Kampf gegen Neonazis: «Deutschland ist auf dem rechten Auge blind»
Aktualisiert

Kampf gegen Neonazis«Deutschland ist auf dem rechten Auge blind»

Jamel in Mecklenburg-Vorpommern ist seit Jahren fest in der Hand von Neonazis. Nur die Lohmeyers leisten Widerstand – mit einem Rockfestival und offensiver Kommunikation.

von
Felix Traber

Jamel bei Wismar nahe der deutschen Ostseeküste hat durch zahlreiche Berichte traurige Berühmtheit als Deutschlands braunstes Dorf erlangt: In acht von zehn Häusern leben bekennende Rechtsextreme. Nationalsozialistisch anmutende Wandbilder und Plakate lassen keinen Zweifel an der Geisteshaltung der Bewohner offen. Nur das 2003 aus Hamburg zugezogene Ehepaar Birgit (54) und Horst Lohmeyer (56) leistet den Glatzen und NPD-Mitgliedern Widerstand – unter anderem mit dem Festival Jamel rockt den Förster, das seit 2007 auf ihrem Grundstück stattfindet.

Im Hinblick auf den Prozess, der am 4. Juni 2013 gegen die 38-jährige NSU-Rechtsterroristin und mutmassliche Mittäterin bei den «Döner-Morden», Beate Zschäpe, wiederaufgenommen wird, sprach 20 Minuten mit den Lohmeyers.

20 Minuten: Herr und Frau Lohmeyer, Sie leben seit neun Jahren in einem Dorf, in dem die Mehrzahl der Bürger rechtsextrem ist. Wie stark wirkt sich das auf Ihren Alltag aus?

Birgit und Horst Lohmeyer: Es war ja nicht von Anfang an so. Als wir hierherzogen, hatte es einen berüchtigten Rechtsextremen im Dorf, der in den folgenden Jahren seine Kumpane in angekaufte Häuser einziehen liess. Heute sind es 80 Prozent der Einwohner, die eindeutig eine rechtsextreme Gesinnung haben. Wir haben 2007 dagegen Position bezogen, unter anderem mit dem Rockfestival Jamel rockt den Förster. Seither haben wir es immer wieder mit Anfeindungen, Sabotageakten und Bedrohungen zu tun. Die Rechten wollen uns aus diesem Dorf vertreiben.

Was motiviert Sie zum Bleiben?

Einerseits ist dieser alte Forsthof, den wir hier in dieser schönen Landschaft gekauft haben, unser Lebenstraum. Wir haben im Umkreis auch sehr viele nette Menschen kennengelernt. Andererseits ist es die Motivation, uns von niemandem vertreiben zu lassen – weder von Rechtsextremen noch von anderen.

Die Medien berichteten von Kindern, die sie mit Heil Hitler! begrüssen, vom «Happy Holocaust»-Grill oder einem Schild, das die Entfernung nach Braunau zeigt. Wie ist es in Jamel heute?

Da hat sich nicht viel verändert. Weil die Rechten wissen, dass Jamel sehr stark im Fokus ist, zeigen die natürlich auch ständig Flagge und haben auch uns stets im Auge. Vor nicht allzu langer Zeit wurde ein Schild aufgestellt, auf dem Sie uns karikiert und beleidigt haben. Es sind all die kleinen Dinge, die zeigen, dass die nicht untätig sind.

Stimmen die Klischees von den jungen Männern mit Glatzen und Springerstiefeln oder sind die Dorfbewohner eher unauffällig?

Hier im Dorf ist es noch relativ konservativ-rechtsextrem – man sieht hier wirklich die kahlgeschorenen, muskelbepackten Männer, die gern auch tarnfarbene Klamotten tragen. Für die gesamte Szene in Mecklenburg-Vorpommern ist das eher untypisch geworden. Bei der JN, der Jugendorganisation der NPD, sehen die Mitglieder mit ihren Palästinensertüchern und anderen Insignien mittlerweile aus wie der linksautonome schwarze Block. Man spricht ganz gezielt nicht mehr die jungen Leute mit Glatzen und Springerstiefeln an, sondern nutzt generell die Protesthaltung aus.

Vor allem aufgrund Ihrer Medienarbeit ist das «Nazidorf» Jamel in den Medien fast dauerpräsent. Nimmt man Ihnen das im Ort übel?

Mit der Gründung des Festivals haben auch die «neutralen» Familien, die augenscheinlich nichts mit den Rechten zu tun haben, recht kurzfristig den Kontakt mit uns abgebrochen. Wir vermuten, dass sie damit nicht umgehen konnten, zu einer Positionierung gezwungen zu werden. Unser Kontakt im Dorf ist gleich null.

Sie leben wie auf einer Insel im braunen Meer ...

Wir sind so was wie das gallische Dorf von Asterix, das hier wehrhaft die Stellung für die Demokratie hält (lacht). Das ist nicht einfach, aber wir sind ja ehemalige Grossstädter – wir kennen dieses enge dörfliche Miteinander nicht und können es auch nicht vermissen.

Wie weit ist für Sie Jamel in Sachen Rechtsextremismus typisch für Mecklenburg-Vorpommern?

Hier ist es natürlich zugespitzt – acht von zehn Häusern im Dorf sind von Rechtsextremen bewohnt, das gibt es im Land schon nicht so häufig. Es gibt aber mehrere Punkte, in denen man die Szene deutlich verorten kann und wo sie zum gesellschaftlichen Bild gehört. Das macht sie so gefährlich – kaum Bürger, die sich offen dagegen äussern. Dies hat auch damit zu tun, dass die Menschen in Ostdeutschland lange Zeit nicht gelernt haben, in der Öffentlichkeit eine Meinung zu äussern.

Was denken Sie nun über den Prozess gegen die NSU-Terroristen?

Wir beobachten wie viele im Land den Prozess und die ganzen dilettantischen Vorgänge vor dessen Beginn. Es ist ein wichtiger Prozess – er kommt allerdings sehr spät. Uns hat es trotz des grossen Erstaunens in den Medien nicht gewundert, dass diese Mörderbande so lange unerkannt unterwegs sein konnte. Wir sind in direktem Kontakt mit Rechtsextremen und haben der Szene diese Gewalttätigkeit schon immer zugetraut. Man kann nur hoffen, dass nun möglichst viele Täter überführt werden.

Spüren Sie im Zusammenhang mit dem Prozess auch wieder ein gestiegenes Interesse an Jamel?

Mir merken schon, dass wieder vermehrt Anfragen an uns gerichtet werden, vor allem auch wegen der Bilder, um das Thema zu illustrieren. Für uns ist das hilfreich: Durch unsere Semi-Prominenz haben wir einen gewissen Schutz vor rechtsextremen Übergriffen. Wir nutzen das auch, um unseren Mitbürgern zu zeigen, dass man durchaus Zivilcourage zeigen und relativ unbeschadet bleiben kann.

Was bräuchte es Ihrer Meinung nach, damit im Dorf und der Region dereinst ein politisches Umdenken stattfindet?

Im Fall von Jamel gibt es eine Lösung – das Dorf muss mit einem öffentlichen Bildungs- oder Kulturzentrum oder einer Klinik mit Publikumsverkehr aus seiner Einzellage herausgeholt werden. Die Rechtsextremen haben sich ja deswegen so viele Freiheiten im Dorf nehmen können, weil sie sich relativ unbeobachtet fühlen: Wenn es hier eine öffentliche Einrichtung gäbe, wäre das Bild völlig anders. Gesamtgesellschaftlich ist es notwendig, dass alle, die mit der Bildung zu tun haben, auf den Umgang mit dem Thema vorbereitet werden. Sie werden ja eines Tages bereits völlig indoktrinierte Kinder in ihre Klassen bekommen. Die Rechten haben ja viele Kinder, um ihre eigene Bewegung zu stärken, und diese sind extrem ideologisiert.

Was kann sonst getan werden?

Wir sind immer wieder froh, wenn gerade nichtdeutsche Medienvertreter über uns berichten. Wir möchten ganz Europa und alle Bürger der Welt auffordern, den Blick nicht von Deutschland zu lassen, denn wir haben hier ein gravierendes Problem, das sich deutlich von dem in anderen europäischen Ländern unterscheidet. Hier haben wir eine ziemlich starke Szene, die sich nicht scheut, ihre Ziele mit illegalen Mitteln und Waffengewalt durchzusetzen. Deutschland war auf dem rechten Auge sehr lange blind und ist es zum Teil noch immer – nur der Druck aus dem Ausland kann hier etwas ändern.

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