18.11.2020 05:06

Mit Kreide gegen sexuelle Belästigung«‹Dich würde ich gern richtig flachlegen› – ich war 14, er 55»

Eine Gruppe von 12 jungen Frauen hat in Basel das Street-Art-Projekt ins Leben gerufen, das international bereits unter dem Namen «Catcalls of …» bekannt ist. Damit soll ein Zeichen gegen verbale sexuelle Belästigung gesetzt werden.

von
Lea Lozano
Steve Last
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Die Aktion gehört zu einem Street-Art-Projekt, das international bereits unter dem Namen «Catcalls of …» bekannt ist. Damit soll ein Zeichen gegen das sogenannte Catcalling, sprich verbale sexuelle Belästigung auf der Strasse oder in anderen öffentlichen Räumen, gesetzt werden. 

Die Aktion gehört zu einem Street-Art-Projekt, das international bereits unter dem Namen «Catcalls of …» bekannt ist. Damit soll ein Zeichen gegen das sogenannte Catcalling, sprich verbale sexuelle Belästigung auf der Strasse oder in anderen öffentlichen Räumen, gesetzt werden.

Instagram/Catcallsofbsl
Seit Ende Oktober stösst man auf den Strassen von  Basel immer wieder auf farbige Kreideschriftzüge. 

Seit Ende Oktober stösst man auf den Strassen von Basel immer wieder auf farbige Kreideschriftzüge.

Instagram/Catcallsofbsl
Zu lesen sind meist anzügliche Sprüche oder Bemerkungen.

Zu lesen sind meist anzügliche Sprüche oder Bemerkungen.

Instagram/Catcallsofbsl

Darum gehts

  • Unter dem Namen «Catcalls of …» wird derzeit in Städten rund um den Globus mit einem Street-Art-Projekt ein Zeichen gegen verbale sexuelle Belästigung gesetzt.

  • Eine Gruppe von zwölf jungen Frauen hat das Projekt nun auch in Basel ins Leben gerufen.

  • Im Gespräch mit 20 Minuten erklärt eine von ihnen, was es damit auf sich hat.

2016 startete das Street-Art-Projekt «Catcalls of NYC» in New York in den USA. Frauen, die von sexueller Belästigung auf der Strasse betroffen waren, begannen, die ihnen zugerufenen Sprüche am Tatort auf den Boden zu schreiben. Drei Jahre später gab es die Protest-Bewegung weltweit, wie CNN berichtete. Nun ist sie in der Schweiz angekommen.

Ob Zürich, Bern oder Basel, in den Schweizer Städten werden Belästigungen mit farbiger Kreide am Boden angeprangert. Besonders aktiv sind die zwölf Aktivistinnen, die hinter dem Basler Ableger «Catcallsofbsl» stecken. 20 Minuten durfte mit einer von ihnen sprechen.

«Wir haben dieses Projekt gestartet, weil viele von uns und unseren Bekannten schon einmal ‹gecatcalled› wurden. Nach so einem Vorfall fühlt man sich oft lange unsicher und erniedrigt», sagt die junge Frau, die gerne anonym bleiben möchte. Auf Instagram seien sie auf das ursprüngliche «Catcallsofnyc» aufmerksam geworden und hätten daraufhin beschlossen, Ende Oktober in Basel dasselbe zu starten. «Wir wollen damit auf das Problem aufmerksam machen und Catcalling entnormalisieren», so die Frau.

«Viele verstehen nicht, wie schlimm Catcalls wirklich sind»

Die Gruppe, die in Basel hinter dem Projekt steht, besteht aus Frauen im Alter von 17 bis 19 Jahren. Wenn sie eine neue Nachricht erhalten, mache sich jemand von ihnen auf den Weg und halte das Ereignis mit Kreide am Ort des Geschehens fest. «Es ist uns wichtig, das Erlebnis der Person an den Tatort zu schreiben, damit man sieht, wo es passiert ist, und um darauf aufmerksam zu machen, dass es überall passieren kann», heisst es seitens der Gruppe.

Seit sie das Projekt am 22. Oktober gestartet haben, seien bereits zahlreiche Rückmeldungen eingegangen. Neben vielen positiven Nachrichten – oft von Menschen, die auch schon von der Problematik betroffen waren – habe es auch negatives Feedback gegeben. «Der Inhalt dieser Nachrichten ist meist, dass man das Kompliment einfach annehmen und nicht so dumm tun soll. Nachrichten wie diese zeigen uns, dass unser Projekt wichtig ist, da viele Menschen nicht verstehen, wie schlimm diese Catcalls wirklich sind.»

Warum heisst es «Catcall/-ing»?

Die Herkunft des Wortes «Catcall» (auf Deutsch Katzenruf) ist nicht ganz klar. Sprachforscher vermuten, dass die ersten Catcalls aus dem 17. Jahrhundert stammen, wo Zuschauer an Veranstaltungen mit einer Tröte, die wie der Ruf einer Katze klang, ihr Missfallen ausgedrückt haben.

Eine mögliche Verbindung ist das Pfeifen. Missfallen wird nicht nur mit Buh-Rufen, sondern oft auch mit Pfiffen ausgedrückt. Pfeifen wurde in den USA in Filmen und Cartoons in den 1930er-Jahren aber auch als Ausdruck des Gefallens popularisiert. Dieses Gefallen kann wiederum auch verbal und auch in Form von sexueller Belästigung zum Ausdruck gebracht werden. So könnte sich Bedeutung des Katzenrufs ausgeweitet haben.

«Boden für schwerere Delikte»

«Oft nehmen Frauen sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum als ‹gehört halt dazu› wahr», sagt Corina Elmer, Geschäftsführerin der Frauenberatung Sexuelle Gewalt. Diese Normalisierung übergriffiger Handlungen sei bei vielen Frauen verinnerlicht: «Meine Grenzen und meine sexuelle Selbstbestimmung werden nicht respektiert», beschreibt Elmer die Auswirkungen. «Diese breite Toleranz dieser Herabwürdigung bildet den Boden für schwerere Delikte», sagt sie. Manche Betroffenen realisierten erst im Falle schwerer Gewalt, dass der Anmachspruch Teil des Problems sei, das eine Vorstufe dazu bildet.

Die Aktion der Catcall-Aktivistinnen stuft Elmer als wichtig ein: «Sie zeigen auf, dass hier etwas passiert ist, dass nicht in Ordnung ist», betont sie. Damit werde das Handeln der Belästiger, das nicht auf Augenhöhe mit den Betroffenen stattfinde, aus der Normalität gerissen und sichtbar gemacht. «Die Nachricht ist: ‹Es ist nicht okay und kommt viel zu oft vor›», so Elmer.

Sie warnt allerdings davor, die Verteidigung nur auf die Betroffenen und Opfer abzuwälzen. «Wenn man so etwas beobachtet, kann man einschreiten. Entweder weist man die Täter darauf, dass ihr Handeln nicht in Ordnung ist, oder man fragt die Betroffenen, ob sie Unterstützung benötigen», empfiehlt sie. Die Täter seien Teil der Gesellschaft, und diese sei auch in der Verantwortung, zu intervenieren.

Wirst du oder jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

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