Botschafts-Besetzung: Die 444 Tage von Teheran
Aktualisiert

Botschafts-BesetzungDie 444 Tage von Teheran

Der Angriff auf die britische Botschaft in Teheran weckt Erinnerungen an die Besetzung der US-Vertretung vor 32 Jahren. Sie war eine tiefe Demütigung für die Weltmacht Amerika.

von
pbl
Die Botschaftsbesetzer führen eine Geisel vor.

Die Botschaftsbesetzer führen eine Geisel vor.

Am 4. November 1979 stürmten radikale Studenten die US-Botschaft in Teheran und nahmen die Mitarbeiter als Geiseln. 444 Tage sollte sich die Krise hinziehen, bis die letzten 52 Gefangenen freikamen. Das Geiseldrama führte die Ohnmacht der USA vor, trug zur Wahlniederlage von Präsident Jimmy Carter bei und reihte sich ein in die lange Kette gegenseitiger Demütigungen, die eine Versöhnung zwischen den USA und Iran bis heute so schwer machen.

Das US-Trauma der Niederlage in Vietnam lag erst vier Jahre zurück, als das neuerliche Fiasko seinen Lauf nahm. Teheran glich im Herbst 1979 einem brodelnden Kessel. Nach der Flucht des Schahs kämpften revolutionäre Strömungen um die Macht. Was sie einte, war der Hass auf die USA, die den unpopulären Monarchen so lange gestützt hatten. Wie so oft demonstrierten an jenem Tag junge Revolutionäre vor der US-Botschaft. Diesmal blieb es nicht bei Parolen: Hunderte Demonstranten stürmten das Gelände.

Hilfloses Krisenmanagement

Eigentlich geniessen Botschaften exterritoriale Immunität. Die Gastländer sind zum Schutz verpflichtet. Doch Irans revolutionärer Eifer setzte sich über die Feinheiten des Völkerrechts hinweg. Die Studenten erklärten die US-Bürger auf dem Gelände zu Gefangenen und führten sie mit verbundenen Augen vor.

Die Forderung der Geiselnehmer: Die USA sollten den Schah, der in einer amerikanischen Klinik behandelt wurde, nach Iran ausliefern. Gegen die Revolution des Ayatollah Khomeini, so lautete die Botschaft, könne selbst die westliche Supermacht nichts ausrichten.

Das Krisenmanagement der Regierung Carter verstärkte den Eindruck der Hilflosigkeit. Der Präsident legte Protest ein. Seine Regierung fror iranische Bankguthaben ein, stoppte den Import iranischen Öls, rief den UNO-Sicherheitsrat an. Sanktionen scheiterten aber am Veto der Sowjetunion. Im April 1980 brachen die USA die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab – sie sind bis heute nicht wiederhergestellt.

Gesamte Nation als Geisel der Krise

In den USA baute sich enormer Druck auf. «Gemessen an der öffentlichen Aufmerksamkeit und den emotionalen Auswirkungen hat kein Ereignis jener Zeit die Amerikaner so sehr mitgenommen», schreibt der US-Historiker David Farber in seinem Buch über die Krise. «Millionen brachten ihre Solidarität mit den Geiseln zum Ausdruck. Sie schrieben Briefe und steckten sich gelbe Schleifen als Symbol der Solidarität an. Im Fernsehen verfolgten sie jede Wendung. Die gesamte Nation wurde zur Geisel der Krise.»

Präsident Carter geriet immer mehr in die Defensive. In den USA war Wahlkampf. Im April 1980 gab Carter den Geheimbefehl zur gewaltsamen Befreiung der Geiseln. Was folgte, war eine militärische Blamage. Die «Operation Adlerklaue» war schlecht vorbereitet. Kampfhelikopter gerieten über der Wüste in einen Sandsturm. Ein Helikopter kollidierte mit einem Flugzeug, explodierte und stürzte ab.

Acht US-Soldaten starben, die Luftwaffe brach den Einsatz ab. Die Soldaten liessen Militärgerät und Geheimdienstunterlagen im Sand zurück - eine Niederlage ohne Kampf, Sinnbild für die Krise der Weltmacht. Die USA waren dem Spott der Ayatollahs preisgegeben. Bewegung in das Geiseldrama kam erst, als im Juli 1980 der Schah starb und im September der Irak im Iran einmarschierte. In Teheran liess das Interesse an den Geiseln nach.

Freilassung absichtlich verzögert?

Am 4. November, dem ersten Jahrestag der Geiselnahme, verlor Jimmy Carter die Wahl gegen den Republikaner Ronald Reagan. Am 20. Januar 1981, wenige Minuten nach Reagans Vereidigung, liess der Iran die Geiseln frei. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Reagans Leute die Iraner dazu gedrängt hatten, die Geiseln erst nach der Wahl freizulassen. Im Gegenzug sollten die Mullahs Waffen und Ersatzteile für den Krieg gegen Saddam Hussein erhalten.

Erhärten liess sich das Gerücht jedoch nie. Ironie der Geschichte: Die Anführer der Geiselnehmer stehen heute auf Seiten der iranischen Reformbewegung gegen Präsident Mahmud Ahmadinedschad. (pbl/sda)

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