frauen die Verhaltens- und Bekleidungsvorschriften einhielten.

Im August 2014 begann der Alptraum

Jesiden

Am 3. August 2014 begann der Alptraum für die Jesiden und Jesidinnen im Shindshar-Gebirge. Tausende IS-Jihadisten überfielen ihr Hauptsiedlungsgebiet, weil sie diese religiöse Minderheit als Ungläubige und Teufelsanbeter ansahen. Sie töteten die Männer und verkauften die Frauen und selbst kleinste Kinder als Slavinnen und Sklaven. Heute leben die meisten Jesiden und Jesidinnen in Lagern im Nordirak, weil sie sich nicht in ihr Stammesgebiet trauen. Noch immer sind Tausende Jesiden und Jesidinnen vermisst. Über das Schicksal einer Gruppe von jesidischen Buben, die aus den Händen des IS befreit werden konnten, könnt ihr hier einen Vor-Ort-Bericht von 20 Minuten lesen.

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(DPA/pme/gux)

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