Einbruchsopfer: Die Angst danach
Aktualisiert

EinbruchsopferDie Angst danach

Panikzustände, Schlaflosigkeit, Erschöpfung: Opfer von Einbrüchen leiden teils jahrelang. Die Uni Zürich will ihnen jetzt mit einem Selbsthilferatgeber zurück in den Alltag helfen.

von
N.Jecker

Sie dringen in die Wohnung ein, reissen Privates aus Schränken und Schubladen und nehmen sämtliche Wertgegenstände mit. Im Herbst sind im Schutz der Dunkelheit wieder vermehrt Einbrecher unterwegs. Dies zeigen Zahlen der Versicherungsgesellschaft Allianz. Jedes Jahr verzeichnet man dort direkt nach der Zeitumstellung auf einen Schlag rund 20 Prozent mehr Schadensmeldungen.

Auch laut dem Bundesamt für Statistik gibt es im November jeweils fast doppelt so viele Einbrüche wie etwa im Juli. «Wir stellen seit Beginn der Winterzeit einen starken Anstieg an Einbruchdiebstählen fest», sagt auch der Baselbieter Polizeisprecher Nico Buschauer. Im Jahresschnitt verschaffen sich in der Schweiz Kriminelle alle acht Minuten Zugang zu einer Wohnung oder einem Haus. Damit liegt die Schweiz, was Einbrüche angeht, europaweit auf Platz 1.

Jeder Fall hinterlässt Opfer, die teilweise noch lange danach darunter leiden. «Bei ihnen kommt es zu einer sogenannten Anpassungsstörung. Sie haben Mühe, sich an das Geschehene zu gewöhnen», sagt Rahel Bachem vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Diese Störung äussert sich unter anderem durch zwanghaftes Grübeln, grosse Ängste und Schlaflosigkeit in Verbindung mit Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten.» In manchen Fällen werde es so schlimm, dass die Betroffenen in ihrem Alltag stark eingeschränkt seien. So hätten einige Opfer Angst, das Haus zu verlassen. Andere trauten sich hingegen kaum mehr in ihre Wohnung und würden irgendwann sogar umziehen.

Selbsttest: Wie sehr leide ich?

Bachem hat nun einen Leitfaden erarbeitet für alle, die auch mehrere Wochen nach dem Einbruch noch unter solchen Symptomen leiden. Die Broschüre wurde in Zusammenarbeit mit der Versicherung Mobiliar entwickelt und bietet Betroffenen auf über 80 Seiten Informationen und praktische Hilfe. Rund drei Wochen nach einem Einbruch empfiehlt Bachem, den Selbsttest auf den ersten Seiten zu machen. Anhand von verschiedenen Fragen soll man herausfinden, wie stark einen das Erlebte belastet. Danach folgen konkrete Hilfestellungen. «Wir haben Anleitungen zu therapeutischen Übungen zusammengestellt, die etwa bei der Behandlung von Depressionen eingesetzt werden», so Bachem.

Caroline Wilhelm wurde vor rund zwei Jahren selbst Einbruchsopfer und hat lange unter einem Verlust des Sicherheitsgefühls gelitten. Seit diesem Herbst trägt sie auf www.einbruch-diebstahl.ch Infos und Adressen für andere Betroffene zusammen. Wilhelm hat Bachems Selbsthilfebuch zum Probelesen bekommen und findet die Idee sehr gut: «Es ist grundsätzlich hilfreich, wenn jemand in dieser Situation der Machtlosigkeit etwas Konkretes tun kann», sagt sie. Der Ratgeber sei ausserdem verständlich geschrieben und die Übungen sehr einfach durchzuführen. «Schliesslich muss aber jeder selbst einen Weg finden, das Erlebte so einzuordnen, dass es nicht überhandnimmt.» Wilhelm selbst hat das geschafft. «Auch wenn ich beim Heimkommen auch heute noch zuerst die Fenster und Türen kontrolliere, ist es keine Belastung mehr.»

Universität macht Studie mit Einbruchsopfern

Inwiefern der Ratgeber anderen helfen kann, will Bachem jetzt herausfinden. Sie führt eine Studie mit Betroffenen durch, bei denen der Einbruch zwischen drei Wochen und drei Monaten zurückliegt. Wer Interesse hat, kann sich beim Psychologischen Institut der Universität Zürich melden. «Wir möchten so erfahren, was wir noch verbessern könnten.» Die Studienteilnehmer erhalten ein Exemplar der Selbsthilfebroschüre.

Im Buchhandel gibt es sie bislang hingegen nicht. Die Mobiliar wird sie nach Einbrüchen bei Bedarf an ihre Versicherten verteilen. «Da die Opferhilfe in der Regel bei einfachen Einbrüchen nicht greift, gibt es hier eine Lücke im Service Public, die wir damit schliessen möchten», sagt Tanja Roth von der Mobiliar.

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