Aktualisiert

20. GeburtstagDeutschland feiert - die Linke grollt

In Deutschland gedachten tausende Menschen der Wiedervereinigung vor 20 Jahren. Die Partei «die Linke» beurteilt den Einigungsprozess als nicht gelungen.

Mit zahlreichen Veranstaltungen feierte Deutschland am Wochenende die Vereinigung der zwei deutschen Staaten BRD und DDR. Viele Spitzenpolitiker würdigten den Prozess der Einheit als Erfolgsgeschichte. Aus Sicht der Linken ist die Einheit dagegen «weder vollendet noch gelungen».

Die zentrale Einheitsfeier fand in Bremen statt. Der Stadtstaat hat derzeit den Vorsitz im Bundesrat inne. Von Freitag bis Sonntag lockte ein Bürgerfest nach dem Fazit des Senats rund 350 000 Besucher an. Die Einheitsfeiern waren weitgehend friedlich. Eine unter dem Motto Demonstration am Samstag «Der 3. Oktober ist kein Tag zum Feiern» angemeldete Demonstration mit rund 2000 Teilnehmern blieb überwiegend friedlich. In der Nacht zu Sonntag brannten jedoch drei Autos, ein Bagger und vier Müllcontainer, in einer Postfiliale wurden Scheiben eingeworfen.

Wulff nimmt Ausländerdebatte auf

Bundespräsident Wulff warb beim Festakt in Bremen für einen «neuen Zusammenhalt» und mahnte dabei Solidarität der Stärkeren mit den Schwächeren an. Breiten Raum widmete Wulff der Integration von Zuwanderern. Der Bundespräsident appellierte an sie, der Ruf der Ostdeutschen vor 20 Jahren «Wir sind ein Volk» müsse «heute eine Einladung sein an alle, die hier leben». Zugleich warnte Wulff vor einer Ausgrenzung von Migranten. Dies nicht zuzulassen, sei in nationalem Interesse. Deutschland habe eine christlich-jüdische Geschichte. Aber auch der Islam gehöre heute zu Deutschland.

Wulff räumte ein, dass die Probleme der Integration unterschätzt worden seien. Nachholbedarf gebe es in Integrations- und Sprachkursen. Es müsse mehr Unterrichtsangebote in der Muttersprache und im islamischen Religionsunterricht von hier ausgebildeten Lehrern geben. Zugleich müssten Regeln konsequenter durchgesetzt werden. Mit entschlossener Gegenwehr müsse rechnen, wer die im Land geltenden Werte missachte. Das gelte für fundamentalistische, linke und rechte Extremisten gleichermassen.

Lob für Veränderungsbereitschaft der Ostdeutschen

Der Bundespräsident würdigte ferner die Veränderungsbereitschaft der Ostdeutschen als vorbildlich. Die Menschen im Osten hätten vorgelebt, wie Umbrüche zu meistern seien. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung brauche das ganze Land solchen Mut in einer sich rasant verändernden Welt.

Kanzlerin Merkel rief in der «Welt am Sonntag» zu mehr Anerkennung für die Lebensleistung der früheren DDR-Bürger auf. Es sei schade, «dass manche bis heute nicht sehen oder verstehen wollen, dass das Staatsgebilde der DDR das eine war - und das Leben jedes Einzelnen das andere», betonte die Kanzlerin. Viele Menschen im Osten habe das verletzt.

Der frühere sowjetische Staatschef Michael Gorbatschow unterstrich auf einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche die Rolle der Völker bei der deutschen Wiedervereinigung. Ohne den Einheitswillen der Deutschen und dessen Akzeptanz durch das russische Volk hätte die sowjetische Regierung nicht so handeln können, wie sie gehandelt habe, unterstrich Gorbatschow.

Linke unzufrieden mit Unterschieden

Nachdenkliche Töne kamen von der Linken. «Vieles wurde geschafft, und vielen geht es heute besser als damals», erklärten die Linke-Chefs Gesine Lötzsch und Klaus Ernst. Es seien aber auch «viele Fehler» gemacht worden. Noch immer gebe es keine gleichen Löhne und Renten in Ost und West. «Vieles ist liegen geblieben», beklagten die Linke-Vorsitzenden. DGB-Chef Michael Sommer forderte, es müsse endlich die soziale Einheit hergestellt werden, beispielsweise durch einen einheitlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro pro Stunde in Ost und West.

Gauck «Deutsche können Freiheit»

Auch in Berlin fanden zahlreiche Feiern zum Jahrestag der Einheit statt. Zum Bürgerfest am Brandenburger Tor strömten Zehntausende Menschen. Berliner Senat und das Abgeordnetenhaus hatten den früheren Bürgerrechtler Joachim Gauck am Samstag als Festredner zu einer Feierstunde eingeladen. «Deutsche können Freiheit», sagte Gauck in seiner Rede. Diese Leistung der Menschen im Osten dürfe man niemals vergessen.

Der Bundestag erinnerte mit einer eigenen Feierstunde an die Ereignisse vor 20 Jahren. Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) würdigte im Beisein von Alt-Kanzler Helmut Kohl dessen «herausragenden persönlichen Anteil» daran, dass Nachbarstaaten und wichtige Partner von der deutschen Einheit überzeugt werden konnten. Die Gäste der Feierstunde erhoben sich zu Ehren von Kohl von ihren Plätzen und applaudierten. Lammert betonte ferner, auch bei selbstkritischer Betrachtung der vergangenen 20 Jahre hätten alle miteinander Anlass zu «stillem Stolz und lautem Dank. Das gilt für den Westen gegenüber dem Osten nicht weniger als umgekehrt».

Umrahmt wurde die Feierstunde von kulturellen Beiträgen. Ein Fallschirmspringer landete mit einer Deutschlandfahne in unmittelbarer Nähe des Parlamentsgebäudes. Auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude verfolgten mehrere tausend Bürger den Festakt. Die Feierstunde endete mit der Europahymne und einem Feuerwerk. (dapd)

Helmut Kohl gefeiert

Als Altbundeskanzler Helmut Kohl, der «Kanzler der Einheit», am Sonntag in einem Rollstuhl auf die Bühne vor dem Berliner Reichstag geschoben wurde, winkten ihm Tausende Menschen auf der Reichstagswiese zu. Die Ehrengäste zollten ihm stehend Ovationen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert betonte, mit niemandem verbinde sich die Deutsche Einheit so stark wie mit Helmut Kohl. Heute sei eine gute Gelegenheit, Helmut Kohl für diese historische Leistung zu danken. Sichtlich gerührt nahm Kohl die Glückwünsche zur Kenntnis. Zu der Feier kamen auch Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel sowie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der einzige frei gewählte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière.

Der Vollzug der Einheit war 1990 in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober vor dem Reichstag mit der Staatsspitze und Hunderttausenden Bürgern gefeiert worden. Bis zu eine Million Menschen feierten damals auf den Strassen der Hauptstadt. (SDA)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.