Coronavirus: «Die aktuelle Epidemie ist nicht mehr aufzuhalten»
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Coronavirus«Die aktuelle Epidemie ist nicht mehr aufzuhalten»

Ein Experte erwartet einen schnellen Anstieg der Anzahl Erkrankungen. Das BAG bereitet sich darauf vor.

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dgr
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Richard Neher ist Professor am Biozentrum der Universität Basel und Experte für die Verbreitung von Viren. Für ihn ist klar, dass sich die aktuelle Epidemie nicht mehr aufhalten lässt. In den nächsten Tagen rechnet er mit einer schnellen Zunahme der Erkrankungen.

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Um sich vor einer Ansteckung mit dem neuen Coronavirus zu schützen, setzen viele Menschen auf Masken, wobei man zwischen Hygiene- und Atemschutzmasken unterscheiden muss.

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Keystone/AP/Matteo Bazzi

Neun bestätigte Fälle des Coronavirus gibt es derzeit in der Schweiz, rund 20 Menschen sind in Quarantänestationen isoliert. Acht Infizierte haben sich in Italien angesteckt, ein Mann aus dem Kanton Waadt stammt aus Frankreich. Die nackten Zahlen klingen, allein betrachtet, wenig erschreckend. Dennoch bereitet sich der Bund auf ein Szenario vor, in dem das Virus sich unkontrolliert verbreitet. Das war am Donnerstag eine der Kernaussagen der Medienkonferenz des Bundesamts für Gesundheit (BAG).

«Sobald wir es nicht mehr schaffen, mit dem Contact Tracing und dem Isolieren der Fälle einen wesentlichen Beitrag zur Verlangsamung der Epidemie beizutragen, müssen wir die Strategie ändern», sagte Daniel Koch, Leiter der Abteilung Infektionskrankheiten des BAG, vor den Medien. Der Grund sei einfach: «Wir müssen in dem Moment die Kräfte der Fachleute und der Spitäler auf die Personen ausrichten, die schwerer erkrankt sind.» Dann seien die negativen Auswirkungen nicht so gross. «Wann wir diese Massnahme verhängen, hängt nicht von einer konkreten Fallzahl ab, sondern von der Schnelligkeit der Ausbreitung. Es kann aber relativ schnell geschehen», sagte Koch.

«Jeder Erkrankte steckt zwei bis drei weitere an»

Auch Richard Neher, ausserordentlicher Professor am Biozentrum der Universität Basel und Experte für die Evolution und Verbreitung von Viren, geht davon aus, dass wir in den nächsten Tagen einen schnellen Anstieg der Fallzahlen sehen werden. «Eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, ist bereits nicht mehr möglich», sagt Neher. «Wir können die Ausbreitung lediglich verlangsamen.» Das Problem einer Epidemie sei, dass das Virus sich wie bei einem Schneeballsystem ausbreite: «Eine erkrankte Person steckt im Durchschnitt zwei bis drei weitere Personen an. Deshalb verbreiten sich Viren bei einer Epidemie so schnell.»

Bei diesen Zahlen könne es Ausreisser nach oben wie nach unten geben: «Wenn jemand isoliert und ohne Kontakt zu anderen Menschen erkrankt und auch wieder genest, kann er natürlich niemanden anstecken. Begibt sich ein Erkrankter aber beispielsweise an ein Konzert oder an einen anderen Ort, an dem sich viele Menschen auf engem Raum aufhalten, kann er auf einen Schlag Dutzende von anderen Menschen anstecken», sagt Neher.

Epidemie könnte schon in wenigen Tagen ausser Kontrolle geraten

Laut dem Experten macht es keinen Sinn mehr, die Infektionskette nachzuvollziehen und so zu versuchen, die Ausbreitung aufzuhalten, sobald sich auf einen Schlag Dutzende von Menschen anstecken. «Dann geht uns schlicht das Personal aus, um die einzelnen Kontakte zu eruieren.» Danach gehe es nur noch darum, die Ausbreitung zu verlangsamen.

Das Beispiel Italien habe gezeigt, dass es nur wenige Tage dauern kann, bis es so weit ist. Zwischen dem 22. und dem 24. Februar stieg die Anzahl bestätigter Erkrankungen dort von 79 auf 239. Obwohl die Regierung ganze Dörfer absperrte, sind mittlerweile bereits über 400 Erkrankungen bestätigt.

Sobald die Behörden sich auf eine Verlangsamung der Ausbreitung des Virus konzentrieren, liegen die nächsten Schritte laut Neher auf der Hand: «Je mehr Kontakt Erkrankte zu anderen Menschen haben, desto grösser ist die Gefahr, dass sie jemanden anstecken. Dann müssen Themen wie Homeoffice, die Absage von Grossveranstaltungen oder das Meiden der öffentlichen Verkehrsmittel angesprochen werden», sagt Neher.

Im schlimmsten Fall drohen Zustände wie in Wuhan

Der Experte skizziert gegenüber 20 Minuten ein bestmögliches und ein schlimmstmögliches Szenario für die Schweiz: «Im besten Fall breitet sich das Virus jetzt langsam aus und die Zahl der Neuansteckungen erreicht im Sommer einen Tiefststand. Bis im Herbst ist eine effiziente Impfung jedermann zugänglich. So könnte die Epidemie relativ schnell in den Griff gekriegt werden.»

Zum Worst-Case-Szenario sagt Neher nur: «Wuhan.» In der chinesischen Metropole ist das Virus erstmals ausgebrochen. Die Regierung hat schnell drastische Massnahmen eingeleitet und die Stadt abgeriegelt. Mehr als acht Millionen Menschen dürfen die Stadt nicht verlassen, trotzdem leiden schon jetzt Tausende unter der vom Coronavirus verursachten Lungenkrankheit.

Diese Massnahmen sind bei einer weiteren Verbreitung vorgesehen

Das Bundesamt für Gesundheit erarbeitet seit 1995 einen Influenza-Pandemieplan für den Fall, dass es in der Schweiz zu einer Grippepandemie kommt. Daneben existiert das Epidemiegesetz, welches die Zuständigkeiten bei der Bekämpfung übertragbarer Krankheiten regelt. Es ist seit 2016 in Kraft und ermöglicht eine frühzeitige Erkennung, Überwachung, Verhütung und Bekämpfung.

Derzeit befindet sich die Schweiz noch im Normalzustand. Für die Bekämpfung des Coronavirus sind hauptsächlich die Kantone zuständig, der Bund wirkt im Hintergrund mit.

aufzuhalten ist die Epidemie dann nicht mehr. Ruft der Bund eine «besondere Lage» aus, kann er auch Veranstaltungen absagen, gewisse öffentliche Einrichtungen schliessen oder Firmen zwingen, ihre Mitarbeiter in Home Office zu schicken.

Dann gilt de Facto das Notrecht: Der Bund beschliesst im Alleingang, welche Massnahmen angebracht sind und setzt diese durch.

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