2000 tote US-Soldaten: Die Amerikaner haben den Krieg vergessen
Aktualisiert

2000 tote US-SoldatenDie Amerikaner haben den Krieg vergessen

In Afghanistan sterben immer noch fast täglich ausländische Soldaten, viele davon durch Feinde in den eigenen Reihen. Die Amerikaner aber haben den Krieg verdrängt.

von
Peter Blunschi
Ein Ausbildner des US Marine Corps beim Schiesstraining mit afghanischen Soldaten.

Ein Ausbildner des US Marine Corps beim Schiesstraining mit afghanischen Soldaten.

Der Aufruhr in der arabischen Welt hat den Krieg in Afghanistan aus den Schlagzeilen verdrängt. Dabei sterben noch immer fast täglich westliche Soldaten im Kampf gegen die Taliban. Diese Woche etwa fiel laut einer Berechnung der «New York Times» der 2000. US-Soldat seit Kriegsbeginn im Oktober 2001. Pikant: Mehr als die Hälfte der Verluste entfällt auf die Amtszeit von Präsident Barack Obama. Er hatte den Krieg 2010 mit der Entsendung von 30 000 zusätzlichen Soldaten intensiviert.

Eine Entwicklung beunruhigt die Nato besonders: Immer häufiger werden ihre Soldaten nicht durch Taliban-Bomben getötet, sondern von Afghanen in Armee- oder Polizeiuniform. Seit Jahresbeginn zählte die Internationale Afghanistan-Schutztruppe Isaf 32 solcher Vorfälle, bei denen 40 ausländische Soldaten getötet wurden. Im gesamten vergangenen Jahr seien es 21 Angriffe mit 35 Toten gewesen. In letzter Zeit hat sich das Problem dermassen zugespitzt, dass die Nato letzte Woche eine Krisensitzung durchführte.

Immer mit geladener Waffe

Dabei ordnete US-General John Allen, der Kommandant der Isaf-Truppe, nach Angaben von US-Medien an, dass ausländische Soldaten ab sofort immer geladene Waffen tragen müssen. Ausserdem müssen sie bei Treffen mit bewaffneten afghanischen Sicherheitskräften mindestens von einem «Schutzengel» bewacht werden. Dieser solle mit geladener Waffe bereitstehen, um sofort schiessen zu können, wenn ein Afghane versuche, Isaf-Soldaten zu töten, schreibt die «New York Times».

Erst am letzten Freitag hatten Afghanen in zwei Fällen auf Soldaten der Nato-geführten Truppen geschossen und zwei US-Soldaten getötet. Eigentlicher «Wendepunkt» aber war der 10. August, als in der Provinz Helmand gleich sechs Mitglieder des US Marine Corps von Feinden in den eigenen Reihen erschossen wurden. Besonders alarmierend: Bei allen Todesopfern handelte es sich nicht um gewöhnliche Soldaten, sondern um Ausbildner. Bislang glaubte man, diese seien aufgrund ihrer Nähe zu den Afghanen sicherer.

Von Taliban unterwandert?

Die Isaf führt die meisten Überfälle nicht auf Infiltration der Taliban zurück, sondern auf Ressentiments gegenüber den «Besatzern» oder Stress. Ein Polizeikommandant erklärte der «New York Times», solche Vorfälle seien «das Produkt einer gewalttätigen Gesellschaft». Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar dagegen betonte in einer am letzten Freitag verbreiteten Botschaft zum Ende des Fastenmonats Ramadan, die Aufständischen hätten die afghanischen Sicherheitskräfte unterwandert.

«Dank der Infiltration sind die Mudschaheddin in der Lage, sicher in Basen, Büros und Geheimdienstzentralen des Feindes einzudringen», so Mullah Omar. Der untergetauchte Taliban-Chef rief Soldaten und Polizisten auf, sich den Aufständischen anzuschliessen. Nach einem Rückzug der ausländischen Truppen würden die Taliban sich um eine islamische Regierung unter Einbeziehung aller Fraktionen bemühen. Das «islamische Emirat» werde sich nicht in Angelegenheiten anderer Staaten einmischen und internationales Recht respektieren. Die Einführung der Scharia in Afghanistan sei nicht verhandelbar.

Kein Thema im Wahlkampf

An der amerikanischen «Heimatfront» werden solche Meldungen kaum noch zur Kenntnis genommen. Die Amerikaner haben den ungeliebten Krieg verdrängt, im Präsidentschaftswahlkampf ist er trotz der vielen toten Soldaten kein Thema. Für NBC News ist der Konflikt, den Präsident Obama als «Notwendigkeit» bezeichnet hatte, inzwischen «Amerikas vergessener Krieg».

Mit Material der SDA

Afghanistan beschuldigt ausländische Spione

Die Regierung in Kabul hat «ausländische Spione» für die jüngste Serie von Angriffen von afghanischen Polizisten und Soldaten auf Angehörige der internationalen Schutztruppe verantwortlich gemacht. Präsidentensprecher Aimal Faisi erklärte am Mittwoch, Geheimdienste, darunter auch solche aus benachbarten Ländern, seien an den meisten der Angriffe beteiligt gewesen. Namen nannte er aber nicht.

Schon in der Vergangenheit hatte Afghanistan den Geheimdiensten von Iran und Pakistan vorgeworfen, sie unterstützten die Aufständischen und destabilisierten das Land. Die Überprüfung von Rekruten für den Polizei- oder Armeedienst solle nun verstärkt werden, kündigten Faisi und Vertreter der Sicherheitsbehörden an. Präsident Hamid Karsai spreche über dieses Thema auch mit Nato-Kommandant General John Allen. (dapd)

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