26.07.2018 03:44

Öffentlicher Verkehr

«Die Abschaffung der 1. Klasse wäre asozial»

Die 1. Klasse sei asozial, sagen Juso-Politiker. Experten widersprechen: Ihre Abschaffung wäre fatal für den öffentlichen Verkehr.

von
Stefan Ehrbar
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«Zu Stosszeiten geniessen Pendler in der 1. Klasse reichlich Platz, während sich alle anderen in die 2. Klasse zwängen müssen», findet die Juso. Sie will deshalb die 1. Klasse abschaffen.

«Zu Stosszeiten geniessen Pendler in der 1. Klasse reichlich Platz, während sich alle anderen in die 2. Klasse zwängen müssen», findet die Juso. Sie will deshalb die 1. Klasse abschaffen.

Keystone/Christian Beutler
Auf dieses Anliegen machte sie am Montag, 23. Juli 2018, mit einer Aktion aufmerksam. Doch Experten halten nichts von der Idee.

Auf dieses Anliegen machte sie am Montag, 23. Juli 2018, mit einer Aktion aufmerksam. Doch Experten halten nichts von der Idee.

Juso
Die 1. Klasse sei in der Branche «unumstritten», heisst es bei der Branchenorganisation ch-direct. SBB-Sprecher Oli Dischoe spricht von einem Kundenbedürfnis.

Die 1. Klasse sei in der Branche «unumstritten», heisst es bei der Branchenorganisation ch-direct. SBB-Sprecher Oli Dischoe spricht von einem Kundenbedürfnis.

Keystone/Christian Beutler

«Zu Stosszeiten geniessen Pendler in der 1. Klasse reichlich Platz, während sich alle anderen in die 2. Klasse zwängen müssen», heisst es in einer Mitteilung der Juso. Die Partei forderte am Montag mit einer Aktion die Abschaffung der 1. Klasse in den Zügen. Die aktuelle Verteilung der Sitzplätze sei «realitätsfern», zu Stosszeiten sei man quasi sicher, in der 2. Klasse keinen Platz mehr zu finden, sagt Juso-Zentralsekretärin Julia Baumgartner. «Die Situation in der 2. Klasse grenzt oft ans Unerträgliche.»

Doch das würde eine Abschaffung der 1. Klasse bewirken? Gäbe es dann mehr Platz im Zug – und welche Auswirkungen hätte das auf die Einnahmen?

Zum Teil mehr Leute in der 1. Klasse

Bei der Branchenorganisation ch-direct heisst es, die Aufteilung des Angebots auf zwei Klassen sei innerhalb der Branche «unumstritten». SBB-Sprecher Oli Dischoe sagt: «Das Angebot der 1. und 2. Klasse entspricht einem Kundenbedürfnis.» Wie viele 1.-Klass-Wagen eingesetzt werden, orientiere sich an der Nachfrage. Im Regionalverkehr sei die 1. Klasse abhängig vom Angebot, das die Kantone bestellen und finanzieren. «In einigen Fällen ist die Auslastung der 1. Klasse höher als in der 2. Klasse», sagt Dischoe. Das dürfte vor allem auf beliebte Pendlerstrecken wie Zürich-Bern zutreffen, auf denen viele Inhaber eines 1.-Klass-GA unterwegs sind.

Eine Auswertung der Open-Data-Zahlen der SBB durch 20 Minuten zeigt: Von etwas mehr als 230'000 Sitzplätzen, die das SBB-Rollmaterial bietet, sind etwa 22,5 Prozent solche der 1. Klasse. Im Zürcher Verkehrsverbund (ZVV), in dem etwa die Hälfte des Schweizer Regionalverkehrs stattfindet, beträgt der Anteil der 1.-Klass-Sitze der S-Bahnen 20 Prozent.

«Die 1. Klasse macht finanziell Sinn»

Sprecher Thomas Kellenberger sagt, der ZVV habe sich bei der Beschaffung neuer S-Bahn-Züge bewusst wieder für eine 1. Klasse entschieden. «Es gibt Pendler, die den ÖV nur nützen, wenn eine 1. Klasse zur Verfügung steht. Einen Teil davon würden wir wohl verlieren, wenn wir sie abschaffen würden», sagt er. Auch aus finanzieller Sicht ergebe die 1. Klasse mit höheren Preisen Sinn: «Der ZVV ist ein mit Steuergeldern subventioniertes Unternehmen des Kantons. Pendler mit einem 1.-Klass-Billett leisteten somit einen Beitrag zur Verminderung des Defizits.»

Der ZVV geht davon aus, dass die Sitzplatzkapazität nur um fünf Prozent gesteigert werden könnte, wenn die 1. Klasse abgeschafft würde. Das geht aus einer Antwort des Zürcher Regierungsrats aus dem Jahr 2011 hervor. Allerdings gibt es in der Zürcher S-Bahn in der 1. Klasse im Gegensatz zum Fernverkehr der SBB eine engere Bestuhlung. Das liegt laut dem Regierungsrat daran, dass der Wunsch nach einem Sitzplatz bei der S-Bahn-Kundschaft wichtiger sei als ein allfälliger Komfortgewinn durch breitere Sitze.

«ÖV spricht alle Schichten an»

Würde die 1. Klasse abgeschafft, sei das ganze System in Gefahr, heisst es im Schreiben. «Der öffentliche Verkehr in der Schweiz spricht alle sozialen Schichten der Gesellschaft an. Der vergleichsweise hohe Anteil an 1.-Klasse-Fahrausweisen belegt das», schreibt die Zürcher Regierung. «Eine klassenlose Bahn wäre der breiten Akzeptanz kaum zuträglich.»

Von einer «asozialen Idee» spricht gar Marco Salvi, Forschungsleiter bei Avenir Suisse und Ökonomie-Dozent an der ETH. «Wenn es nur einen Preis gäbe, würden die Einnahmen zurückgehen. Verlierer wären die Passagiere der 2. Klasse», sagt er (siehe Box).

«Die 2.-Klass-Passagiere wären die Verlierer»

Herr Salvi*, was halten Sie von der Idee, die 2. Klasse abzuschaffen?

Als ich davon gehört habe, musste ich schmunzeln. Die Idee wirkt naiv – und eine solche Massnahme wäre sogar asozial.

Wieso?

Wenn es nur einen Preis gäbe, würden die Einnahmen zurückgehen. Momentan kann die SBB zwei Preise durchsetzen. Würden die Klassen abgeschafft, würde sich der Service eher an der 1. Klasse orientieren und der Preis steigen. Die 2.-Klass-Passagiere wären die Verlierer.

Die Juso argumentiert mit mehr Platz und damit, dass Raum zu einem Privileg der Reichen geworden sei.

Die Klassen sind nur ein Mittel, die unterschiedliche Zahlungsbereitschaft der Kunden für dasselbe Produkt auszunutzen. Im Prinzip verkauft die SBB eine Reise von A nach B. In einem Zug finden sich aber Leute, die dafür unterschiedlich viel zahlen würden. Indem man das Produkt mit kleinen Unterschieden in der 1. Klasse aufwertet, outen sich die Leute mit der höheren Zahlungsbereitschaft sozusagen freiwillig. Das ermöglicht höhere Einnahmen, folglich auch ein grösseres Angebot. Die 1.-Klass-Passagiere subventionieren so jene in der 2. Klasse. Das ist aber nur ein Mechanismus.

Welche anderen Mechanismen gibt es?

Unterschiedliche Preise für Senioren und Kinder oder Abos sind im Prinzip auch Klassen. Im Unterschied etwa zu den Hochgeschwindigkeitsstrecken in Italien oder Frankreich macht die SBB eher noch zu wenig Preisdifferenzierung. Dort sind Billette etwa günstiger, wenn früh gebucht wird, oder teurer am Wochenende, und es gibt oft eine Reservationspflicht. Wahrscheinlich würden sogar Zürcher Pendler mehr bezahlen für eine Zugreise als Pendler aus dem Jura. Solche Massnahmen wären für die SBB aber politisch heikel. Die SBB ist zu wenig frei, um solche subtileren Mechanismen anzuwenden. Oder sie hat es noch nicht nötig.

*Marco Salvi ist Ökonom bei Avenir Suisse.

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