«Freistoss» mit Georges Bregy: «Deutschland kann nicht schlechter spielen»

Aktualisiert

«Freistoss» mit Georges Bregy«Deutschland kann nicht schlechter spielen»

Noch ein Spiel steht an der Euro 2008 aus. Auch wenn das Endspiel wohl kein Offensivspektakel werden wird, ist für 20-Minuten-Online-Kolumnist Georges Bregy klar: Deutschland wird sich steigern.

In den beiden EM-Halbfinals hat mich eine Mannschaft ganz besonders überrascht: die Türkei! Unglaublich, wie frech das Team von Fatih Terim gegenüber dem favorisierten Deutschland aufgetreten ist. Von der erwarteten ultradefensiven Einstellung war nichts zu sehen. Im Gegenteil: die Türken haben die Deutschen über weite Teile des Spiels in ihre Spielhälfte zurückgedrängt. Das Team von Jogi Löw war völlig überrascht und praktisch während des ganzen Spiels zu keiner Reaktion fähig. Spielmacher Ballack war nur ein Schatten seiner selbst. Er konnte überhaupt nichts bewegen, und ich kann mich nicht erinnern, wann er sich letztmals derart viele einfache Ballverluste geleistet hat. Gegen Ende der ersten Halbzeit waren die Hektik und die Unsicherheit gross. Als Frings für den am Auge verletzten Rolfes eingewechselt werden sollte, waren die Papiere für den Wechsel gar nicht bereit. Am Schluss hiess der Sieger trotz allem wieder Deutschland. Das ist eben die typisch deutsche Effizienz. Es zeigt aber auch, dass diese Mannschaft über eine gewisse Klasse verfügt. Nur mit «Glück» lässt sich das nicht erklären. Die Kampfstärke und der Glaube an sich selbst waren bei den Deutschen einmal mehr beeindruckend.

Russlands Spiel zu aufwändig

Mit dem 4:1 in den Gruppenspielen und dem 3:0 im Halbfinal gegen die Russen haben die Spanier bewiesen, was für ein abgebrühtes Team sie sind. Sie haben ihr gepflegtes Kurzpass-Spiel aufgezogen und der Mannschaft von Guus Hiddink mit einer cleveren Taktik keine Räume für ihre gefürchteten Konter gelassen. Nach dem 1:0 für Spanien war für mich das Spiel bereits gelaufen. Irgendwie ist bei der russischen Mannschaft danach der Faden gerissen. Ich denke, sie waren auch körperlich am Anschlag, denn sie hatten in den letzten drei Spielen unglaublich viel Energie verpufft. Russland hat innerhalb von wenigen Tagen zweimal ganz deutlich gegen Spanien verloren. Trotzdem sind sie für mich die ganz grosse Entdeckung dieser Euro 2008. Hiddinks Team wird in der Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika bestimmt wieder von sich reden machen.

Taktik wird den Final prägen

Beim Blick auf das Finalspiel vom Sonntag können sich die Deutschen mit einem Gedanken trösten: Schlechter als gegen die Türkei können sie gar nicht mehr spielen! So gesehen können sie das wichtige Spiel gelassen angehen. Einen klaren Favoriten gibt es für mich nicht. Mit ihren spielerischen Mitteln könnten die Spanier die Deutschen in Bedrängnis bringen. Und falls es ihnen gar gelingen sollte, in Führung zu gehen, wird es für die Mannschaft von Jogi Löw besonders schwer. Denn wenn die Spanier mal vorn liegen, können sie sich aus dieser Sicherheit heraus noch einmal gewaltig steigern. Die Deutschen ihrerseits werden mit ihrer beeindruckenden Kampfkraft dagegen halten. Der unerschütterliche Glaube an sich selbst ist ein weiteres Plus. Das kann sogar ausschlaggebend sein, falls es zu einer Verlängerung kommen sollte. Generell erwarte ich nämlich ein von der Taktik geprägtes, vorsichtiges Spiel. Der Einsatz ist hoch. Es geht um nichts weniger als den EM-Titel. Da will sich keiner schon nach wenigen Minuten die Finger verbrennen.

Georges Bregy, 20 Minuten Online

Immer wieder schön anzusehen: Georges Bregys legendärer Freistoss an der WM 1994 gegen die USA

Der Kolumnist

Der 54-fache Nationalspieler Georges Bregy spielte jahrelang in der damaligen Nationalliga A für diverse Vereine. Dabei wurde der Walliser Nicht nur Meister (1986) und Cupsieger (1980, 1982), sondern in einer Saison auch als Torschützenkönig (1984) ausgezeichnet. Nach Trainerengagements bei Lausanne, Thun und dem FC Zürich arbeitet er heute als Unternehmensberater. In seiner Freizeit verfolgt er den Schweizer Fussball genau und steht ab der Saison 2008/09 beim FC Red-Star ZH (1. Liga) an der Seitenlinie.

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