Menschenrechte in Katar: DFB-Elf erntet Shitstorm für Protest-Shirts – und was macht die Nati?
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Menschenrechte in KatarDFB-Elf erntet Shitstorm für Protest-Shirts – und was macht die Nati?

Ob Norwegens Superstar Erling Haaland oder die Niederlande um Frenkie de Jong: Vor den Partien der WM-Quali haben sich mehrere Nationalteams in der Debatte um die Fussball-WM 2022 in Katar positioniert.

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Ging der Schuss der Deutschen nach hinten los?

Ging der Schuss der Deutschen nach hinten los?

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Die DFB-Elf machte selber T-Shirts mit der Aufschrift «Human Rights». Als das Making-of-Video der Shirts veröffentlicht wurde, fanden das Twitter-User gar nicht korrekt. 

Die DFB-Elf machte selber T-Shirts mit der Aufschrift «Human Rights». Als das Making-of-Video der Shirts veröffentlicht wurde, fanden das Twitter-User gar nicht korrekt.

imago images/Sven Simon
Dänemark zeigte «Football Supports Change» («Fussball unterstützt Wandel»).

Dänemark zeigte «Football Supports Change» («Fussball unterstützt Wandel»).

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Darum gehts

  • Norwegen, Dänemark, Deutschland und die Niederlande protestieren gegen Katar.

  • Diese Nationalteams fordern Nachahmer auf.

  • Die Schweizer Nati wird dem Aufruf wohl aber nicht folgen.

  • Man setze auf Dialog statt Boykott, heisst es beim Verband.

  • Der DFB hingegen kassierte einen Shitstorm.

Nachmachen ausdrücklich erwünscht: Neben der deutschen Nationalmannschaft haben auch die Norweger, Niederländer und Dänen mit Aktionen auf die Menschenrechtslage im WM-Gastgeberland Katar aufmerksam gemacht und mögliche Nachahmer zu ähnlichen Botschaften ermuntert. Die Dänen trugen am Sonntagabend vor der Partie gegen Moldau spezielle T-Shirts mit der Aufschrift «Football Supports Change» («Fussball unterstützt Wandel»).

Die gleiche Botschaft stand auf den schwarzen Shirts, die die niederländischen Nationalspieler um die früheren Bundesliga-Profis Luuk de Jong und Davy Klaassen und Barça-Star Frenkie de Jong am Samstag beim WM-Qualifikationsspiel am Samstagabend gegen Lettland bis kurz vor dem Anpfiff getragen hatten. Danach spielte die Mannschaft von Bondscoach Frank de Boer in Amsterdam in ihren traditionellen Oranje-Trikots – und gewannen 2:0.

Linke Hand mit fünf abgespreizten Fingern

Dortmunds Superstürmer Erling Haaland und seine norwegischen Mitspieler präsentierten vor der 0:3-Niederlage gegen die Türkei weisse Shirts mit dem Aufdruck: «Human rights – On and off the pitch» (Menschenrechte – auf und neben dem Platz). Ausserdem waren Norwegen und Deutschland darauf mit einem Haken versehen, darunter stand «Next?» – wer folgt als Nächstes? Dazu hatten die Spieler ihre linke Hand mit fünf abgespreizten Fingern erhoben. «Das Zeichen ist das bekannteste für Menschenrechte», sagte Sindre Stranden Tollefsen von Amnesty Norwegen dazu der norwegischen Zeitung «Dagbladet».

Bereits am Mittwoch hatten die Spieler von Nationaltrainer Ståle Solbakken ihr erstes Qualifikationsspiel gegen Gibraltar (3:0) für eine stille Botschaft zur Menschenrechtslage in Katar genutzt. Dabei hatten sie bei der Nationalhymne Shirts mit dem Schriftzug für Menschenrechte getragen. Einen Tag später präsentierte die deutsche Nationalelf vor dem Anpfiff gegen Island (3:0) Shirts mit Buchstaben, die gemeinsam das Wort «Human Rights» bildeten.

Für das Video zu dieser Aktion kassierte die DFB-Elf jedoch einen Shitstorm. Twitter-User werfen dem DFB vor, «Marketing mit Menschenrechten» zu machen. Ein User schreibt: «Solche Marketing-Videos nehmen dem Thema doch die Ernsthaftigkeit finde ich.»

Andere sprechen von einer «Doppelmoral».

Julia Duchrow, Stellvertreterin des Generalsekretärs von Amnesty International in Deutschland, lobte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur jedoch den DFB: «Die Trikot-Aktion der deutschen Nationalmannschaft setzt ein öffentlichkeitswirksames Zeichen für Menschenrechte. Die Zeiten, in denen Sport unpolitisch zu sein hatte, sind vorbei.»

Duchrow weiter: «An den gravierenden Menschenrechtsverletzungen in Katar ändert sich jedoch erst etwas, wenn aus der symbolischen Geste praktische Konsequenzen folgen. Amnesty fordert Mannschaften und Verbandsfunktionäre dazu auf, sich zu informieren, wo sie spielen, trainieren und sich aufhalten werden, und ihre Stimme und ihren Einfluss geltend zu machen, um sicherzustellen, dass die Rechte von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten geschützt werden.»

SFV setzt auf Dialog statt Boykott

Eine ähnliche Protest-Aktion des Schweizer Nationalteams ist in nächster Zukunft nicht zu erwarten. Der Schweizerische Fussballverband SFV äusserte sich auf Anfrage von 20 Minuten zu einem möglichen Boykott: «In der Schweiz gibt es seitens der Clubs keine Boykott-Forderungen. Grundsätzlich sind wir wie der norwegische Verband der Meinung, dass mittels Dialog nachhaltig mehr erreicht werden kann als über einen Boykott.» SFV-Präsident Dominique Blanc ergänzt: «Wir wollen uns über den Dialog mit Amnesty International und mit der Fifa aktiv für die Einhaltung der Menschenrechte und für die Verbesserung der Rechte der Arbeiter einbringen und unseren Einfluss geltend machen. Auch Amnesty spricht sich übrigens nicht für einen Boykott aus. Wir haben bereits im letzten Herbst erste Gespräche mit der Fifa und mit Amnesty International geführt. Weitere Gespräche werden folgen.»

Für Blanc spricht gegen einen Boykott: «Die uns vorliegenden Informationen scheinen zu zeigen, dass sich die Situation in Katar in den letzten Jahren verbessert hat, was auch Amnesty International bestätigt. Die Organisation der WM kann zu solchen Verbesserungen beitragen, da ein Land dem Licht der ganzen Welt ausgesetzt ist. Für uns sollte der Fussball genutzt werden, um die Menschenrechte zu fördern.»

Katar steht als WM-Gastgeber 2022 immer wieder wegen Ausbeutung von Gastarbeitern in der Kritik. Nach Recherchen des «Guardian» sind in den vergangenen zehn Jahren mehr als 6500 Gastarbeiter aus fünf asiatischen Ländern gestorben. Katars Regierung erklärte, dass sie in den vergangenen Jahren mit Reformen die Lage der Arbeiter deutlich verbessert habe.

(dpa/hua)

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