Aktualisiert 26.10.2010 13:09

«Brücke-ins-Nirgendwo»

Die Angst der Politiker vor dem grossen Wurf

Aus Furcht vor ausufernden Kosten werden in den USA nur wenige Grossprojekte an die Hand genommen. Dabei wäre ein Ausbau der Infrastruktur dringend nötig.

von
David Porter und Michael Rubinkam, AP
Grossprojekte wie der Hoover-Staudamm wären in den USA heute kaum vorstellbar. Die Angst vor einem finanziellen Fiasko ist zu gross.

Grossprojekte wie der Hoover-Staudamm wären in den USA heute kaum vorstellbar. Die Angst vor einem finanziellen Fiasko ist zu gross.

Überall in den USA stehen milliardenteure Infrastrukturprojekte auf der Kippe: Ein Bahntunnel in New York, ein weiteres Bahnprojekt auf Hawaii und ein Strassentunnel in Seattle sind nur einige Bauvorhaben, deren Aussichten auf Verwirklichung derzeit schwinden. Gründe sind die Folgen der Finanzkrise, aber auch Überlegungen von Politikern, die die Staatsausgaben senken wollen. Projekte wie der Hooverdamm oder der Aufbau eines weitverzweigten Autobahnnetzes, das von Küste zu Küste reicht, wären heute nur schwer vorstellbar.

Im US-Staat New Jersey drohte der Gouverneur des Staats, der Republikaner Chris Christie, ein Tunnelprojekt zu stoppen, das die Metropole New York mit dem Hinterland in New Jersey verbinden soll. Es ist aktuell das grösste Infrastrukturprojekt der USA. Mit dem Bahntunnel sollen die Zahl der möglichen Pendlerzüge verdoppelt werden und 6000 Arbeitsplätze sofort und 40 000 nach der geplanten Fertigstellung 2018 entstehen.

Wegen Steuerzahlern

Rund sechs Milliarden Dollar der Baukosten werden von der US-Regierung und den Hafenbehörden von New York und New Jersey übernommen. Anfang Oktober kündigte Christie an, das Projekt wegen drohender ausufernder Kosten stoppen zu wollen. Seit 2005 sind sie von ursprünglich fünf Milliarden Dollar auf über neun Milliarden Dollar geklettert. Christie fürchtet, sie könnten bis auf 14 Milliarden Dollar steigen. Er könne den Steuerzahlern diese unklaren Kosten nicht aufbürden, sagte er.

Auf Hawaii kündigte die republikanische Gouverneurin Linda Lingle an, dass sie einen von der US-Regierung unterstützten Bau einer 5,5 Milliarden Dollar teuren Bahnstrecke nicht absegnen könne, solange eine aktualisierte Wirtschaftlichkeitsstudie nicht vorliege. Diese wird wohl kaum mehr vor Ablauf ihrer Amtszeit in zwei Monaten fertig werden, sodass das Projekt vom Wohlwollen ihres Nachfolgers abhängt.

«Brücke-ins-Nirgendwo-Syndrom»

In Seattle drohte der neue Bürgermeister Mike McGinn damit, den Bau eines grossen Strassentunnels zu stoppen, der den baufälligen, von Erdbeben beschädigte Küstenstrasse Alaska-Way-Viaduct ersetzen soll. Das könne teurer als die geplanten 4,2 Milliarden Dollar werden, so seine Befürchtung. «Die Frage der Gesamtkosten des Tunnels war schon vor der Finanzkrise eine Sorge der Bürger, und ich glaube die ernste Lage der Staats- und Stadtfinanzen sorgt dafür, dass die Leute ein so teures und riskantes Projekt noch kritischer betrachten», sagt McGinn.

«Die Menschen sehen mittlerweile jedes Grossprojekt als Geldverschwendung an und das ist schlichtweg falsch», sagt Andrew Goetz, Professor an der Universität von Denver und Verkehrsexperte. «Ich nenne es das 'Brücke-ins-Nirgendwo-Syndrom'». Aus dem Ruder gelaufene Projekte erhielten viel Aufmerksamkeit und belasteten selbst solche, die sinnvoll seien.

Brücke für 50 Menschen

Die sogenannte «Brücke ins Nirgendwo» sollte Hunderte Millionen kosten und eine Kleinstadt im US-Staat Alaska mit einer Insel verbinden, auf der 50 Menschen leben. Die damalige Gouverneurin Sarah Palin unterstützte das Projekt einst. Mit ihrer Kandidatur für die Vizepräsidentschaft wurde auch die Brücke berühmt. Das Projekt wurde schliesslich eingestampft.

Andere Länder sind durchaus bereit, Geld in ihre Infrastruktur zu investieren. Algerien baut für 11,2 Milliarden Dollar eine Autobahn quer durchs Land und in Indonesien soll eine zehn Milliarden Dollar teure Brücke die Inseln Java und Sumatra miteinander verbinden. Und nicht nur Entwicklungs- und Schwellenländer geben Geld für Strassen und Gleise aus. Australien lässt sich die Beseitigung des Verkehrschaos in Melbourne 38 Milliarden Dollar kosten und Japan baut für 70 Milliarden Dollar eine Autobahn von Tokyo nach Osaka.

Amerikaner unzufrieden mit dem aktuellen Zustand

Laut eines Berichts des US-Finanzministeriums geben die USA etwa zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bau und Erhalt der Infrastruktur aus - etwa halb so viel wie 1960. China hingegen gebe rund neun Prozent seines BIPs für Infrastruktur aus und Europa im Schnitt fünf Prozent. Dabei seien die Amerikaner mit dem Zustand der alternden Infrastruktur unzufrieden, heisst es in dem Bericht. Aber sie seien auch nicht scharf darauf, Geld dafür auszugeben.

Die Vereinigung der amerikanischen Ingenieure hat errechnet, dass die USA in den kommenden fünf Jahren zusätzlich 1,1 Billionen Dollar ausgeben müssten, um Strassen, Brücken, Dämme und andere öffentliche Güter wieder in einen guten Zustand zu versetzten.

100 sinnvollste Infrastrukturprojekte

Die Beratungsfirma CG/LA Infrastructure hat eine Liste mit den 100 sinnvollsten Infrastrukturprojekten Nordamerikas zusammengestellt. Darauf standen unter anderem: ein neues Luftverkehrsleitsystem, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke von Minneapolis nach Chicago und der Tunnel, den New Jerseys Gouverneur nun vielleicht stoppen will.

Die Grossprojekte, die noch gebaut werden, wurden grösstenteils noch vor der Finanzkrise verabschiedet. Neue Projekte sind rar. Dabei sei der Bedarf an Verbesserung und Ausbau der Infrastruktur während der wirtschaftlichen Krisenzeiten genauso vorhanden, wie während der Boom-Jahre, urteilt das Finanzministerium in seinem Bericht.

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