Dick ist nicht ungesund: «Dicke sollen sich nicht schuldig fühlen»

Aktualisiert

Dick ist nicht ungesund«Dicke sollen sich nicht schuldig fühlen»

Entgegen jahrzehntelanger Forschung soll Dicksein nicht ungesund sein. Experten fordern nun ein Umdenken in der Prävention von Übergewicht.

von
Deborah Sutter
Auch diese Frau entspricht nicht dem gängigen Schlankheitsideal.

Auch diese Frau entspricht nicht dem gängigen Schlankheitsideal.

Bisher galt der Grundsatz «dick gleich ungesund»: Eine neue Studie zeigt nun aber das genaue Gegenteil – vorausgesetzt das Fett sammelt sich nicht nur an der Taille an. «Mit leichtem Übergewicht, also bis etwa Body Mass Index 30, ist man gesünder als wenn man ganz schlank wäre», sagt einer der Forscher, Luc Pellerin von der Uni Lausanne. Man lebe länger und sei stressresistenter: «Das läuft der klassischen Sicht entgegen, dass Übergewicht ungesund ist und man es loswerden muss.»

Pellerin fordert eine Anpassung der Präventionsbemühungen des Bundes: «Menschen mit leichtem Übergewicht sollten sich nicht länger schuldig und schlecht fühlen», kritisiert Pellerin. Man solle aufhören zu versuchen, alle in die gleiche Form pressen zu wollen. Die jetzige Präventionsstrategie des Bundes beinhaltet TV-Spots, in denen etwa ein Burger zu Gunsten eines Apfels weggelegt wird.

Stadler: «Endlich bekommen die Dicken mal Recht»

Der Immunologe Beda Stadler hält die Präventionskampagnen ebenfalls für übertrieben: «Diese Studie gibt endlich einmal den Dicken Recht und verunsichert die Dünnen. Denn Spass im Leben erreichen die meisten nun mal nur mit Übergewicht – denn unser Urprogramm lautet: Iss so viel, so fett und so süss wie möglich.»

Trotz der Vorwürfe eines propagierten Schlankheitsideals hält Roland Stähli vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Zürich an den gemässigten Präventionsstrategien fest: «Wir sagen nicht, je dünner desto besser. Aber um Adipositas vorzubeugen, sollte Übergewicht bereits im mittleren Stadium stabilisiert werden. Und körperliche Fitness ist ebenso wichtig wie das Gewicht.»

«Übergewicht ist etwas Gutes», sagen Forscher aus Deutschland und den USA. Denn Dicke hätten mehr Überlebenskraft und seien resistenter gegen Stress. Statistiken zeigen: Dünne Dialysepatienten sterben früher als dicke. Und Dicke, die einen Herzinfarkt hinter sich haben, leben ebenso länger wie dicke Patienten nach schweren Operationen, nach Schlaganfall oder Hirnblutung und Dicke mit Krebs.

Jahrzehntelang wurde behauptet, Dicksein sei ungesund – Sie kommen zu einem ganz anderen Ergebnis... Luc Pellerin*: Das war eine grosse Überraschung, die wir erlebt hatten: Dicke leben länger und ist eine gesunde Art der Stressbewältigung. Übergewicht ist also sogar etwas Gutes.

Jahrzehntelang wurde behauptet, Dicksein sei ungesund – Sie kommen zu einem ganz anderen Ergebnis... Luc Pellerin*: Das war eine grosse Überraschung, die wir erlebt hatten: Dicke leben länger und ist eine gesunde Art der Stressbewältigung. Übergewicht ist also sogar etwas Gutes.

Woher kommt denn die längere Lebensdauer und die höhere Stressresistenz?

Das hängt mit unserem egoistischen Hirn zusammen: In Stresssituationen verlangt es vom Körper ausreichend Energie, selbst wenn das auf Kosten der anderen Organe geht. Bei Dicken funktioniert dieser Zugriff des Gehirns auf die Fettdepots nicht. Und darum reagieren sie weniger stark auf Druck.

Sollen wir also eher zulegen als abnehmen?

Wir sollten akzeptieren, dass Übergewicht keine Krankheit ist, sondern dass jeder Mensch schlicht einfach anders gebaut ist. Der soziale Druck, dünn zu sein, wird so eigentlich hinfällig.

sut

*Luc Pellerin ist Hirnstoffwechsel-Spezialist und Professor für Neurowissenschaft an der Uni Lausanne.

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