Aktualisiert 13.11.2007 19:37

Deutschland droht der totale Streit

Hunderttausende von Bahnkunden werden Ende der Woche wohl vergeblich auf ihren Zug warten: Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat bis Samstag zum bislang grössten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn AG aufgerufen.

Ab Mittwochmittag will sie zunächst den Güterverkehr und ab Donnerstagmorgen zusätzlich auch den Personennah- und Fernverkehr bundesweit lahm legen, um den Bahnvorstand zum Einlenken im Tarifkonflikt zu zwingen. Der aber blieb hart und verkündete einstimmig: «Der Vorstand der DB AG lässt sich nicht von einer kleinen Minderheit der Beschäftigten erpressen.»

Der GDL-Vorstand beschloss in Frankfurt am Main, ab Mittwoch, 12.00 Uhr, für 62 Stunden im Güterverkehr sowie ab Donnerstag, 02.00 Uhr morgens, für 48 Stunden auch im Nah- und Fernbereich des Personenverkehrs in ganz Deutschland zu streiken. Erst am Samstagmorgen, 02.00 Uhr, wollen die Lokführer in allen drei Sparten die Arbeit wieder aufnehmen. Für die weitere Verschärfung des Konflikts machte der GDL-Vorsitzende Manfred Schell ausschliesslich den Bahnvorstand verantwortlich. Dieser müsse «endlich aufhören, Streiks zu provozieren. Wir wollen ein verhandlungsfähiges Angebot.»

Zugleich drohte Schell mit einer weiteren Eskalation in der kommenden Woche. Sollte die Bahn dann immer noch kein neues Angebot vorgelegt haben, werde die Gewerkschaft dem wachsenden Ruf der Basis nach unbefristeten Streiks kaum noch widerstehen können. Die Lokführergewerkschaft fordere nichts Unmögliches. Ein eigenständiger Tarifvertrag koste zunächst einmal nur das Papier, auf dem er gedruckt werde. Und in Sachen Lohnerhöhung und Arbeitszeit sei die GDL verhandlungsbereit. Wenn die Bahn den Lokführern zum Beispiel 15 Prozent Einkommenserhöhung zugestehe, würde sie das weniger kosten, als sie jetzt mit den Streiks an Schäden für das eigene Unternehmen und die Volkswirtschaft insgesamt in Kauf nehme. Da würden «Hunderte Millionen durch den Kamin gejagt», sagte Schell.

Der Vorstand der Deutschen Bahn AG reagierte scharf auf die weitere Streikverschärfung. Offenbar wollten die GDL-Funktionäre für den eigenen Machtanspruch das ganze Land tagelang lahm legen, hiess es in einer Stellungnahme. Der Bahnvorstand werde aber auf Ultimaten nicht reagieren. Er lasse keine Spaltung der Belegschaft in Mitarbeiter erster und zweiter Klasse zu und werde die Tarifeinheit verteidigen.

Bahn verfügt Annahmestopp im Osten

Laut Logistikchef Norbert Bensel reagierte die Bahn mit einem Annahmestopp im Güterverkehr für die neuen Länder auf die Streikankündigung, im Westen wolle sie versuchen, eine Grundversorgung sicherzustellen. Im Personenverkehr erwartet Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch, dass trotz des Streiks zwei Drittel aller Züge fahren, das gelte vor allem für ICE. Eine starke Ausdünnung werde es laut Ersatzfahrplan bei den IC-Zügen geben. Personalvorstand Margret Suckale sagte, die GDL habe mit ihrer Streikankündigung «die Maske vom Gesicht genommen». Sie rief die Gewerkschaft erneut zu Verhandlungen auf. Ein Eingehen auf die GDL-Forderungen würde aber zu einem Desaster führen, warnte sie.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Ludwig Georg Braun, warnte im «Tagesspiegel» vor Produktionsausfällen und Kurzarbeit als Folge der Streiks. Der Vorsitzende der Bahngewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, sagte der «Leipziger Volkszeitung»: «Was die GDL will, bedeutet Spaltung der Belegschaft.» Der stellvertretende FDP-Chef Rainer Brüderle forderte auf N24 die Bundesregierung als Eigentümer der Bahn zum Eingreifen auf. Notfalls müsse Bundeskanzlerin Angela Merkel Bahnchef Hartmut Mehdorn zur Verantwortung rufen. (dapd)

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