Aktualisiert 06.07.2012 11:01

Gefährlich

Diaz' riskantes Pokerspiel beim NHL-Lohn

Rafael Diaz will bei den Montréal Canadiens mehr Lohn. Dieses Unterfangen könnte für den 26-jährigen Verteidiger aber auch in einer Niederlage enden.

von
Klaus Zaugg

Die Montréal Canadiens haben Rafael Diaz eine sogenannte «qualifying offer» (qualifizierte Vertragsofferte) gemacht. Damit sichern sich die Canadiens die Rechte und die Dienste des Schweizers. Diese Offerte muss gemäss Gesamtarbeitsvertrag zwischen der Gewerkschaft (NHLPA) und der Liga (NHL) eine Lohnerhöhung von mindestens fünf Prozent enthalten. Somit haben die Canadiens dem Zuger im neuen Vertrag mindestens 945 000 Dollar Salär angeboten (20 Minuten Online berichtete).

Der Spieler hat allerdings das Recht, die Offerte Montréals beim Lohnschiedsgericht der NHL («salary arbitration») anzufechten. Das hat Diaz nun fristgerecht bis zum 5. Juli getan – so wie insgesamt weitere 15 NHL-Spieler.

Wenn sich die Parteien nicht vorher einigen, wird das Lohnschiedsgericht zwischen dem 20. Juli und 4. August in Toronto entscheiden. Das Urteil dieser Instanz ist für Diaz bindend. Aber die Canadiens können aussteigen («walk away»). Sie würden dann jedoch alle Rechte an Diaz verlieren und im Gegenzug könnte der Schweizer Verteidiger den neuen Arbeitgeber frei wählen.

Hoher Poker ums Salär

Welcher Lohn steht Diaz zu? Das Lohnschiedsgericht orientiert sich bei seinem Entscheid an den Salären vergleichbarer Spieler in der Liga, am Gesundheitszustand, der Erfahrung, den Zukunftsaussichten, aber auch an der finanziellen Situation des Klubs.

Diaz hat letzte Saison in Montréal in 59 Spielen bei einer Bilanz von -7 total 16 Punkte produziert. Auf den ersten Blick sind seine Chancen für eine Lohnerhöhung gering. Weil andere Verteidiger mit einer ähnlichen statistischen Kragenweite letzte Saison gleich viel oder weniger verdient haben (Andy Green, Brian Lee, Aaron Johnson oder Roman Josi). Doch nicht alle diese Saläre sind eine Vergleichsbasis. Weil es sich bei einigen um reglementierte Löhne von Liga-Einsteigern handelt (wie bei Josi).

Der Lotto-Sechser für Gorges

Aufschlussreicher ist der Vergleich mit Josh Gorges (28). Der Kanadier kam wie Diaz, ohne durch den Draft zu gehen, als «free agent» zu Montréal. Er hat im letzten Sommer nach Ablauf seines Dreijahresvertrages eine qualifizierte Offerte der Canadiens mit einem Salär von 1,3 Millionen Dollar ausgeschlagen und das Lohnschiedsgericht angerufen. Gorges ist ein Defensivverteidiger. In seiner besten Saison (2008/09) kam er in 81 Partien auf 4 Tore und 19 Assists bei einer +12-Bilanz. Im letzten Vertragsjahr beendete eine Knieverletzung seine Saison nach 36 Partien (1 Tor/6 Assists/-3). Diaz ist weniger robust und erfahren, alles in allem aber kompletter und talentierter als Gorges und hat damit einen ähnlichen Marktwert.

Die Canadiens warteten den Entscheid des Lohnschiedsgerichtes nicht ab und einigten sich mit Gorges beziehungsweise dessen Agenten Kevin Epp auf einen Einjahresvertrag mit 2,5 Millionen Salär. Diesen Vertrag haben sie noch vor Ablauf am 1. Januar 2012 um sechs Jahre und 3,6 Millionen Dollar Jahreslohn verlängert. Die Anrufung des Lohnschiedsgerichtes bescherte dem Kanadier letztlich einen Lotto-Sechser mit Zusatzzahl.

Diaz' Ungewissheit

Die Aussichten stehen also sehr gut, dass das Lohnschiedsgericht das Salär für Diaz auf 1,8 bis 2,5 Millionen Dollar festlegen wird. Und doch ist es ein riskantes Pokerspiel. Eine aussergerichtliche Einigung ist, anders als bei Gorges, eher unwahrscheinlich. Weil die Canadiens für ihre restlichen Vertragsverlängerungen und Neueinkäufe wegen der Salärobergrenze nur noch rund acht Millonen Dollar zur Verfügung haben. Je nachdem wie sich die Situation bis Ende Juli/Anfang August entwickelt, können die Canadiens bei einem Entscheid des Salärschiedsgerichtes dann immer noch entscheiden, ob sie Diaz behalten wollen oder nicht. Nach wie vor haben die Canadiens die Option, den Schweizer Verteidiger im Rahmen eines Spielertausches zu transferieren.

Das Risiko des Zuger Nationalspielers: Wenn die Canadiens ihn nicht transferieren und auf seine Dienste verzichten, dann kann er zwar gehen, wohin er will – aber sein Agent Craig Oster muss dann einen neuen Arbeitgeber in der NHL finden, den Vertrag neu aushandeln und kann kein Lohnschiedsgericht mehr anrufen (der Klub ist nur noch an das NHL-Mindestsalär von rund einer halben Million gebunden).

Oder noch einfacher gesagt: Diaz hat auf den NHL-Spatz in der Hand (die Minimalofferte für eine Vertragsverlängerung in Montréal) verzichtet und hofft auf die NHL-Taube auf dem Dach (rund doppeltes Salär bei den Canadiens oder anderswo).

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