20 Jahre Mauerfall: Deutschland will «Genschers Balkon» kaufen
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20 Jahre MauerfallDeutschland will «Genschers Balkon» kaufen

Der Auftritt von Hans-Dietrich Genscher, dem damaligen Aussenminister der BRD, auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag schrieb 1989 Geschichte. Jetzt will Deutschland die Vertretung erwerben.

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Christoph Sator (dpa)

Es ist einer der Orte, an denen vor der Wiedervereinigung Geschichte geschrieben wurde: Die deutsche Botschaft in der tschechischen Hauptstadt. Die Bundesrepublik, bisher nur Mieter des geschichtsträchtigen Gebäudes, will die Vertretung deshalb kaufen.

20 Jahre ist es jetzt her, dass auf dem Gelände des Palais Lobkowicz bis zu 4000 DDR-Bürger Zuflucht gefunden hatten. Sie hofften auf ihre Ausreise nach Westdeutschland. Die Flüchtlinge mussten sich lange gedulden. Aber schliesslich konnte der damalige westdeutsche Aussenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 auf den halbrunden Balkon der Botschaft treten und den vielleicht berühmtesten, unbeendeten Satz der deutschen Politik sprechen: «Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise. ..» Der Rest ging im Jubel unter.

Damit gehört das Botschaftsgebäude auf der Prager Kleinseite ohne Zweifel zu den wichtigsten Schauplätzen des deutschen Wendejahres 1989. Nur: Deutsch ist es eigentlich nicht. Der frisch ernannte Botschafter Johannes Haindl ist dort wie all seine Vorgänger seit 1974 nur zur Miete. Das soll sich ändern: Auf dem ungewöhnlichen Weg eines Immobilientauschs mit Tschechien will die deutsche Regierung im Palais Lobkowicz - benannt nach einer böhmischen Adelsfamilie, die hier von 1753 bis 1927 ihren Stammsitz hatte - Eigentümer werden.

Symbolische Bedeutung

Das Interesse der deutschen Seite an dem Geschäft ist klar. «Das Gebäude hat für uns eine hohe symbolische Bedeutung. Es gehört zur deutschen Geschichte», heisst es im Auswärtigen Amt. Ausserdem ist, langfristig gedacht, der Erwerb für die deutsche Staatskasse gewiss günstiger als ewige Mietzahlungen. Bislang erinnern auf dem exterritorialen Botschaftsgelände eine Plakette auf dem «Genscher-Balkon» und eine Trabi-Skulptur an die damaligen Ereignisse.

Allein: Auch der tschechische Staat als derzeitiger Eigentümer musste bislang noch überzeugt werden. Anfangs war man dort nicht sehr willig. Die ersten Kaufverhandlungen Mitte der 1990er Jahre blieben ohne Erfolg. Jetzt hat sich die Lage geändert.

Tauschgeschäft

Den Deutschen kommt zugute, dass Tschechiens Botschaft in Berlin immer dringender saniert werden muss. Das Gebäude wurde zwar erst Ende der 1970er Jahre erbaut. Aber man sieht ihm an, dass es aus einer ganz anderen Zeit stammt. Der monumentale Klotz aus Beton und braunem Glas - erbaut im Stil des «Brutalismus» - wird heute nur noch von Architekten geschätzt. Für die meisten Berliner ist der bedrohlich wirkende Bau eine schlimme Bausünde.

Ausserdem steht er zu grossen Teilen leer: Zu Zeiten des Kalten Krieges hatte die CSSR hier 250 Mitarbeiter untergebracht, und nicht alle davon waren Diplomaten. Heute sind es noch 28. Auch vielen von ihnen gefällt ihre Arbeitsstätte nicht. Deshalb bietet die deutsche Regierung nun an, dass der EU-Partner mitten in Berlin ein anderes Gebäude aus Bundesbesitz bekommen kann, das derzeit nicht genutzt wird: die ehemalige US-Botschaft in einer Querstrasse des Boulevards Unter den Linden.

Seit dem Umzug der Amerikaner in die neue Botschaft am Brandenburger Tor steht der repräsentative Bau leer. Nun haben sich beide Seiten auf einen international tätigen Gutachter verständigt, der die Immobilien bewerten soll. Es geht um einige Millionen Euro. Die Chancen, dass man sich bis zum 25. Jahrestag im Jahr 2014 einig geworden ist, stehen gut.

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