Aktualisiert

Flüchtlingskrise«Deutschland ist kein gespaltenes Land»

Ausartende Fremdenfeindlichkeit trifft auf überbordende Willkommenskultur: Ein Experte erklärt, wie das in Deutschland zusammengeht.

von
Katrin Moser

Brennende Asylheime, Angriffe auf Flüchtlingshelfer, Drohungen und gar Mordversuche gegen Politiker: In Deutschland steigt die fremdenfeindliche Gewalt drastisch. Zugleich machen unsere nördlichen Nachbarn mit einer beispiellosen Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen weltweit Schlagzeilen. Wie geht das zusammen – und was bedeutet das für die nationale Einheit? 20 Minuten fragte Manfred Güllner, Geschäftsführer des renommierten Meinungsforschungsinstituts Forsa.

Herr Güllner, wie erklären Sie den Massenauflauf an der Pegida-Kundgebung vom Montag in Dresden?

Es geht um 15'000, manche behaupten 20'000 Teilnehmer. Das sind nicht viele, wenn man bedenkt, dass es allein in Dresden rund 28'000 rechtsradikale Wähler gibt, und dass viele Demonstranten aus dem Umland und gar aus ganz Deutschland angereist waren. Die Pegida ist keine Massenbewegung, sie ist eine radikale Minderheit.

Laut den Veranstaltern nehmen an den Pegida-Demos aber nicht Rechtsradikale, sondern besorgte Bürger teil.

Die Pegida war von Anfang an eine rechtsradikale Bewegung, die eine Minderheit repräsentiert. Innenminister Thomas de Maizière bezeichnete deren Anführer am Montag zu Recht als rechtsradikale Rattenfänger.

Und was ist mit den Mitläufern?

Das sind ebenfalls Rechtsradikale. Es gibt überhaupt keine Hinweise darauf, dass darunter sogenannte «normale» Bürger aus der Mitte der Gesellschaft wären. Dass Vizekanzler Sigmar Gabriel im Dezember 2014 zum Dialog mit den Pegida-Anhängern aufrief, war eine Fehleinschätzung. Das Einzige, was er dadurch bewirkte, war, dass er dieser Minderheit eine Bedeutung gab, die sie nie hatte.

Muss man denn die Ängste besorgter Bürger wegen den Flüchtlingen nicht ernst nehmen?

Solche Sorgen sind in der Bevölkerung vorhanden. Doch die Mehrheit der Deutschen empfindet den Zuzug der Flüchtlinge nur als eines von vielen Problemen, nicht aber als Bedrohung. Da gibt es andere Dinge, welche die Menschen vor Ort mehr beschäftigen als die Flüchtlingsfrage, etwa die Verödung der Innenstädte, die Verkehrssituation oder der Zustand der Schulen.

Dann ist nicht davon auszugehen, dass sich die Pegida-Bewegung in ganz Deutschland ausbreitet?

Nein. Heute gehören die Ausländer zum Alltag in Deutschland. Deshalb hat Pegida auch keinen Zulauf. Es gibt keine andere Stadt, wo ähnliche Demonstrationen in der Grössenordnung wie in Dresden stattfinden.

Ist die Pegida also ein Dresden-Problem?

Nicht nur. Es ist auch ein Problem der Politiker und der Medien. Die vielen Berichte lassen die Pegida als Massenbewegung erscheinen. Dadurch fühlen sich deren Anhänger aufgewertet und diejenigen, die latent anfällig für Ausländerhass sind, fühlen sich ermuntert, weil sie glauben, dass sie die Mehrheit der Bevölkerung repräsentieren. Wir hatten das schon mal in den 1980er-Jahren, als der «Spiegel» schrieb, dass 50 Prozent der Deutschen ausländerfeindlich seien. Was passierte? Die latent Ausländerfeindlichen rissen die Zaunlatten aus den Zäunen und verprügelten die Türken. Die Zahl der Gewalttaten stieg an, aber nicht die der fremdenfeindlichen Menschen.

Gibt es auch einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Zunahme der fremdenfeindlichen Gewalt und der Pegida?

Man kann sagen, dass hier ein Nährboden geschaffen wird für Gewaltakte. Wichtig ist aber, wie die Politik mit der Pegida umgeht. Man muss diese Menschen als radikale Minderheit ächten und in die richtige Ecke stellen. Man darf nicht sagen, dass man sie ernst nehmen und mit ihnen diskutieren müsse. Man kann mit denen nicht diskutieren. Justizminister Heiko Maas hat dafür jetzt deutliche Worte gefunden. Das Gegenteil ist der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer von der CSU, der sich nicht von den Forderungen der Pegida abgrenzte, sondern von Notwehrmassnahmen redete. Was geschah darauf? Die CSU verlor Stimmen, die AfD gewann dazu.

Wie nahe stehen sich die AfD und die Pegida?

Das ist alles ein- und dieselbe Mischpoke. Die AfD wurde auch falsch eingeschätzt. Gründer Bernd Lucke hat selbst Begriffe wie «Entartung» verwendet, und der wusste genau, wovon er sprach. Auch er schwamm im rechtsradikalen Fahrwasser mit.

Was ist mit der anderen Seite – den Deutschen, die sich der Willkommenskultur verschreiben?

Auch die Willkommenskultur repräsentiert nicht die Meinung der Mehrheit. Sie zeigt vielleicht, dass die Deutschen toleranter geworden sind. Dass sie fast schon pazifistisch wurden, nachdem sie jahrhundertelang ihre Nachbarn mit Kriegen überzogen haben. Das ist sicher positiv. Aber man darf auch das nicht überschätzen.

Dann ist Deutschland also kein gespaltenes Land?

Nein. Die Deutschen waren in der Frage der Ausländer schon immer ambivalent: Mit dem Kopf sagen sie: «Wir brauchen Zuwanderung», mit dem Bauch: «aber ohne Ausländer». Sie brummeln zwar, wenn es in ihrer Nähe Flüchtlingsheime gibt, aber sie vertreten nicht dieselbe Meinung wie die Anhänger der Pegida oder der AfD.

Wie geht es jetzt weiter in Deutschland?

Ich hoffe, dass die Bürokratie mit dem Zuzug der Flüchtlinge einigermassen fertig wird. Dann bleiben Demonstrationen und Fremdenfeindlichkeit lokal beschränkt. Aber auch wenn nicht, bleibe ich zuversichtlich, dass die grosse Mehrheit der Deutschen besonnen bleibt.

Manfred Güllner ist Soziologe, Sozialpsychologe und Chef des Forsa-Instituts, eines der führenden Markt- und Meinungsforschungsinstitute Deutschlands.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.